Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1844)
- Date
- 1844-05-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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140 und war auch das Interesse an solchen literarischen Leistungen nicht besonders vorherrschend, so war man doch in alter Weise gewohnt, an wolthätigen Zeichnungen sich zu betheiligen, und Hr. Brück fand Unlerschriften. Er ging auch zu Hrn. T., .theilte ihm Einiges aus seinem gewiß unschuldigen Buche mit; aber Hr. T. wollte auf gar Nichts eingehen, wies ihm die Thüre, drohte ihm, er werde ihn als einen Ruhestörer, Religionsspötter und Ketzer angeben, und ihn, nach seinem beliebten Ausdrucke, hinausführen lassen. Ja, er verbot einem jüdischen Drucker, bei welchem Brück seine Schrift drucken lassen wollte, seine Offizin dazu herzugeben, widrigenfalls er ihn verfolgen werde, so daß der Drucker, eingeschüchtert, uun seine Verbindlichkeiten zu erfüllen sich weigerte, auch viele Subscribenten ihre Unterschriften zurückzunehmen veranlaßt wurden, und Hr. Brück, zum ersten Male aus Mähren nach Deutschland sich wendend, und in dem gelobten Lande geistiger Freiheit frei athmen zu können hoffend, gewahrte mit Zagen und Schrecken, daß die Wuth des Fanatismus auch in diesen gesegneten Gauen alle Keime edlerer Bildung niederzudrücken beflissen sei, und mit einem wahrhaft glänzenden Erfolge ihr Beginnen ausführe. In seinen schönsten Hoffnungen getäuscht und der Verzweiflung nahe, fand er einen Retter in Herrn Dr. Wilhelm Freund. Dieser, an den Herr Brück sich wendete, sein Mißgeschick klagend, war über das unwürdige zelotische Verfahren des geistlichen Oberhauptes im höchsten Grade entrüstet, und in lebendiger Theilnahme für den Verfolgten, wie für geistige Freiheit, entschloß er sich nach Kräften zu helfen. Er schrieb an den damaligen Vorstand der Gemeinde, zeichnete das Treiben des Rabbincn im Allgemeinen mit zwar starken, aber wahren Farben, stellte den neulichen Vorfall in seiner ganzen Widrigkeit dar, machte aufmerksam, wie ein solches Ereigniß, wenn es der Oeffentlichkeit übergeben würde — wozu er nöthigenfalls seine Zuflucht nehmen werde — Breslau in Übeln Ruf zu bringen geeignet sei, und zeigte die Dringlichkeit eines Einschreitens von Seiten d.5 Vorstandes. Abgesehn davon, daß dieser Schritt Hrn. Brück zur Herausgabe seiner Schrift förderlich war, hatte er noch den Erfolg, daß die Gemeinde zum Bewußtsein ihrer seltsamen Lage aufgerüttelt wurde. Die Gemeinde trat wirklich seit jener Zeit geistig in engere Verbindung mit den sich hervorarbeitcnden Bestrebungen des mittleren Deutschlands und ward ihrer Mängel inne, Ut.d namentlich fühlte sie, wie alles religiöse Leben mehr und mehr aus der Gemeinde schwinden müsse, so lange das belehrende Wort des Geistlichen vermißt werde. Schon die im Jahr 1826 abgefaßten Statuten der Gemeinde hatten dieses Bedürfniß anerkannt und im §. 72 u. 73 fcstgestellt, daß der erste Rabbine von 4 zu 4 Wochen in der vorzüglichsten und geräumigsten Synagoge Vortrage abzuhalten habe, die „jedoch nur auf Hinweisung und Belehrung in Religion und Moral abzwecken müssen", während im §. 76 die Beisitzer verpflichtet werden, „alle Sonnabende, mit Ausnahme derjenigen, an welchen der erste Rabbine Vorträge hält, abwechselnd in den verschiedenen Betschulen auf Religion und Moral abzweckende Vorträge zu halten". Da diese Vorschriften jedoch nicht in Ausführung kamen und mehrere Gemeindeglieder dies rügten, fand sich schon im Jahre 1834 das Ober-Vorsteher-Collegium der Gemeinde veranlaßt, dem Herrn Tiktin den Wunsch der Gemeinde nachdrücklich und mit besonderer Bezugnahme auf die Statuten ans Herz zu legen. Herr T. lehnte das Ansuchen kurzweg ab, „weil er sich aus eigener Erfahrung von dem geringen Einfluß und von der Zwecklosigkeit solcher Vorträge überzeugt habe". Ein erneuertes, die Behauptung des Rabbinen in den schmeichelhaftesten Ausdrücken widerlegendes Gesuch des Ober-Vorsteher- Collegiums blieb ohne alle Beantwortung. Und so ließ der Vorstand denn nothgedrungen diese Angelegenheit fallen. *) Allein das nun stärker fühlbar gewordene Bedürfniß ließ sich nicht mehr ignoriren, und so traten denn gegen Ende des Jahrs 1837 mehrere Familienvater zusammen, und es wurde von ihnen folgendes Circular abgefaßt: „Mit Gott!" „Die Nothwendigkeit erbaulicher Religionsvorträge in unserm Tempel tritt von Tag zu Tag entschiedener und dringender hervor. In dem Grade, als die Kenntniß der heiligen Sprache abgenommen, hat sich die Wirksamkeit unserer Gebete auf Herz und Gemüth vermindert, und unsere Gottesverehrung ist zu einem rein mechanischen Formelwesen herabgesunken, unwürdig der hohen geistigen Bildung der Gegenwart, unwürdiger noch der erhabenen Lauterkeit unserer geheiligten Religion. Aus dieser tiefen Versunkenheit unseres Gottesdienstes giebt es nur einen Rettungsweg: Die Anstellung eines wissenschaftlich gebildeten und von wahrer Re- *) Aus Freund's r „Die Rabbinats - Assessor - Wahl zu Breslau im Jahre 1838.« (In demselben Jahre als Manuscript gedruckt.) S. 4 u. 5.