Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1844)
- Date
- 1844-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m nicht gestattet, mich m dies« Tugend so weit zu vervollkommnen, um sie auch gegen andere zu üben, so will ich es wenigstens versuchen, an meinem eigenen Barte, wie man lzu sagen pflegt, scheeren zu lernen. Ich «erde sehr indiscret gegen mich selbst sein, indem ich hier eine Reihe von Briefen drucken lasse, die ich wahrscheinlich, ohne dieses Motiv, der Post zur stillen Beförderung übergeben hatte. Das Publikum kann hierbei nur gewinnen und wird mir daher die Zudringlichkeit verzeihen. Denn wenn es doch einmal der Unannehmlichkeit nicht entgehen kann, daß man ihm meine Briefe aufnöthigt, so muß es ihm jedenfalls lieb sein, sie unversehrt und aus der ersten Hand zu erhalten. Sollten die verehrten Herren, an welche diese Briefe gerichtet sind, es der Mühe werth halten, sie zu beantworten, so ersuche ich sie, es in diesen Blattern oder im „Orient" zu thun, da diese Organe des Judenthums mir am leichtesten zugänglich sind. Ich bemerke zugleich, daß ich unberufene Zwischenredner durchaus nicht berücksichtigen werde. — I. An den Herrn Rabbinen Leopold Stein. Seitdem ich Ihre Beleuchtung des Frankfurter Reformvereins im vorigen Jahrgänge des „Orients" gelesen habe, hege ich fortwährend den Wunsch, mich mit Ihnen über manche Ihrer Aeußerungen und Ansichten zu besprechen. Neben Arbeiten, die.ich nicht verschieben durfte, hat mich bis jetzt auch noch ein besonderer Umstand an der Ausführung dieses Wunsches verhindert. Ich habe mehrmals einen Anlauf genommen, aber kaum hatte ich Die Feder ergriffen, als ich sie wieder sinken ließ. Ich konnte es nicht verhindern, daß mir, indem ich meine Gedanken sammelte, nicht auch die unsauberen Urtheile einfielen, von welchem seit fast einem Jahre Zeitungen und Zeitschriften überfließen, und da verdarb mir die eckelhafte Erinnerung jedesmal auf lange Zeit die Lust über diesen Gegenstand in weitere Erörterungen einzugehen. Ich habe diesen Schmutz der jüdischen Literatur erst vergessen müssen, ehe es mir gelungen ist — und vielleicht doch nicht ganz — in die reine Stimmung zu kommen, ohne welche ich mich Ihnen nicht nähern wollte. Wie es wol bei einem ausbrechenden Kriege zu geschehen pflegt, daß zuerst, und schon vor der förmlichen Kriegserklärung, zuchtloses Gesindel, zumal bei Nacht und Nebel, über die Grenze geht und, von keinem Völkerrechte wissend, unerhörten Unfug treibt, so hat auch der Reformverein, schon ehe er ins Leben getreten war, die Plackereien elender Scribenten aushalten müssen, die, in der Regel unter der Tarnkappe feiger Anonymität versteckt, nichts zur Entscheidung, viel zur Verwirrung beitrugen. Die Reformsreünde waren besonnen genug, diesem Treiben nichts entgegen zu setzen als ein verachtendes Stillschweigen; welche Ehre, welchen Gewinn konnte es auch bringen, sich mit diesen Gedankenkosaken herum zu balgen? Ganz besonders hat sich Einer hervorgethan, den ich eben deßwegen als Kosakenhetmann bezeichnen möchte. Der Mann ist in einem sonderbaren zoologischen Jrrthume befangen, er weiß nicht, daß ein Levialhan etwas ganz anderes ist, als ein ungewöhnlich großer Stockfisch. Ich hoffe zuversichtlich, daß man ihn auch ferner seine ergötzlichen Philippiken in Ruhe weiter schreiben lassen wird. Ich wenigstens werde ihn nicht stören, besonders da ich ihn seit einer gewissen Zeit mehr als bedauere, seit der Zeit nemlich, wo er sich nicht gescheut bat von unserm großen Rießer zu sagen, er habe mit Abfall vom Judenthume gedroht. Das schelte mir Keiner eine Perfidie, das war absolut dumm. Man muß aber das Leben dieses Menschen so genau kennen, wie es mir zufällig bekannt ist, um ganz zu ermessen, was das heißen wollte. Daß die Orthodoxie sich einen solchen Bundesgenossen wählte, das mag sie vor ihrem eigenen Gewissen verantworten. Ich datire den Beginn des ernstlichen Streites von Ihrer Beleuchtung, womit ich indessen nicht die Möglichkeit ausschließen will, daß nicht auch andere ehren« werthe Männer sich bereits früher und tadelnd über die Reformbestrebungen ausgesprochen haben, ich will nur sagen, daß mir nichts der Art bekannt ist. Die Organe des Judenthums kommen mir spat und spärlich, zum Theil gar nicht, zu Gesicht, und auch dieß ist ein Grund, weswegen ich mich jetzt erst an Sie wende. Nur einen wüßte ich noch zu nennen, der sich bereits vor Ihnen geäußert hat, den Herrn Professor Luzzato. Aber abgesehen davon, daß er die Sache nur unklar nach Zeitungsartikeln aufgefaßt hat, steht er auch mit seiner ganzen Anschauung so außer unserer Zeit, daß von einem Streite nicht die Rede sein kann. Die Erklärung der Reformfreunde hat sich nicht ohne Be, deutung als eine Erklärung deutscher Israeliten angekündigt. Wie sie ein Produkt der Gedankenarbeit ist, die wir Deutschen seit Lessing durchgemacht haben, so kann sie auch nur von solchen Begriffen angegriffen und vntheidigt werden, welche sich, bewußt oder unbewußt, in der Richtung dieser geistigen Entwickelung befinden