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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-05-12 · Heft 19 (12.5.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 19 (12.5.1844)
Date
1844-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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149 gänzlichen Weise abgehalten zu wissen, — es liegt, sage ich, außerdem etwas Gehässiges und Unwürdiges in dem Streifen auf einen Ausdruck, der alsbald die Drohung in sich schließt, den starken Arm der weltlichen Macht gegen einen frommen Wunsch zu Hülfe zu rufen. Der Ausdruck „Neuerung" wiederholt sich in allen Schreiben des Hrn. T., und zwar weil mit diesem so höchst unbestimmten Ausdrucke an den Inhalt einer Königlichen Cabinetsordre gestreift wurde, auf die hindeutend man den Finger drohend erhob. Bedenkt, welch eine Gewalt in meiner Hand ruht — so lautete die Andeutung — ich denunciire euch als Neuerer, und eure Ungefügigkeit gegen meinen Ausspruch wird alsbald zum Auflehnen gegen königliche Befehle. Ich muß es wiederholen, cs liegt etwas sehr Unwürdiges darin, zumal in dem Munde eines Geistlichen seiner Gemeinde gegenüber, zumal eines jüdischen Geistlichen, der kein Staatsdiener ist, statt den Weg friedlicher Belehrung, versöhnlicher Verständigung einzuschlagen, immer im Hintergründe auf die Zuchtruthe zu zeigen, die ihm zu Gebote stehe. Beengend, aber auch höchst verstimmend ist es für die so Angeredeten, welche allerdings aus die Armensünderbank der Verklagten und nun zur Selbstvertheidigung Gezwungenen gesetzt werden, aber auch den Groll gegen den Ankläger nicht unterdrücken können. Dieß mußte das erste peinliche Gefühl sein, welches sich des Vorstandes bemächtigte; das Zweite war die Einsicht, entweder den lang und ernstlich gehegten gerechten Wunsch aufgeben, der bessern Ueberzeugung keine'Folge geben, oder den Widerspruch des Hrn. T. nicht, weiter beachten zu müssen. Der unzeitige Widerstand des Rabbincn machte die Gemeinde in ihrem Verfahren behutsam, in ihrer Auffassung mündig. Bei der Anstellung eines Gemeinderedners oder Predigers besorgte man unübersteigliche Hindernisse; allein bei der Wahl eines neuen Mitgliedes des Rabbknatscollegiums wußte man sich vor jeder Deutung höherer Bestimmungen geschützt. Jedoch mußte ein Fortschritt in der Gesinnung dabei rasch gemacht werden, und er ward gemacht. Daß das Rabbinatscollegium vollzählig war, konnte nicht hindernd in den Weg treten, da der eine Beisitzer hochbejahrt und blind, der andere durch anhaltende Kränklichkeit ganz unbrauchbar war-, und die Pensionirung des letzter» ließ etwa bloß noch eine finanzielle Schwierigkeit zurück, welche durch die Bereitwilligkeit der 120 zu jedem Opfer gehoben ward. *) Der bald darauf erfolgte Tod des hochbejahrten zweiten Rabbinen entfernte diese Schwierigkeit gänzlich. Allein der Fortschritt, welchen die Gemeinde machen mußte, bestand in Folgendem. Man war in den preufsischen Gemeinden noch nicht über den dualistischen Standpunkt hinausgekommen, daß nach wie vor Rabbinen ganz alten Schlages die früheren Functionen versahen, die rituale Seite des Judenthums vertraten, die neueren Bestrebungem desselben, wenn sie wirklich sich hervorwagen durften, in einem besonderen Manne, einem Prediger oder Religionslehrer u. dgl. ihre Vertretung finden; beide gingen neben einander her, bald in größerer bald in geringerer äußerlicher Harmonie, und das religiöse Gemeindeleben, in zwei Theile gespalten, war nur mechanisch an einander gekittet. Daß aber in das Rabbinat ein Mann trete, der die wissenschaftliche Theologie repräsentire, den alten Rabbinen und Prediger in sich vereinige, durch diese Vereinigung aber auch einen höhern, den wahrhaft geschichtlich fortgeschrittenen jüdischen Standpunkt einnahm — ein solcher Gedanke lag den Gemeinden ganz fern. Hatte auch das westliche Deutschland hinlänglich darauf hingewiesen, hatte diese fortgeschrittene rabbinisch-theologische Richtung bereits ihren wissenschaftlichen Ausdruck und eifrige Verkündiger gefunden: die Macht der Gewohnheit, durch äußere Hemmnisse verstärkt, ließ den Gedanken nicht aufkommen. Man verzieh es höchstens in Frankfurt a. d. O. dem Rabbinen Holdheim, daß er Vorlesungen in Prag gehört, in Betracht seiner von früherher bekannten Kenntnisse im Talmud und — einer dort mächtigen Protection, die freilich später umschlug, und die Stellung in der That zu einer höchst schwierigen machte. Allein ein Erforderniß daraus zu machen, zumal in einer großen Gemeinde, erschien noch als etwas Fremdartiges, und in diesen Gedanken mußte die Gemeinde sich nun hineinleben. Allerdings dachte man zuerst bei dem neu anzustellenden Rabbinen fast ausschließlich an den Prediger, den man, um etwaigen Hindernissen, deren Besiegung zu schwierig sein mochte, aus dem Wege zu gehn, zum Mitgliede des Rabbinatscollegiums zu ernennen beschlossen hatte, — und weniger an den wissenschaftlichen Theologen; allein Thatsachen haben eine Gewalt, die bald auch in die Ueberzeugung eindringt, und der Umschwung war in den Egoisten und Empfänglichen rasch vollzogen, und blieb früher der Rabbine unberührt und der Prediger nur Bedürfniß, so sollte nun der Rabbine ein Mann sein, der den Prediger in sich schloß. Dieser Beschluß ward am 18. Marz gefaßt und I obgleich, zum Theile auch weil man sich im Gegensätze

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