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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-05-12 · Heft 19 (12.5.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 19 (12.5.1844)
Date
1844-05-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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149 Eine schon manchmal beobachtete eigenthümliche Erscheinung zeigte sich auch hier alsbald beim Beginne der Bewegungen und trat spater immer entschiedener hervor, eine Erscheinung, die dem Beobachter oft als räthselhast und widerspruchsvoll vorkömmt, die aber dennoch ihre genügende Erklärung findet. In der ersten Zeit nämlich, da die Judenheit sich ihren veralteten Zuständen zu entwinden bemüht war, waren Alle, welche der Zeitbildung sich angeschlossen hatten und diese mehr oder weniger in ihrem Leben auszudrücken sich nicht scheuten, ganz besonders aber die selbstständigen gelehrten Nichttheologen, diese Alle waren in der Theilnahme an einem solchen Streben, in Bemühungen, sowol den äußern als den innern Zustand der Juden zu heben und zu veredeln, enge verbrüdert, und so zeigte es sich auch hier im Jahr 1812 bei der schon erwähnten Abstimmung über die Absendung eines Deputirten zur Regulirung des Cultuswesens, daß Alle, welche damals im geselligen Leben die zeitgemäße Bildung vertraten, unter ihnen sämmtliche Aerzte, der größeren Masse sich entgegensetzten und von der Absendung eines solchen Deputirten Umgang nehmend, den David Friedlander'schen Vorschlägen sich anschlossen. Allein dieß änderte sich bald. Es gibt nämlich drei verschiedene Motive, urn sich an solchen Bestrebungen für die Erhebung der Gesammtheit zu betheiligen: entweder man fühlt sich selbst, als Glied der Gesammtheit, in seinen eigenen Ansprüchen unbefriedigt, so daß das Interesse der Gesammtheit mit dem eigenen verschmilzt, oder man findet zwar für die persönlichen Ansprüche genügende Befriedigung, fühlt sich aber so innig mit der Gesammtheit verwachsen, daß man deren Interesse zu dem seinigen macht, oder aber man hat sich zwar so ziemlich aus der Gesammtheit herausgehoben, aber sich doch höhern Sinn für das Gefammtwol genug bewahrt, um doch wenigstens für sie eine lebendige Theilnahme in sich zu tragen, so daß man zwar deren Angelegenheiten nicht zu den seinigen macht, aber als höhere menschliche und geschichtliche bettachtet. In der ersten Zeit, da der Umschwung in der äußern Stellung der Juden wie in ihrer inneren Entwickelung sich vorbereitete, da waren es namentlich die Gebildeten, welche den äußern Druck und die innern Hemmnisse besonders fühlten, während die Andern dafür abgestumpft waren; sie lebten noch so innig in dem geschichtlichen Bande mit ihren Brüdern, daß deren äußere wie innere Erhebung ihnen Herzenssache war. Allein im Laufe der Zeit änderte sich dieß zum Theile. Sowol die bürgerlichen als die geselligen Verhältnisse nahmen eine Gestalt an, welche gerade den Höherstehenden keinen herben Druck fühlen ließ, ihn aber manchmal unwillig machten über die Masse, welche nicht rasch genug dem Umschwünge der Zeit sich anzuschließen vermochte; ein Unwille, der bei dem Wolwollenden und Einsichtsvollen sich bald in Betrübniß auflöst, daß die traurigen Ereignisse früherer Zeiten so große Hemmnisse für die Gegenwart gehäuft, und in dem Entschluß, die angestrengte Thätigkeit zur Erhebung der unglücklichen Brüder zu verdoppeln, bei dem Kalten und Egoistischgesinnten aber Hohn und vornehmes Zurückziehen erzeugt. Trotz den vielen äußern Hindernissen, welche der Entwickelung der Juden neben den innern entgegentraten, blieb doch eine große Anzahl von ächten hochgebildeten Freunden der Gesammtheit, welche eine jede Gelegenheit ergriffen, um den Juden im Staate und in der Gesellschaft zu Ehren zu bringen und die religiösen Ansichten unter ihnen zu läutern und dem wahren ächten Judenthum anzunähern. Allein eine nicht unbedeutende Anzahl schlug den fast ganz entgegengesetzten Weg ein. Für ihre persönliche Stellung als Kaufleute, Aerzte u. dgl. blieben ihnen keine oder sehr wenige Wünsche, und so war der Egoismus still und erweiterte sich nicht, sich veredelnd, zum Streben für die Gesammtheit. Mit dieser verwachsen waren sie nicht mehr; im Gegentheil, jemehr auf der Masse noch Verachtung lag, von der sie sich befreit wähnten, jemehr Vorurtheile und Aberglauben sie in dem Ganzen erblickten, über die sie sich erhaben dünkten, um so mehr schloss sen sie sich aus und zogen sich zurück, hielten sie sich bloß zufällig mit dem Ganzen verbunden und waren jeden Augenblick bereit, dieses Band aufzulösen. Eine höhere Theilnahme an der Entwickelung eines, selbst ihnen fremden, Körpers war ihrer Denkungsart nicht eigen. Die wahre oder scheinbare Bildung, welche im Grunde nur dann Werth hat, wenn sie die ächte Humanität fördert und die Theilnahme an der Zunahme der Gesittung im Großen wie im Kleinen erhöht, war ihnen nur ein etwas veredelter, raffinirter Genuß, den sie für sich aufnahmen, ohne sich darum zu bekümmern, ob die Frucht derselben auch immer Mehreren zu Gute komme; ragten sie ja dadurch hervor, wenn dieses Gut ihr ausschließliches Eigenthum war! Es bildete sich bei dieser Klasse wirklich oder scheinbar Gebildeter, bei diesen vollkommen mit Recht sogenannten Jndifferentisten, eine eigenthümliche, höchst widerspruchsvolle Theorie über Juden und Judenthum.

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