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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-06-02 · Heft 22 (2.6.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 22 (2.6.1844)
Date
1844-06-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wer aber noch in so naiven Vorstellungen lebt, wie Hr. Luzzato, den können wir, die wir alle vom Baume der Erkenntniß gekostet haben, zwar um seine Unschuld beneiden, aber ihn zu bekämpfen wäre nutzlos und Sünde. Der Reformverein ist überhaupt keine ungestüme Sturmglocke, welche die Schläfer wider ihren Willen aufstört, er ist eher dem bescheidenen Nachtwächter vergleichbar, welcher ausruft was an der Zeit ist; wer nicht hören will, der schlafe in Gottes Namen weiter. Wer den Satz, daß der Mensch nicht äußerlich einen anderen darstellen soll als er innerlich ist, so wepig begreift wie Hr. Luzzato, und ihn noch obendrein mit solchen Gründen widerlegt, wie er es gethan hat, der gehört in das Jnvalidenhaus, nicht in das Kampfgewühl unserer Zeit; wagt er sich dennoch hinein, so ehre man seinen Muth und weiche ihm achtungsvoll aus. An dem Orte, wo, nach einem freilich sehr zweideutigen Zeugnisse, die Glieder des Herrn Schwerdtlein ruhen sollen, mag so was vielleicht noch als philosophische Betrachtung gelten, bei uns haben das längst die Schulbuben an den Schuhen abgetreten. Ich möchte Herrn Luzzato dem Reformverein gegenüber einem alten Großvater vergleichen, der aus feinem Lehnsessel über die neue Zeit, die er nicht begreift, Klage führt, und die Enkel zur Rückkehr zur guten alten Ordnung vermahnt. Solche Red'm hört man geduldig an, dankt für den gutgemeinten Rath und — vergißt sie. — Darum wende ich mich an Sie. der sich als einen fortschreitenden und mitstrebenden ankündigt. Ich muß jedoch, ehe ich zu dem Einzelnen übergehe, noch einige allgemeine Bemerkungen machen. Ich stehe für alles, was ich hier sagen werde, persönlich ein, aber ich muß im Voraus dagegen protestiren, wenn man etwa den Reformverein dafür verantwortlich machen wollte. Ich darf es nicht zugeben, daß man alle, welche die „Erklärung" unterschrieben haben, für etwas zur Rechenschaft zieht, was keiner gesehen hat, wenn ich auch nicht bezweifele, daß viele in meinen Behauptungen das Wesentliche ihrer Ansicht wieder finden werden. Ich bin aber eben so wenig gesonnen, meinerseits für alles das einzustehen, was einer und der andere, welche dem Reformvereine beigetreten sind, gesagt haben oder noch sagen könnten; ich habe nur das zu vertheidigen, was ich selbst gesagt oder ausdrücklich gebilligt habe. Die Mitglieder des Reformvereins haben niemals erklärt, solidarisch für einander haften zu wollen, gemeinsam ist ihnen Nichts als die „Erklärung** die jeder unterschrieben und also auch jeder zu verantwortea bat. Ich will durch diese Bemerkung für die Zukunft einem Mißbrauche Vorbeugen, den man ganz besonders mit Aeußerungen getrieben hat, die man unter »reinem Namen cursiren ließ, vor einem Mißbrauche, den mau am wenigsten von Juden hätte erwarten sollen. In der That hat keine Genossenschaft mehr als die jüdische unter dem heillosen Verfahren gelitten, welches eine Gesammtheit für das verantwortlich macht, was Einzelne thun oder sprechen. Ist doch auch jetzt noch die Zeit nicht vorüber, wo man gern jeden jüdischen Beutelschneider zum Repräsentanten des ganzen Judenthums machen will? Man hatte hoffen dürfen, daß Juden, die das Verderbliche eines solchen Beginnens nur allzutief fühlen müssen, sich dessen enthalten würden. Aber die Leidenschaft kennt keine Ueberlegung, sie denkt nicht daran, daß der vergiftete Pfeil, den sie abfchießt, auf sie zurückprallen könnte, ihr genügt die Hoffnung, den Gegenstand ihrer augenblicklichen Wuth zu verletzen. Eine zweite Bemerkung betrifft Sie selbst. Sie wollen den Reformverein vom Standpunkte des fortschreitenden Rabbinismus beleuchten; das ist auch der einzige rabbinische Standpunkt, an welchen» unS gelegen fein kann. Mit dem lahmen Rabbinismus haben wir ein für allemal gebrochen. Aber das Wort Fortschritt, ein so schönes Wort wie es ist, ein so unbestimmtes ist es. Es zeigt allerdings einen Gegensatz des Stillstandes an, ob aber der Fortschritt auch den Anforderungen der Notwendigkeit genügt, das ist eine andere Frage. Ein Rabbine kann sich zu den fortschreitenden zählen und dennoch bereits von dem Bedürfnisse der Zeit weit überholt sein. Ich durfte daher erwarten, daß sie eine scharfe Bestimmung des Sinnes geben würden, in welchem Sie das Wort Fortschritt nehmen, eine genaue Angabe des Zieles, welches Ihr fortschreitender Rabbinismus zu erreichen sucht, und bei welchem angelangt er rufen würde: bis hierher und nicht weiter. Nur dann hatte sich untersuchen lassen, ob Sie den Maßstab, welchen Sie an den Reformverein anlegen, auch richtig gebraucht haben. Leider haben Sie hierüber das tiefste Stillschweigen beobachtet. Oder sollten Sie diese Weitläufigkeiten für überflüssig gehalten haben? sollte der fortschreitende RabbimsmuS wirklich so ganz eines Sinnes, sein Standpunkt ein so unzweifelhafter, allbekannter sein, daß es nicht nöthig war, darüber weitere Worte zu verlieren? Das will mir nicht einleuchten, im Gegentheit muß ich behaupten, daß,

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