Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1844)
- Date
- 1844-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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148 zu Hrn. Tiktin wußte, ging ein Artikel desselben ausdrücklich dahin, daß „die amtliche Stellung desselben durch die Berufung eines neuen Dajan auf keinerlei Weise beschränkt oder beeinträchtigt werden sollte." Nun war freilich Hr. T. und der Theil der Gemeinde, auf den er sich zum Theile stützte und von dem er zum Theile sich leiten ließ, in dem Mittelpunkte angegriffen, während bis jetzt blos um die Außenwerke gekämpft worden war. Noch aber, ja noch um so mehr stand es in seiner Macht, sich zum Herrn der Lage zu machen. Denn wiederum wandte sich nun in einem Schreiben vom 22. dess. M. der Vorstand an Hrn. T., mit den artigsten Worten ihm den Beschluß mittheilend und die ergebensten Versicherungen und Bitten hinzufügend, die freilich wie Ironie klingen könnten, aber in der That damals ganz ernstlich gemeint waren. „Da Ew. Wohlehrwürden, hieß es nemlich am Schluffe des Schreibens, während der Reihe von Jahren, in denen Sie das hiesige Dberrabdinat verwalten, stets nur das Princip der Milde und Liebe haben walten lassen, so zweifeln wir nicht und schmeicheln uns noch immer, daß Ew. Wohlehrwürden sich noch nachträglich zur Gewährung unseres früheren Gesuchs bereit erklären und dadurch eine vollkommene Uebereinstimmung der Gemeindeglieder mit ihrem Oberrabbinen zu veranlassen geneigt sein werden". Da die Sachlage jetzt wesentlich eine ganz andere geworden war, ein Rabbinatsassessor oder zweiter Rabbine, nicht ein Gemeinderedner oder Prediger angestellt werden sollte, die selbstständige Vertretung des neueren Elementes in der Person eines besonderen Predigers wegsiel, dem zweiten Rabbinen, nicht wie etwa dem Prediger, eine von Hrn. T. unabhängige, sondern ihm untergeordnete Stellung einzuräumen war, so hätte er diese Gelegenheit benützen können, um seinen Widerstand aufzugeben, hingegen thatig in die Wahl mit cinzugreifen und so seinen Absichten bei derselben das Uebergewicht zu verschaffen. Er that es nicht; er antwortete dem Vorstande gar nicht. So traten der Vorstand und der Rabbine noch weiter auseinander. Von Seiten des erstercn erfolgte bald in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" das Concurrenzausschreiben. Es ist die Frucht der Bewegung und des Kampfes, daß sie in rascher Entwickelung die Bahn durchlauft, die in Zeiten träger Ruhe, man kann nicht einmal sagen, erst in langen Jahren mühsam durchmessen wird, da die schlaffen Glieder fast mehr rückwärts sinken als vorwärts streben. Und so war auch hier bald die Ansicht der Stimmführer für Geiger entschieden, obgleich er wol gerade am meisten als einer der entschiedenen Vertreter der neuen Richtung bekannt war. In der That wäre ja auch der Widerstand gegen einen jeden Andern derselbe gewesen, wie sich schon früher gezeigt hatte und später ausdrücklich erklärt ward; nur daß vielleicht die Anhänger des neu Anzustellenden weniger in lebendiger Frische geblieben wären. Und so scheute man nun die etwas größeren Hindernisse, welche sich etwa Geigers Anstellung in den Weg stellen mochten, nicht; glaubte man doch jedenfalls Bürgschaften für dessen Gesinnung und Fähigkeiten zu haben! Um sich jedoch auch zu vergewissern, daß man einen Prediger nach Wunsch an ihm besitzen werde, ward vom Vorstande eine Einladung an ihn beschlossen, Breslau zu besuchen und daselbst einen Vortrag zu halten. Hrn.T's. nunmehriger Versuch, einige von den Vorstandsmitgliedern diesem Beschlüsse abwendig zu machen, schlug fehl. Am 17. Juli kam Geiger an und hielt am 21. den von ihm gewünschten Vortrag.*) Es ist unlängst in einer ziemlich hämischen Weise davon gesprochen worden, wie man für Geiger geschwärmt, von seinem Vortrage trunken gewesen, ein prunkhaftes Treiben mit ihm angestellt, Libationen ihm dargebracht habe u. dgl. **) Wenn hieran spöttische und wegwerfende Bemerkungen geknüpft werden, so überlaste ich diese ruhig ihrer Werthlosigkeit; die Thatsache aber mag ich nicht ganz in Abrede stellen. Es war in der Thal ein Jubel, eine Begeisterung nach diesem Vortrage, die nicht leicht zu beschreiben sind. Und wie konnte es anders sein? Es war die Frucht jahrelanger Sehnsucht, halbjähriger Anstrengung, die unter Unwillen und Zagen so oft angewandt werden mutße, und nun sah man sich an einem schönen Ziele; denn allerdings Gelger's Vortrag gefiel in sehr hohem Maße. Man glaubte zu bemerken, daß die Rede nicht bloß von den Lippen floß, sondern auch aus dem Herzen dringe, daß der Vortrag Gehalt habe, Vieles ausspreche, Mehreres andeute, und Haltung, Organ und Declamation wurden als natürlich und tief eindringend anerkannt. Und da hätte das Publikum, das so lange seine Sehnsucht Niederdrücken mußte, das einen jüdischen Prediger kaum noch gehört, nicht etw§s trunken sich benehmen sollen? *) Er ist gedruckt: Gottesdienstlicher Dortrag, gehalten in der großen Synagoge zu Breslau am Sabbate Mattoth Maß'e 5598 (21. Juli 1838). Breslau. Friedländer. 16 S. **) Entgegnung auf den Bericht des Ober-Vorsteher-Collegiums u. s. tv. S. 6.