Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1844)
- Date
- 1844-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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159 Herr Tiktin, als Oberrabbine, die erste Stelle einnahm und sein Einfluß hinreichte, etwaige Versuche gegen ihre Ueberzeugung zu paralysiren. Allein wiederum drängte Leidenschaft und Eigensinn die Klugheit und die so nothwendige Rücksicht auf die Eintracht in der Gemeinde in den Hintergrund. Billig hätte sich Tiktin und sein Anhang die Frage vorlegen sollen: was soll denn nun geschehen? Geiger ist gewählr und bestätigt, ein überwiegend großer Theil der Gemeinde ist für ihn sehr eingenommen; was entfernt uns von ihm? seine religiösen Grundsätze; nun, hätten sie schließen müssen, wir wollen der Person die Achtung beweisen, die ihr gebührt, die Grundsätze aber scharf bewachen, daß sie sich nicht zu sehr geltend machen, ja auf ihn selbst Einfluß zu gewinnen suchen, theils, daß er seine Ansichten nach den unsrigen berichtigt, theils, daß er ihnen aus Rücksicht keine Folge gibt. Die Stellung wäre wahrlich nicht beneidenswcrth gewesen, die Tiktin unserm Geiger hätte bereiten können. Hätte er ihn nunmehr, ohne zu verhehlen, daß ihm lieber gewesen wäre, Geiger wäre hier zu keinem Amte gelangt, freundlich zu sich herangezogen, hätte er nun bei ihm selbst seine Ansichten mit Ernst geltend gemacht, ohne jedoch einen Widerspruch solchen i Dingen entgegen zu setzen, welche selbst von dem stabilj sten Standpunkte aus nicht blos nicht bestritten werden können, sondern gewünscht werden müssen, wie den Predigten, einer freundlichen und den Geschmack anregenden Ausstattung des Gottesdienstes u. dgl., so wäre Geiger weiter Nichts gewesen als der untergeordnete Begleiter Tiktin's, dem er in seinen Anforderungen sich hätte fügen müssen, er hätte selbst in seinen Predigten sich eine scharfe Grenze ziehen müssen, damit nicht ein freies, die Ohren Tiktin's ver letzendes Wort ihm entschlüpfe. Eine solche Wirksamkeit ist, wie gesagt, nicht beneidenswerth, allein was hätte Geiger machen wollen! Es ist auch in diesem Sinne wol wahr, was *) behauptet wurde, daß unter solchen Umstanden der Enthusiasmus für Geiger erkaltet wäre; denn die Unselbstständigkeit, die allen seinen Schritten und Worten ausgeprägt gewesen wäre, keine frische Kraft hätte hervortreten lassen, dieselbe allmälig ganz gebrochen hätte, hätte wol Mitleiden mit ihm einflößen können, aber nicht leicht bewundernde Tbeilnahme. Ich mag nicht meine Entscheidung in die Wag« schale legen, welcher Zustand für die Gemeinde vorzuziehen gewesen wäre, ob die dadurch gewonnene Eintracht *) Entgegnung S. 6. in der Gemeinde, jedoch mit allmäliger Wiedererschlafsung, oder das immer rege Leben, dem sich freilich Uneinigkeit anfchließt. Der Friede hat einen mächtigen Zauber, und mancherlei schöne Anstalten hätten in der Gemeinde und für dieselbe mit größerer Kraft begründet werden können, die unselige Leidenschaft mit der vergiftenden Gemeinheit hätte in den Gemüthern keinen Eingang gefunden, und vielleicht wäre dies wol geeignet, das Interesse für den Fortschritt, die Herrschaft höherer Religionsideen in einem Theile der Gemeinde aufzuwiegen. Jedoch es sollte nicht so sein, und wir müssen die Verhältnisse nehmen, wie sie sind. Daß weder Geiger noch der Vorstand es an etwas hatte fehlen lassen, die entfremdeten Gemüther einander zu nähern, das hat dieser in den zwei veröffentlichen Berichten und jener in seiner „Ansprache" auf so überzeugende Weise dargethan. daß kaum die eingenommenste Parteilichkeit dagegen einen Widerspruch zu erheben vermag; desgleichen thaten auch die Geiger und dem Vorstande anhänglichen Gemeindeglieder Alles, um die Eintracht zu erhalten. Ich bin weit entfernt, ihnen dafür ein besonderes Lob zu erlheilen; es entspricht ganz der höheren Bildungsstufe und Gesittung, eine weise Berücksichtigung Andersdenkender sich in ihrem Verfahren zur Richtschnur zu nehmen und die freundliche. Glück und humanen Sinn fördernde Einigung der Gemüther zu bewirken. Leider entspricht es aber auch der niedern Bildungsstufe und dem Fanatismus, nimmer zu ruhen, nimmer den Frieden festen Fuß fassen zu lassen, immer zu hadern und abzustoßen, womit sie sich freilich in der Geschichte selbst das Urtheil sprechen. Es ist lächerlich von der Berechtigung eines jeden Standpunktes zu sprechen und wie Consequenz immer geachtet werden müsse; berechtigt ist nur der Standpunkt, der in angemessenem Verhältnisse zur Gesammtemwickelung steht, und warlich man erweist einem zeitwidrigen Standpunkte schon mehr als Gerechtigkeit, wenn man ihn für seine Anhänger gewähren läßt, aber Verrath an der Gesammtheit wäre es. wenn man seinen Ansprüchen auf die Alleinherrschaft genügen wollte. —Wie Hr. T. dem Frieden entgegenarbeitete, ist von G. in seiner Ansprache gezeigt, und es ist bei der regen Schreibetbätigkeit der Gegner in diesem Punkte noch bis jetzt nicht das geringste Dementi gegeben worden. Auch wie die Repräsentanten der Gegner in wirklich unverantwortlicher Weise die Behörden mit lügnerischen Klagen behelligt haben und endlich ernstlich zur Ruhe verwiesen werden mußten, ist in dem zweiten Berichte des Ober-Vorsteher-