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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-05-12 · Heft 19 (12.5.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 19 (12.5.1844)
Date
1844-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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150 aus, eine Theorie, die ihrer Eitelkeit schmeichelte und ihrem Egoismus fröhnte. Die Juden waren, oder sagen wir lieber: sind, — denn die Leute wandeln noch leibhaft unter uns, — also die Juden sind ihnen ein nun einmal verdorrter Stamm, das Judenthum eine abgestandene Religion, oder sie bedienen sich gar des frivolen Heine'schen Witzwortes: „das Judenthum ist gar keine Religion, es ist ein Unglück". Was laßt sich mit diesen Menschen, was mit dieser sogenannten Religion machen? Laßt sie gehn und unter sich machen, was sie wollen: wen kümmerts? Allein, sagt man, jene Männer sind ja selbst Juden! Nun, das sind sie bloß zufällig durch Geburt und sie treten aus gar mannigfachen Gründen nicht aus dem Judenthume heraus, der Eine wegen des Vaters, der Andere wegen der Muhme, der Dritte wegen seiner Frau, ein Vierter wegen seinen Geschäftsverbindungen, ein Fünfter wegen der einmal angeknüpften geselligen Verhältnisse, ein Sechster weil ihm das Christenthum auch nicht gefällt, ein Siebenter weil er zu indolent ist, aus seiner Lage herauszugehn, und so ließen sich noch eine Masse von Motiven aufzählen. An sich aber glauben die Jndifferentisten Vernunftmenschen zu sein, die über jeder positiven Religion stehn, ja über aller Religion. Daß sie damit einen großen Mangel an zeitgemäßer Bildung zeigen, einen Rückfall in die Mitte des vorigen Jahrhunderts machen, kömmt ihnen nicht in den Sinn. Ihnen ist es schon lächerlich, wenn man ihnen sagt, daß die Religion das edelste und höchste Geschenk Gottes wie das edelste und höchste Erzeugniß des menschlichen Geistes ist; sie meinen dann, sie seien ja moralisch, das heißt, sie morden und stehlen nicht, nämlich geradezu. Aber ganz unsinnig erscheint ihnen die Behauptung, daß die geistigen Güter nur in der Entwickelung der Gesammtheit auch für den Einzelnen erst sich wahrhaft ausbilden, daß daher die Religion nur als positive, als historische, als kirchenbildcnde wahren veredelnden Einfluß auf den Einzelnen ausübt, und daß in der Gesammtheit des Einzelnen Fortschritt begründet ist. Abgesehen davon, leben sie ja doch, nach ihrer Meinung, in dem großen Gesammtbunde der Menschheit, nicht in dem kleinen Kreise der Juden; mag dieser sich nicht fortbewegen, wie er nach ihnen sich durchaus nicht fortbewegen kann, sie gehn mit der Menschheit weiter. Allein gerade der nächste Kreis ist es ja, in und mit dem wir leben, durch dessen Stellung und Gesinnung wir mit der größeren Gesammtheit verbunden sind; er ist gewissermaßen die galvanische Kette, die uns mit der Außenwelt in die enge un§ durchschütternde und mitbewegende Verbindung versetzt; und ist dieser Kreis verstimmt, vermag durch ihn nicht rein und klar die Schwingung hindurchzudringen, so gelangt sie auch zu uns verstimmt, und deßhalb müßten wir gerade, um mit der ganzen Zeit in ungetrübter Harmonie zu verbleiben, zur Ausbildung unseres nähern Kreises nach Kräften Mitwirken, schon um unser selbst willen. Jedoch die Herren glauben sich in den reinen Acther gehoben und von der mit schlechten Stoffen geschwängerten Luft der untern Regionen glauben sie nicht berührt zu werden, bemühen sich daher auch nicht um deren Reinigung. (Schluß folgt.) Geschichtees Tages. Freie Städte. ££ Frankfurt a. M. 22. April. Der israel. Vorstand hat (wie jetzt, verlautet) die Dimission des Hrn. Nabbinen Trier zurückgewiesen. Hr. Tr. hatte nämlich darin lediglich auf Gehalt und Gefälle des Nabbinats, nicht aber auf letzteres selbst verzichten wollen, indem er sich die fernere Leitung der religiösen Angelegenheiten, d. h. die Befugniß der Einsprache und des Protestes gegen etwa versucht werdende Reformen ausdrücklich vorbehielt. Der Vorstand beschloß, das Entlassungsgesuch in dieser Form nicht anzunehmen, es jedrch dem Petenten freizustellen, seine Demission pure und ohne Vorbehalt anzubringcn. — Der Vorstand hält es wol mit dem alten Themistokles, der (Cie. de off. II.) die Maxime hatte: »Ego vero rnalo virum, qui pecunia egeat, quam pecuniam, quae viro.« — Frankfurt a. M. im April. Wir sind Herrn Philippson vielen Dank schuldig, daß er uns einen Blick eröffnet in das Buch mit sieben Siegeln, in die von Herrn Trier veranstaltete Gutachtcnsammlung. *) Denn jener Bann, welcher auf denselben noch immer ruht und der nur den Eingeweihten den Einblick in dieselben gestattet, besteht noch immer fort, trotzdem daß der Concipient, welcher für Hrn. Trier die Vorrede schrieb, diesen sagen läßt, „er lege die Schreiben und Gutachten hiermit dem Publikum vor"; oder besteht das Publikum wirklich blos aus dem kleinen Häuflein „Auserwählter"? Aus dieser Vorrede ersehen wir übrigens auch, daß Hr. Tr. mit „seinen jüngeren, thatkräftigeren Amtsgenoffen, die ihren hohen Berus erkennen, mit reli- *) Wir werden dieselbe, mit den nöthigcn Anmerkungen begleitet, noch vollständig unseren Lesern mittheilen. Red.

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