Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1844)
- Date
- 1844-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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168 werden drohte, brach Geiger ab. Sie kennen das hiesige jüdische Publikum, das vielhäuptige! Ein Theil hat noch immer alten Sklavensinu, der Magistratslawpenputzer ist ein nTvor dem mau den Hut ziehen muß, und der hätte in Sack und Asche Buße und Abbitte thun mögen vor jedem Stadtverordneten ob -er kecken Wagniß seines Rabbinen, ein anderer Theil bedauerte, -aß Geiger'in einen Streit gerathen sei. ein dritter, ihm abgeneigter, suchte zu schüren, und nur der geringste stimmte ihm unzweideutig bei. Und dennoch war der Erfolg, wie ihn die Gerechtigkeit verlangte. Bei der Verhandlung, welche die Unternehmer mit dem Hrn. Oberbürgermeister Pinder hatten, diesem Wackern aus Schön's Schule, drang dieser, die Ausschließung abwehrend^ durch, und das Hospital wird nun in vollem Sinne ein städtisches werden. — (Schluß folgt:) Nordhausen. Das 28. Stück der Allg. medicinischen Ztg. herausgegeben von dem jetzt hier lebenden Medicinalrath Sachs, theilt aus einer Schrift des Pariser Arztes und Professors Michael Levi u. A. Folgendes mit: „Große Forscher der neueren Zeit, Herr Salvador an der Spitze, haben sich vielfach über das Großartige und die Harmonie in den mosaischen Einrichtungen ausgesprochen, doch hat man sich mit den von Moseerwähnten Krankheiten mehr, als mit seinen sanitätspolizeilichen Gesetzen beschäftigt, welche sich gewiß nicht blos als einzelne, unzusammenhängende Conjecturen, sondern als ein ausgedehntes Praservationssystem ergeben, dem es an einem logischen Bande durchaus nicht gebricht, wenn man nur die einzigen ihm zu Gebote stehenden', Ausführungsmittel erwägt, welche allein auf religiöse Einschüchterung begründet, Bestand haben konnten. Darum ist auch die biblische Prophylaxis mit religiösen Ceremonieen und Gebräuchen umpanzert, welche dem hygienischen Zwecke fremdartig erscheinen, nnd darum so oft den oberflächlichen Beobachter zu falschen, ungerechten Urtheilen verleitet haben. Nach dem Sanitätssystem des Moses versieht der Priester (Cohen) den ersten Dienst; er muß die ersten Spuren der Ansteckung untersuchen, er allein vermag sie von andern Krankheiten zu unterscheiden, und darf daher allein die fatale Sequestrationsverordnung aussprechen. Ist der Lepröse geheilt, so ist es wiederum der Cohen, der seinen Rücktritt ins bürgerliche Leben zu gestatten hat. Da nun dieser gesundheits-polizeiliche Beamte in der Religion allein die zur Ausübung seiner Amtspflicht nöthige Autorität finden konnte, so überrascht es keineswegs, wenn bloße Genesung nicht hinreichte, die Ausschließungsverordnung gegen die Behafteten aufzuheben, sondern daß, da dir Krankheit einmal als von Gott ausgehende Strafe betrachtet wurde, auch eine Reinigung und Aussöhnung des Convalescenten mit dem Ewigen durch den Cohen für nöthig befunden wurde. Durch dieselbe wurde nicht allein das Ansehen und die Autorität der Cohen gesichert, sondern sie diente auch als Garantie für die wahrhafte Genesung. Die Oeffentlichkeit und Feierlichkeit der Ceremonieen war hierbei sogar nöthig, um den Rest von Scheu und Widerwillen zu beseitigen, welchen die Erinnerung an jene Krankheit bei der [Umgebung des Patienten Hervorrufen konnte. Daß der Kranke von der Gemeinschaft mit den Gesunden durchaus abgeschlossen wurde, wer möchte es tadeln, bei einer Zeit, wo es weder eine Diagnostik, noch eine Therapeutik gab? Jede sociale Gesetzgebung hat die Verpflichtung, das Individuum der Masse zu opfern. Darum auch wurde das Jsolirungsprincip von Moses auf Menschen und Sachen ausgedehnt in Fällen von erklärter Lepra, von Urethral- [und Menstrual-Fluß. „Der Lepröse muß zerrissene Kleider tragen, sein Haar ungeordnet lassen und bis zu den Lippen eingehüllt ausrufen: Unrein, unrein!" Darauf wird er aus dem Lager entfernt, am 7. Tage von neuem untersucht und wenn die Lepra sich bestätigt, werden die Kleider verbrannt und ander» nöthige Maßregeln ergriffen. Ist die Lepra geheilt, so beginnt die Reinigung, doch bleibt der Lepröse noch 7lTage außerhalb seines Zeltes. Inzwischen hat er 2 Mal seinen Leib gewaschen, sein Haar geschoren und 2 Mal seine Kleider gereinigt. Aber auch das von ihm früher bewohnte Gebäude wird für unrein erklärt, und bedarf, je nach der Heftigkeit des Uebels, einer gesteigerten Reinigung; es wird bloß geschlossen, aber die Steine, welche der Kranke beschmutzt hat, werden ausgebrochen, die Wände abgekratzt, oder das ganze Gebäude zerstört. In leichtern Fällen sichert der Cohen das Haus mit dem Blute eines geschlachteten Vogels, mit lebendigem Wasser, mit einem lebendem Vogel, Ccdernholz, Isop und einem rothcn Faden. Diese letzten beiden abgerechnet, finden nicht auch in unfern civklisirten Staaten fast dieselben Verordnungen Statt? Giebt es etwas Wichtigeres, als Mann und Frau zur Zeit der Periode der letztern zu trennen, und wer möchte die so häufigen Waschungen für unnütz halten zu[ einer Zeit, wo der Gebrauch der Wäsche unbekannt war, im Sande der Wüste, bei der höchsten Glut der Sonnenstrahlen? Beweist nicht das Verbot der Ehr unter Bluts- und andern Verwandten die [tiefe Auffassung der Gründe, welche den Verfall und die Demoralisirung der Familien und Nationen bewirken? Indem Moses selbst eine Frau außerhalb der Stämme Israels wählte, hat er nicht das schönste Zeichen von Toleranz und Sanitätsrücksicht gegeben? Auch die Nahrungsmittel wurden einer Contrvle unterworfen. Halle begreift nur das Verbot des Schweinefleisches, weil es das Fettgewebe zu einer der leprösen