Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1844)
- Date
- 1844-05-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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139 des Hrn. Salomon Liktin zum stellvertretenden Oberrabbinen in hiesiger Gemeinde auf drei Jahre. Während der gebildete Theil der Gemeinde die Sache theilnahmslos hingehen ließ, hatten freilich Andere, welche das Rabbinat blos einer talmudischen Celebritat übergeben sehen wollten, gegen diese Wahl Einspruch gelhan. DennvH wur-k Hr» im Khsk ISA auf vrki Lahre als stellvertretender Oberrabbine angestellt, und dieses Verhaltniß schlich sich später fort ohne Verlängerung, ohne eigentliche Installation, kurz ohne daß man sich nur darum bekümmerte. Noch ein Versuch ward in Breslau ähnlich wie in Berlin gemacht, zur Erwirkung eines verbesserten Gottesdienstes, unter eifriger Mitwirkung des rühmlich bekannten Herrn vr. Guns bürg, aber als dieser, nach erfolgter Denunciation, mit der weitschichtigen Bezeichnung der „Neuerung" verpönt wurde, da trat völlige Kalle und Gleichgültigkeit gegen alle so sehr wichtigen Aeußerungen eines religiösen Gemeindelebens ein. Dieser Zeitabschnitt war für Breslau's jüdische Gemeinde ein sehr unseliger; dieGemeinde, als solche, versank zusehends, und bald zeigte sich, daß die Gemeindeglicder nicht ungestraft ihren Gemeindevcrband für werthlos achteten. Die aufblühende jüdische Wissenschaft fand hier kaum einen Vertreter, die takmudische Gelehrsamkeit ward nicht gepflegt, die Institute verfielen, die königliche Wilhelmsschule siechte dahin, und ward endlich außer aller Verbindung mit der Gemeinde gesetzt, die dreitägige Gesellschaft starb bis aus wenige Mitglieder aus, die Gesellschaft der Brüder verlor ihren edleren Eharakter, die Synagogen waren verödet, eine Gemcindcsynagoge nicht vorhanden — das sicherste Zeichen der fehlenden Einheit—, der Schlendrian ward herrschend, kurz die Gemeinde, als solche, wurde immer mehr verwahrlost, wenn auch Einzelne für sie ernstlich zu wirken beflissen waren, der Jndl'ffercntismus und die Scham, als Jude zu gelten und aufzutreten, nahm überhand und Viele traten gänzlich über. Unterdessen kam mit dem Jahre 1830 eine Zeit frischer Belebung für die Juden heran. Wenn überall zuerst die Bestrebungen für Emancipation erwachten und in deren Gefolge der Ruf nach Reform sich verstärkte, so verspürte man hier Nichts oder wenig davon, und wenn Etwas dafür sich regen wollte, so gab es alsbald Denunciationen und polizeiliche Einschreitungen. Herr Pleßner, hier geboren und mit redlichem Fleiße hier sich zu seinen eigenthümlichen Ansichten emporringend, hielt eine kurze Zeit Vorträge nach seiner Art in einem kleinen Betlocale, die aber doch in rein deutscher Sprache abgefaßt waren; er ward denuncirt und ein Verbot erfolgte. Als die neue große Synagoge, welche von der Gesellschaft der Brüder in Pacht genommen ward, eingeweiht werden sollte, beabsichtigte Hr. Pappen heim, damals Mitglied des Gemeindewie des Gefellschaftsvorstandes, durch eine deutsche Rede die Feier zu erhöhen; Wort wurde hmergksuHl, Heiligen Orts angebracht, und die Rede mußte unterbleiben. Wie manche andere Rabbinen dieser Zeit in Preußen sich eine Bedeutung in der Gemeinde zu verschaffen suchten, nicht durch heilsames Wirken für dieselbe, sondern durch das Verdammen zum absurdesten Stillstände und durch die Drohung, beim Staate zu denuncirren, so war es auch bei Hrn. T. der Fall. Die innere Kraft des alten Systemes, welche auch positiv sich äußerte, war nicht bloß in der Zeit, sondern in jenen Vertretern selbst gebrochen, und nur negativ hindernd zeigte sie sich noch; die alte religiöse Warme war gewichen, aber die Herrschsucht gesteigert. Ich will hier nicht eine cliromqiie scandaleuse schreiben und begnüge mich mit der Andeutung. — Die große Gemeinde Breslau's aber war fast so gut wie ausgestrichcn aus der Reihe der Lebenden. Die Stellung, welche die Gemeinde im städtischen Leben ein- Nühm, war fast eine mittelalterliche zu nennen; die Verachtung der Christen, welche allerdings von kleinlichem Provinzial- und Lvkal- und Kastengeiste sich befangen zeigten, lastete schwer auf ihr, und wenn die Kaufmann» schass noch jetzt die Börse hartnäckig den Juden verschließt, ein Winkelliterat von Zeit zu Zeit widrige Pamphlet's mit dem gemeinsten Judenhasse in die Kneipen sendet — weit<r dringen sie freilich nicht, — so trägt der frühere Verfall einen Theil der Schuld mit. Die Christen hatlen sich gewöhnt, in dem Juden, als solchem, einen in die Zeit nicht hineinpassrnden Menschen zu erblicken und den oder die Einzelnen ihrer Bekanntschaft, welche sie anders betrachten mußten, trieben sie auch zugleich von der Judengcmcinde aus, wogegen denn auch diese nicht protestirten. Allein Gott tödtet zuletzt noch den Todesengel, heißt es in dem Liede vom Zicklein, und so kam auch hier die Zeit, da der Tod der Gemeinde getödtet, ein neues Leben erzeugt werden sollte. Eine äußere Veranlassung, wie sie wol oft vorgekommen war, aber dießmal zufällig größere Bedeutung gewann, gab den ersten Anstoß. Hr. Brück, der Verfasser der „rabbinischen Ceremonialgebrauche", kam 1836 aus seiner Reise, welche er zur Sammlung von Subscribenten unternahm, auch hierher,