Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1844)
- Date
- 1844-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566932--0970-2568698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15V und eine Stufe einzunehmen beabsichtigen, sich zu Vertheidigern alles Unsinns aufwerfen, Klagen über „religi. onswidrige Neuerungen" anstellen, die „Ehrwürdigkeit" verspotteter Mißbräuche vertheidigen, sich als Anhänger von Männern bekennen, die sie verlachen und die den Pfeilen ihrer Satyre ausgesetzt sind. Es liegt in dieser Coalition, und zwar bei jedem von beiden Theilen, ein unwürdiger Hohn gegen Religion und Wissenschaft zugleich, nur daß den Einen, deren Gesichtskreis überhaupt ein höchst beschrankter ist, ein solches Gebärden weit eher nachgesehen werden kann, als den Andern, die es fühlen müssen, daß sie mit den edelsten Gütern der Menschheit unwürdig verfahren. Jedoch wir kehren zur eigentlichen Geschichtserzählung zurück. Am 25. Juli ward Geiger statutenmäßig zum Rabbinatsassessor oder zweiten Rabbinen gewählt. Was bis dahin eine Absicht war, die man noch vereiteln zu können glaubte, war nun zum Factum geworden; einer solchen Thatsache gegenüber aufzutreten, bleibt immer sehr unrecht und für den, welcher durch dieselbe zu einer Stellung berufen wird, höchst verletzend. Das hätte Hr. T. bedenken und in diesem Sinne auf seine Anhänger wirken sollen. Lag es ja noch immer in seiner Macht, dieser Thatsache eine ihm nöthig scheinende Richtung zu geben; wie sich Geiger gegen ihn damals benommen, hat er öffentlich in seiner „Ansprache" S. 2 und 3 mirgetheilt. Allein die Opposition fand sich nur veranlaßt, um so heftiger gegen ihn aufzutreten. Wenn ich es aufrichtig gestehen soll, so hat sich dieselbe vom ersten Augenblicke an ziemlich ungeschickt benommen, und zwar weil blos die Sucht zu opponiren und kein klarer Gedanke sie leitete. Eine Verschiedenheit der religiösen Ueberzeugungen läßt sich im gegenwärtigen Judenthum auch dann denken, wenn man den Anforderungen der Zeit nicht geradezu Hohn spricht, und man kann sehr wol die Umwandlung der Deraschah in altüblichem Jargon in eine regelrechte Predigt, den anständigen und durch Choralgesang gehobenen Gottesdienst statt der ehemaligen Unordnung und des unregelmäßigen Schreiens gestatten, ja man kann sogar die Streichung vieler Piutim sich gefallen lassen, ohne damit das Allergeringste in den herkömmlichen Satzungen aufzugeben; gerade aber dagegen seine Opposition zu richten, ist etwas sehr Thörichtes und kann etwa nur von Starrsinn oder von der höchsten Befangenheit allsgehn. Dieses Fehlers machte sich die Opposition schuldig, und sie glaubte eine Stütze wiederum zu finden in der Anklage wegen „Neuerungen", obgleich noch nicht einmal von Choralgesang die Rede war und blos die einmal abgehaltene Predigt Geigers zu dieser Anklage Stoff gab. Aus dem in dem veröffentlichten „zweiten Berichte des Obcr-Vorsteher-Collegiuns ec." S. 28 — 32 mitgetheilten Bescheide des Herrn Polizeipräsidenten lernt man die Punkte der Anklage kennen, «welche in der That so seltsam sind, daß man zweifelt, ob es die Herren damit ernstlich gemeint und wirklich in lächerlicher Befangenheit leben oder ob sie blos aus Oppositionssucht zum Lächerlichen gedrängt worden sind. Denn abgesehen von einer Beschwerde über die Wahl, behaupteten sie, die Form des Vortrags, der rein Deutsch sei, in dem es Moses statt Moscheh u. dgl. heiße, der weniger talmudische Stellen enthalte als eine sonstige Deraschah, sei eine „Neuerung", deßgleichen, daß Geiger „während des von ihm gesprochenen Gebetes die Hände flach gefaltet und den Blick nach Oben gerichtet habe, daß sein Rock von schwarzem Sammte fei, er auch am Halse zwei weiße Leinwandläppchen getragen habe." Es bleibt auffallend, wie verständige Männer zu solchen puerilen Angaben sich bestimmen konnten. Allein es war eben die Hoffnung, daß wie ehedem, das Wort „Neuerung" schon ein Schreckschuß sei und daß man auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen, doch seinen Zweck erreichen werde, da — Geiger ein Ausländer war. — Auf diesen letzten Punkt waren die bestimmtesten Hoffnungen gerichtet. Zur Naturalisation Geiger's war die günstige Bevorwortung von Seiten des Breslauer Polizeipräsidiums, der Breslauer Regierung, des Ministeriums des Innern und dessen der geistlichen Angelegenheiten und endlich die Entscheidung des Königs selbst nöthig. Bei diesem weiten Jnstanzenzuge hatte man nicht ungegründete Aussicht, Berge von Hindernissen, mit Titanenmacht Offa auf Pelion zu wälzen und durch diesen Kampf doch noch das Ganze zu vereiteln. Es bleibt immerhin durchaus sträflich, in dieser Weise gegen den Wunsch einer so achtbaren Anzahl von Gemeindegliedern anzustrcben und nicht vielmehr in friedlichem Sinne gegenseitige Verständigung zu erzielen, umsomehr, da von Seiten des Vorstandes noch jetzt alles Mögliche nachgegeben worden, wenn nur die bereits rechtmäßig vollzogene Anstellung unbestritten geblieben wäre. Allein wenn der Eifer einmal so heftig angeregt ist, da läßt er sich bis zum letzten Augenblicke nicht abkühlen, und ist er einem billigen Verfahren unzugänglich, und da die Aussichten nicht trübe waren, warum, so calculirte