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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-05-19 · Heft 20 (19.5.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 20 (19.5.1844)
Date
1844-05-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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158 der Eigensinn, sich in Vergleichsunterhandlungen einlassen? Freilich gar nicht zu entschuldigen ist dabei der Rabbine Tiktin; denn nun gegen einen vom Vorstande bereits Angestellten, ihm zum College» Deigesellten zu intriguiren, ist eines Geistlichen unwürdig, mit den Pflichten eines Gemeindebeamten durchaus unverträglich. Er konnte höchstens seine frühere Drohung, er werde seine Stelle niederlegen, ausführen und dann als Privatmann seine Opposition fortletzen; allein Beamter der Gemeinde bleiben und als solcher dennoch, gestützt auf seinen Anhang, deren obersten Behörde entgegentreten, dies mußte nothwendig das Gemeinwesen zerrütten. Und bei ihm wurde Alles in Gegenwart-eines Iustizcommissarius verhandelt! Er ward deßhalb zu einer Vorstandssitzung am 27. Juli geladen und erklärte seltsamerweise, „daß die Gegner des Vorstandes ohne seinen Willen sich bei ihm mit dem Juristen eingefunden, daß er sich ihrer nicht erwehren könne, daß er übrigens die Wahl des Dr. Geiger nicht billige, weil er in seiner Zeitschrift die Religion (!) angegriffen und überhaupt wer eine Universität besucht hat, kein rabbinisches Amt bekleiden könne." Die Einwendungen nützten nichts, nur brachte ihn doch die Einsicht in seine Stellung dahin, daß er sich dahin aussprach, er werde sich bei der Sache unparteiisch verhalten, und daher weder für den Vorstand noch für dessen Gegner eine schriftliche Erklärung abgeben. Wenn Herr Tiktin diesem Versprechen bald untreu geworden, dem Mandatar der Gegenpartei seine schriftliche Erklärung abgab, wie er jede Deraschah benützte, um mit witzelnden Anspielungen die Gemüther aufzuregen, was ferner im dunkeln Schoße der Eingaben Alles aufgeboten wurde, um den Erfolg zu vereiteln, wie man sich nicht bei religiösen Denunciationen beruhigte, sondern politische hinzufügte, wie man sich der Hülfe von Profelyten bediente u. s. w., dies zu beichten, dagegen sträubt sich meine Feder. Ein redlicher Kampf um Grundsätze ist ehrenhaft; aber diese ewigen Verdächtigungen schänden die Sache, welche man vertritt, in den Augen eines jeden nicht ganz von Parteilichkeit Umstrickten. Welch weites Feld wäre den Männern des Fortschritts geöffnet, wenn sie sich dersilben vergifteten Waffen bedienen wollten! Allein sir fühlen sich berufen, ihre Religion von Schlacken zu befreien, ihre Glaubensbrüder über gefährlich: Conftqucnzen hinweg zu bringen, sie lieben ihren Glauben und ihre Brüder und wollen sie nicht der Verachtung und dem Hasse preisgeben; sie wissen auch, daß der Mensch, der im Leben der Gegenwart steht, oft besser ist, als sein System, das aus verstorbener Vergangenheit herrührt und ihn nimmermehr ganz umstricken kann. Um so unwürdiger ist aber die Taktik der Gegenpartei, stets die Andere als irreligiös, frivol zu schildern, die eigne Unterthanentreue — die sie wol trotz ihrem Systeme, aber nicht durch dasselbe besitzen mögen — und Loyaliät hervorzukchren und den andern Demagogie aufzubürden, sie als Revolutionäre zu verschreien. Diese Taktik ist schlecht und zeigt zugleich, welch einen niedrigen Begriff man vom Staate hat, als wittere er in jeder geistigen Regung Bestrebungen zum Umstürze und als habe er solche geistige Bewegung zu fürchten. In einem gebildeten Staate, der den Unterthan um so mehr achtel als er der Gesittung des Staates sich angeschlossen, ist, abgesehen von allem Andern, leicht zu ermessen, wenn das Prädicat der Treue und Loyalität ihm zukommt. Genug, alle Machinationen nützten nicht, Geiger erhielt Ende December 1839, also fast anderthalb Jahre nach seiner Wahl, die Naturalisation von Seiten des Königs auf Grund seiner Wahl zum Rabbinatsassessor der hiesigen Gemeinde, und somit war er nicht bloß preußischer Bürger und dem Antritte seines Amtes stand kein gesetzliches Hinderniß im Wege, sondern es war auch ausdrücklich von Seilen der hohen und höchsten Behörden seine Wahl anerkannt, und er soweit dieselben überhaupt in jüdische Cultusangelegenheiten sich mischen, von ihnen in seinem Amte bestätigt. Es ließe sich fragen, ob Geiger, während er doch wußte daß gegen ihn eine heftige Opposition vorhanden sei, sich nicht hätte gedrungen fühlen sollen, seine Ansprüche auf die Stelle ganz aufzugeben. Allein er wußte, daß die Gegner doch eigentlich nicht gegen seine Person eingenommen waren, sondern mehr gegen seine Ansichten, die von so vielen andern Rabbinen gethcilt werden, daß eine neue Wahl, wenn sie durch seine Entsagung notwendig werden sollte, ganz dieselben Sympathieen und Antipathien Hervorrufen würde, da diese ja eben nicht an die Person, sondern an die Ansicht sich knüpften; wozu Hätte also dieser Rückzug, der seine Freunde compromittirt hätte, nützen können? Offenbar glaubte er ferner, daß es ihm durch verständiges, umsichtiges Wirken *) gelingen werde, die Widerstrebenden zu beruhigen, umsomehr da doch vorauszusehen war, diese würden nun, nachdem die Allerhöchste Entscheidung eingetroffen, sich in das Unvermeidliche fügen, was sie um so besser konnten, da doch *) Vergl. seine Ansprache, S. 3 - 15.

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