Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1844)
- Date
- 1844-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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142 punkte Liktin's jedoch wäre ein solches Verfahren ebenso von der Weisheit geboten wie von der Klugheit angerarhen gewesen. Allein bereits wußte man, daß eine solche Willfährigkeit nicht in Liktin's Sinne lag, er vielmehr dem ganzen Plane, den er Anfangs zwar als ein eitles, erfolgloses Beginnen betrachtete, falls er dennoch eines Erfolges bei der Gemeinde sich erfreuen sollte, mit den schon oft erprobten Waffen der falschen Interpretation königlicher Worte, wonach ein jedes Aufstreben mit dem Banne widergesetzlicher Neuerung belegt wurde, entgegenzutreten entschlossen war. Ja, man vermuthete tieß nicht bloß, sondern man hatte darüber die bestimmteste Gewißheit. Schon im Januar 1838 nämlich hatten die s. g. Vorsteher einiger Betstubcn (G'fcCJ) der Regierung eine DenunciatioHr cingereicht, in welcher abwechselnd von „beabsichtigten Neuerungen des Cultus", von „Sectirerei", von „drohenden Spaltungen in der Gemeinde^ und dgl. gesprochen wurde. Diese Dcnunciation hatte allerdings keinen Erfolg, da bei der angeordneten polizeilichen Untersuchung ein jedes verdächtige Factum fehlte, die Angeber aber waren geständig, daß ihre Beschuldigungen auf Erklärungen des Oberrabbinen Tirtin sich gründeten. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Tages. ££ Frankfurt a. M. 19. April. Herr Nabbine Trier hat seine Demission beim hiesigen Gemeiudevorstande cingereicht. In der heutigen Sitzung hat nun letzterer über diese überraschende Entschließung bcrathen und steht, dem Vernehmen nach, der Gewährung dieser bescheidenen Bitte wol kein Hiuderniß im Wege. Hrn. Stein's Ausnahme als hiesiger Nabbine bewog Trier'n zum Rücktritt. Aus Baiern. (Corresp.) So viel auch schon über Gebetabänderuugen geschrieben wurde, die Arten werden noch lange nicht geschlossen sein. Fürchten Sie nicht, daß ich Sie mit einer theol. Abhandlung über diesen Gegenstand belästigen werde, vielmehr bin ich der Meinung, daß auch mit diesen für jetzt nicht viel ausgerichtet ist. Nur wie eS in dieser Hinsicht bei uns sich verhält, will ich Ihnen mittheilen, einige Bemerkungen und einen leisen Vorschlag mir erlaubend. Alke Rabbinen haben Synagogen-Ordnungen eingeführt, aber Mittclfranken und einige wenige andere Rabbinatsbezirke ausgenommen, die Liturgie säst ganz unverändert gelassen. Wol haben die Meisten das Schir Hajichud an den Werktagen entfernt, auch sonst hinsichtlich des Gottesdienstes nicht unzweckmäßige Anordnungen getroffen, aber in der Hauptsache sind die Gebete ganz dieselben geblieben, wie sie von jeher waren. Und ich glaube, die Rabbinen haben — recht. Recht? werden Sie staunend fragen, recht sagen Sie? und das als „Jsralit des neunzehnten Jahrhunderts«? Sie müssen mich ja nicht mißverstehen, mein Freund! Daß unser Gebetcyclus einer Abänderung bedarf, daß eine solche zulässig, davon bin ich nicht nur fest überzeugt, sondern möchte sogar behaupten, daß auch der orthodoxeste Theologe auf seinem rituellen Standpunkte dieses zugebcn muß. Allein der praktische Geistliche hat nicht blos zu fragen, was d'arf geschehen? sondern auch, was soll und was kann geschehen? Ich habe nicht etwa die pastoralkluge Zurückhaltung im Sinne, sondern den pslichtmaßigcn Ernst, mit dem Heiligen kein leeres Spiel zu treiben, die unbestreitbare Wahrheit PN' fiNTin?'C2n ra\\‘- Wir haben gar viele Synagogcnordnungen, darin zu lesen ist, was gebetet werden soll und was nicht werden darf. Letzteres Verbot macht immer einen wchmüthigen Eindruck und mir wird, so etwas zu lesen, fast unheimlich zu Muthe, denn ich meine, das Gebetbuch müsse doch enthalten, was zu beten sei, und was nicht gebetet werden soll, das sollte doch auch nicht im Gcbetbuche stehen. Aber davon abgesehen, was ist mit solchen Synagogen-Ordnungen ausgerichtct? „Schon, zweckmäßig", sagen die Männer des neunzehnten Jahrhunderts und freuen sich des Fortschrittes. Aber hat ein solcher wirklich stattgefundrn? Täuschen wir uns doch nicht, “ gleich den Kindern uns zu freuen, wenn die Männer der Aufklärung unsere Worte klug finden und unser Thun beifällig aufnehmcn. Worte sind Worte, nur Thaten haben Realität. Die zweckmäßigsten Anordnungen haben keinen Werth, wenn sic nicht auch wirklich zur Ausführung kommen, was bei den meisten Synagogenordnungcn der Fall nicht ist und — nicht sein kann. Die Aufklärung und der Fortschritt müssen in uns, unter uns Leben und Wirklichkeit haben, wenn sie heilbringende Früchte tragen, keine anfgetragene Schminke sein sollen, die nur dem Vorübergehenden die fale Farbe und die häßlichen Rnnzcln nicht sehen läßt. Den aufmerksamen Beobachter macht diese Täuschung nur ungehaltener und statt früherer Mißbilligung trifft uns Zorn, Unwille, wenn nicht gar Verachtung. Ich sehe von den großen Gemeinden ab, denn was in diesen geschehen ist und geschieht, ist zur Genüge bekannt. Außer diesen aber hat ein Nabbine doch immer einen Sprengel von mehreren Gemeinden. Er ordnet eine Abänderung der Gebete an, wird sie befolgt? In jeder Gemeinde giebt es eine nicht unbedeutende Zahl von Leuten, welchen man eö gar nicht verdenken kann, wenn sie gutwillig auch den pipD VTK nicht hergeben, I denn da sie von den übrigen Gebeten grade so viel verstehen,