Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1844)
- Date
- 1844-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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164 ihrer Brüder nicht werth seien, die zu Verräthern an ihren Glaubensgenossen geworden, einer ewigen Verachtung anheim gefallen seien. Vielmehr glauben wir überzeugt zu sein, daß jene Männer bei ihrem Verfahren von der reinsten, edelsten Absicht beseelt sind. Und wie könnte dem auch anders sein? Haben sie doch den äußern Vortheil einer rein geistigen Idee geopfert, der Idee für die Erhaltung ihrer Religion, des Höchsten und Heiligsten, was sie auf Erden besitzen. Ob ihre Auffassung der mosaischen Religion eine richtige oder einseitige sei, kann nicht in Betracht kommen; will man nicht selbst einseitig werden, sondern wie es dem Kritiker zukommt, ihr Verfahren unbefangen und unparteiisch beurtheilen, so muß man auf ihren Standpunkt sich stellen; und von diesem ihrem Standpunkte aus kann man in der Emancipation nur ein Mittel zur Vernichtung des Judenthums sehen. Nach der Lehre des Talmuds und Rabbinismus kennt der Israelit kein Vaterland außer Palästina, kein Bürgerthum außer dem Judenthum, der Rabbinismus und seine Lehren aber gelten für jene Männer als Offenbarungen des göttlichen Geistes. Der Glaube an die Fortdauer einer jüdischen Nationalität und die Hoffnung auf die dereinstige Rückkehr nach Palästina bilden die geistige Atmosphäre, ohne welche der Rabbinismus zu existiren aufhörr, gleich wie die Pflanze verdorrt, wenn ihr Lust und Wärme entzogen wird. Die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten aber legt diesen die moralische Nöthigung aus, das Land, in dem sie leben, als ihr Vaterland anzusehn, der Glaube an eine jüdische Nationalität verliert seinen Gegenstand, und die Hoffnung auf einen persönlichen Messias, der die Israeliten nach Palästina zurückführe, ist dadurch von selbst beseitigt. Mit dem Aufhören der jüdischen Nationalität steht der Talmud und Rabbinismus wie eine erstarrte Mumie da, und muß im Conflicte mit dem Leben unrettbar zu Grunde gehn. Wer es darum ächt meint mit der Erhaltung der mosaischen Religion nach rabbinischlalmudischer Auffassung, über den darf man sich nicht wundern, wenn er aus allen Kräften gegen die Emancipation eifert und Alles aufbieret, um dieselbe zu hintertreiben. So das Preßburger Rabbinat. Die Mitglieder desselben, weit entfernt, des Blutes ihrer Väter unwürdig zu sein, haben im Gegentheile einer Martyrerkrone sich würdig gemacht; sie wollen lieber in Schmach und Bedrückung leben, als der Religion ihrer Väter verlustig werden, sie haben als Männer von Character und Gesinnung sich bewährt und den/Dank aller derer verdient, die mit ihnen gleiche Gesinnung hegen. Wer dagegen die Schranke der jüdischen Nationalität mit Bewußtsein überschritten hat, wer, fern von aller Werkheiligkeit, in der mosaischen Religion den Ausdruck jener Glaubensinnigkeit der Patriarchrn sucht und ein von der äußerlichen Beobachtung bedeutungsloser Satzungen unabhängiges, das Gemüth erwärmendes rein geistiges Moment darin erkennt: der wird gleichwol das Preßburger Rabbinat deshalb noch nicht verdammen, vielmehr auf dessen Standpunkt sich stellend, den heiligen Ernst der Consequenz anerkennen, den dasselbe kund gegeben. Ein solches Verdammungsurtheil werden nur diejenigen aussprechen, welche nicht zum klaren Bewußtsein deßen gekommen sind, was sie denn eigentlich wollen und darum vor einer Consequenz erschrecken, zu der ihr eigenes Verfahren führen mußte, das sie hin und wieder kund gaben. Wir denken hier vornemlich an Diejenigen, welche auf der einen Seite nach Emancipation ringen, auf der andern Seite den Talmud und Rabbinismus in Schutz nehmen; welche solchergestalt gleichsam ü deux maius argumentiren und jenem unerquicklichen Zustande der Halbheit das Wort reden, an dem wir zwar schon seit Jahren laboriren, der aber für die Dauer unmöglich Stich halten und dem religiösen Gemülhe Befriedigung gewähren kann. Denn wenn irgendwo, so darf es im Gebiete der Religion nichts Schwankendes, nichts Ungewisses geben. Hier wollen wir Wahrheit, consequente und unumwundene Wahrheit. Die Jnconsequenz im gewöhnlichen Leben lassen wir uns als Schwäche gefallen, im Gebiete der Religion dagegen ist sie als Sünde verpönt. Leugnen aber laßt es sich nicht: ein großer Theil der deutschen Rabbinen befindet sich in jenem leidigen Zustande der Halbheit, der, hervorgegangen aus den gegebenen eigenthümlichen Verhältnissen, in der Zeitrichtung überhaupt seine Erklärung, wenn auch nicht seine Rechtfertigung findet. Eine jede Gegenwart zwar bildet nur den Uebergang, die Vermittelung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft; die unsrige aber mag, insbesondere mit Rücksicht auf die religiösen und bürgerlichen Zustände der Israeliten vorzugsweise als eine Uebergangsperiode bezeichnet werden; und darum fehlt es denn auch nicht an allen denjenigen Erscheinungen, die in einer solchen einzutreten pflegen. Die Geschichte der Israeliten seit dem Exil hat keine Periode aufzuweisen, die mir der gegenwärtigen auch nur annäherungsweise verglichen wer-