Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1844)
- Date
- 1844-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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156 Gerechtigkeit zu üben, wenn sie dem hartnäckigen Halten am Herkömmlichen insofern beistehn, als dieses wirklich das einzige Judentbum sei, von dem sie sich freilich für ihre Person innerlich losgesagt haben. Welch' thörichtes Bemühen, meinen sie, einem abgeschlossenen Systeme nachhelfen und tb verbessern zu wollen; da ist Stein auf Stein festgefügt, und wird der eine herausgezogen, stürzt das ganze Gebäude zusammen, und diese Thorheit, sagen sie, wird zur Ungerechtigkeit, zur Gewaltthat, sor bald sie im Gemeindeleben sich Geltung verschaffen will. Mit welchem Rechte darf man, behaupten sie, den schlichten Leuten das als Judenthum aufdringen wollen, was doch keines ist? Und dabei, auf welch unbedeutende Dinge, fahren sie fort, gehn diese sich aufblähenden sogenannten Reformatoren aus, ob ein kleines hebräisches Gebet in der Synagoge mehr gebetet wird oder nicht, ob die Frauen ihr Haupthaar zeigen dürfen, ob man am Verföhnungstage Filzschuhe tragen muß u. dgl. *)! Laßt doch den guten Leuten ihre Freude; wer zwingt euch, cs ihnen nachzumachen — wir thun es auch nicht — und wer berechtigt euch, sie davon abbringen zu wollen? — Wenn Christen also sprechen, so mag eine solche Rede entschuldigt werden; das spätere Judenthum ist ihnen im Ganzen fremd, die immer lebendige Theilnabme für die Juden ist ihnen nicht Pflicht, sie glauben eine Bestätigung für das Christenthum zu finden, wenn das Judenthum recht erbärmlich ist, und daher entweder die volle Wahrheit, ihnen Christenthum, oder volle Lüge, ihnen das be' stehende Judenthum, keine Halbheit! Allein den Juden, die auf Bildung Anspruch machen, kann solche Ansicht und solches Benehmen weit schwerer verziehen werden. Es ist ihnen von den verspotteten „Reformatoren" hinlänglich gezeigt worden, daß das Judenthum wie Alles, was nicht bloß ein nackter Begriff ist, sondern unter den Menschen lebendig war, ist und sein soll, seine Geschichte und seine Entwickelung hat, in der Zeit und mit der Zeit seine wechselnde Gestalt annimmt, wenn auch der Geist ein ewiger bleibt; welch eine Verkehrtheit, annehmen zu wollen, es sei einmal zu einer Gestalt gekommen, die nur ewig bleiben oder mit dem Gestalteten untergehen müsse! Hier und da hat sich eine Form des Daseins mehr festgesetzt, aber wenn die Kraft in ihr wieder mächtiger wird, dann erfahrt auch sie ihre Umwandlung und entwickelt sich weiter. Das religiöse Leben *) Der Orient 1842 Nr. 38 bietet ein widerliches Bild eines solchen ingrimmig gewordenen Indifferenten. aber ist der Art, daß es nicht auf die äußere Schädlichkeit der einzelnen Handlung, sondern auf die innere Gesinnung ankommt und diese dem Kleinen wie dem Großen die rechte Bedeutung verleiht, und daß ein Jedes, das fälschlich geheiligt wird, seinen nachtheiligen Einfluß zeigt, nicht aber blos das, was unmittelbar schadli^- auf die Sittlichkeit wirkt. Es ist daher eine oberflächliche Auffassung, wenn man sagt: laßt doch den Leuten diese unschädliche Meinung, diesen unschädlichen Gebrauch; wenn die Wahrheit dadurch getrübt, Wortheiligkeit und Gedankenlosigkeit dadurch gefördert, die Netigion falsch aufgefaßt wird, so sind Meinung und Gebrauch im höchsten Grade schädlich. Und nun dürfen da nicht blos die Einsichtsvollen, die mit zu diesem religiösen Bekenntniß gehören, sondern sie sind verpflichtet, dem Jrrthum zu begegnen und die Religion, die auch die ihrige ist, von solchen Auswüchsen zu befreien. Wenn sie nun einem Kampfe dafür sich unterziehen, ihre Ruhe deßhalb stören, so verdienen sie dafür unfern Dank, gewinnen damit unsere volle Hochachtung, und nur diejenigen, welche sich bevorzugt sehen wollen, als Juden aus den Juden hervorgehoben und als Ausnahmen den Christen ebenbürtig sein wollen, nur sie fühlen sich durch ein solches Streben verletzt. Allein wozu soll nun hier der Kampf gegen widerlichen Hochmuth und Egoismus? Erklären wollte ich blos die auffallende Erscheinung, daß es Männer giebt, welche von allen Satzungen des Judenthums sich losgesagt, und dennoch oder gerade deßhalb den Rcformbestrebungen in demselben sich abhold zeigen. Dies zeigte sich auch in unserer Gemeinde. Wie in Frankreich Legitimisten und Republikaner, in Belgien Katholiken und Ultraliberale gegen den konstitutionellen Thron, der Freiheit und Ordnung verbunden, jene, weil sie keine Freiheit, diese, weil sie keine Ordnung wollen, in unnatürlicher Coalition ankämpfen, so verbanden sich auch die Freunde des absolutesten Stillstandes mit den ganz Indifferenten, zuerst um Geiger's Aufnahme zu verhindern, dann, um seine Stellung zu erschweren, seinen Einfluß zu schwächen. Haben wir uns nun auch oben die Erscheinung erklärt, so kann man sich doch, so oft man ihrer gedenkt, des widerlichen Eindrucks, den sie macht, nicht erwehren. Man sieht Männer, welche in der überkommenen Gestalt des Judenthums das Heil zu erblicken meinen, an dem Geringsten mit zelotischem Eifer hangen, sympathisiren und sraternisiren mit Religionsspöttern, und wiederum Männer, welche stets von Bildung sprechen