Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1844)
- Date
- 1844-05-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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160 Collegium S. 33 u. 34 hinlänglich belegt worden. Auch die Einzelnen dieser Partei blieben mit Jntriguen, Verdächtigungen, Räsonniren auf den Straßen, Zeitungsartikeln, ja ganzen Schmählibellen, wie das Goldberger: „Die Rabbinats-Affessor-Wahl in Breslau 1840", wel» ches von der Regierung confiscirt und von Geiger widerlegt wurde in der Broschüre: „Die letzten zwei Jahre", nicht zurück. Das Einzelne hier dem Leser vorzuführen, wäre ein undankbares Geschäft; genug cs war dieselbe kleinliche und gallsüchtige Mäkelei von früher. Es hätte interessant sein können, wenn Geiger hier einen würdigen Gegner gefunden hätte, und seine Arbeit wäre keine leichte gewesen, aber vielleicht desto fruchtbarer für die Aufhellung der beiderseitigen Richtungen und für die Auffindung fester Hallpunkte in der dunkelgährenden Bewegung. Geiger selbst scheute sich auch eine ziemliche Zeit, seine schriftstellerische Thätigkeit fortzusetzen; war er im praktischen so sehr gehemmt, wie konnte er wagen, jener freien Lauf zu lassen? Und dennoch war in der Gemeinde eine sehr rege Theilnahme; wol mag das Auseinandergehen in zwei Theile das Seinige dazu beigetragen haben, aber man wird es mir nicht verargen, wenn ich den Glauben hege, daß sie auch durch Geigers Wirksamkeit angeregt worden sei, daß in ihr Lebendiges und zum Leben Erweckendes, etwas Frisches gelegen habe, das sich nicht so bald abnutzt, wenn es sich auch rasch zu entfalten verhindert wird. Ob es möglich gewesen wäre, daß die Zeit endlich doch den Bruch geheilt hätte, daß die beiden Häupter und deren Anhänger sich in Frieden vereinigt hätten —: wer weiß! Doch war das Auseinanderklaffen gar sehr bedeutend. Und dieses Auseinanderklaffen lag sicherlich weniger in Geiger's Individualität als in der seines Gegners. Mag man von Geiger's Ansicht immerhin sagen, sie sei einessehr entschiedene und seine Aeußerungen kühnso wird man doch wol zugestehn, daß er vom ersten Augenblick seines Auftretens bis jetzt den geschichtlichen Fortschritt verkündet, an dem ewigen, aber auch allmäligen Werden festhält, und neben dem Verlangen, die ganze Zeit und ihre Bildung zu berücksichtigen, ebenso auch Berücksichtigung des im Judenthume Vorhandenen entschieden gefordert habe, und wenn die seiner Ansicht widerstrebenden Elemente der Gemeinde sich ihm als innerhalb seiner Stellung liegende bekundet hätten, so wäre er schon, abgesehn von allem practischen Tacte, vermöge seines wissenschaftlichen Standpunktes genöthigt worden, ihnen die gebührende Rücksicht angrdeihen zu lassen, und was ihm so der Kampf ertrotzen konnte, das hätte er auch freiwillig in Würdigung der Verhältnisse gethan, und die Zeit hätte wol die alten Wunden geheilt. Daß in Geiger's Persönlichkeit und persönlichem Verkehr etwas Versöhnliches, Anschmiegendes, Connevirendes liegt — darf wol bei aller Unparteilichkeit gesagt werden. Wer durch philosophisch-theologische Studien zur Selbstbetrachtung wiederholentlich geführt wird, wer für das Abhaltcn von Predigten immer nur feine psychologischen Beobachtungen und zwar zunächst an sich selbst zu machen hat, die Mangelhaftigkeit des Menschen, so lange er losgerißen von Gott ist, tief zu erfassen gezwungen wird: ist es für den ein so großes Verdienst, bescheiden und nachsichtig zu sein, daß die Anwendung dieser Eigenschaft von ihm nicht ausgesagt werden dürfte? Während er in der Wissenschaft und als Schriftsteller keine Person beachtet, die Sache ins Auge faßt, gleichviel wie der Eine oder Andere davon berührt wird, ist ihm im lebendigen Verkehr die Person, mit der er gerade verkehrt, ganz besonders wichtig, und cs ist ihm die dringendste Aufgabe, soweit es nur irgend die höhern Anforderungen gestatten, nicht zu verletzen- Allein in seines Gegners Individualität scheint etwas Rücksichtsloses und Herrschsüchtiges gelegen zu haben, wie dies der Vorstand in seinem zweiten Berichte hinlänglich documentirt hat, und darin lag eben vom ersten Augenblicke an der Grund des Zerwürfnisses, woran sich blos manche Elemente der Gemeinde jenen anschlossen, die im Eigensinn Beharrlichkeit erblicken. Hier war ein jedes versöhnliche Streben ganz vergeblich. Dennoch nahm das Gemeindewesen einen sichtlichen Aufschwung, es herrschte Interesse an demselben, und die Besten und Edelsten betheiligten sich bei demselben, in der Hoffnung, etwas Angemessenes leisten zu können. Es kam Ordnung in den Haushalt, die Institute wurden aus ihrer Lethargie geweckt, und für die äußere wie innere Gestaltung der jüdischen Verhältnisse fühlte ein Jeder und wirkte dafür nach Kräften. Wer Preslau vor dem Jahre 1838 gekannt hat, und nun sich in demselben bewegt, aber so recht im innersten Verkehr mit demselben steht, und sich die verschiedenen Zustande neben einander recht lebhaft zu vergegenwärtigen weiß, der kann über den Umschwung, der sich da zeigt, nur ein im höchsten Grade lobendes Urtheil fällen. In dem Kernpunkte freilich, der religiösen Reform und Belebung, konnte und durfte es nicht recht voran, und die unter der Leitung der Gesellschaft der Brüder stehende Synagoge, die große genannt,