Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1844)
- Date
- 1844-04-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566929--0944-2568669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 unsre Religion an allen Enden der Erde gelehrt und gepredigt werden! Die HH. vr. Jost und Th. Creizenach im Unterricht in unsrer Muttersprache, Hr. Bechhold und Hr. Blumenthal in Naturgeschichte und Hr. vr. H. Zirndorfer in Mathematik gaben noch Beweise ihrer ausgezeichneten Leistungen. Die Gewandheit und Sicherheit, womit man hier einen 12 jährigen Knaben die Schwierigkeiten der Kettensätze und Buchstabenrechnungen spielend überwinden sah, wird den Zuschauern noch lange im Gedächtniß bleiben. Der vorzügliche Choralgesang von Knaben und Mädchen unter der Leitung des beliebten Gesanglchrcrs Hrn. Hecht machte einen wolthuendcn Eindruck auf die Hörer. Herzogthum Braunschwcig. Braun schweig im April. (Schluß der Aeußerung des Pfarrers König übers die Judenfrage.) „Man nenne mir ein Volk Eurcpa's, man nenne mir ein Ceeulum, wo nicht die unsinnigste Judenverfolgung stattgcfunden hätte! Bald sollen sie Kinder geschlachtet, bald Brunnen vergiftet, bald Landplagen herbeigesührt haben. Ja, es bestehen Briefe von deutschen Fürsten, an deutsche Reichsstädte geschrieben, wo Jene diese freundnachbarlichst ersuchen, alle Juden zu ersäufen oder zu verbrennen. Auch du, mein thenrcs Vaterland, trägst diesen Flecken an dir. Noch der zweite deiner Könige zwang seine jüdischen Unterthanen mit ungeheurem Spotte, das Schwarzwild seiner Jagden zu erstehen, und selbst der königliche Weise, den die Geschichte den Einzigen benannte, versagte einem der größten Philosophen unter seinen Zeitgenossen (Mendelssohn) den erbetenen Schutz- und Bürgerbrief, weil er ein Jude war. Wir stehen höher, aber haben wir das Ziel erreicht? Leider nicht. Noch huldigen Viele von uns dem Vorurtheile. Wir stoßen die Juden aus unseren geselligen Kreisen, und wundern uns, daß sie nicht vollständig unsere Sprache und unsere Sitten annehmcn. Wir nehmen keinen Anstoß daran, daß Emigranten, Rcfugies und Salzburger, die vor hundert Jahren zu uns kamen, bei uns bleiben, und wundern uns und schreien laut darüber, daß die Juden, die seit tausend Jahren bei uns eingebürgert waren, nicht nach Palästina wollen. Wir verspotten sie in unseren Schriften, und selbst achtbare Autoren, und die tüchtigsten Redacteure tragen kein Bedenken, den Judenjüngling und das Judenfräulein lächerlich zu machen, und die gemeinsten Anekdoten immer wieder aufzufrischen. Sie dulden und tragen Alles, denn daran sind sie gewöhnt. Wir aber fühlen nicht, wie klein wir als die herrschende Partei gegen die Unterdrückten handeln. Viele von ihnen haben so tapfer gefochten im Heere,' und man will ihnen die Ehre streitig machen, gleich allen anderen Söhnen des Vaterlandes militärpflichtig zu sein? Viele von ihnen haben die trefflichsten Bürgertugenden entwickelt, und man will sie einpfercheu in eine besondere Corporation? Ja, das ist meine volle Ueberzeugung! Ein Fürst könnte sich nicht höher ehren, als wenn er spräche: Ihr seid völlig frei. Besonderer Gesetze bedarf es nicht, oder gewiß nur sehr kurzer. Der Grundsatz der uneingeschränkten Toleranz macht alle weitläufigen Bestimmungen überflüssig. Daß sie, die bald zweitausend Jahre hindurch von den Christen auf das Unbarmherzigste verfolgten und immer noch existirenden Juden, mißtrauisch sind gegen jedes christliche Gesetz, welches ihre Verhältnisse regeln soll, ist ganz natürlich. Ihr Mißtrauen erscheint begründet durch die Geschichte, und was will man denen entgcgenstellen, wenn sie sagen: Zu gleicher Zeit mit der linken Hand Geld, viel Geld geben zu unserer Vertilgung, und mit der Rechten aufrichtig zu unseren Gunsten schreiben, das scheint uns unverträglich. Die Vereine zur Vertilgung des Judenthums in unserer Mitte sind vom Uebel. Das Eindringen und aussichtslose Wirken fremder Missionare in unserem Staate ist ein Mißrauch, und das beste Mittel der Bekehrung bleibt alle Zeit, wir üben reiche Liebe gegen unsere Nächsten aus, selbst wenn sie Juden sind. Wir führen einen Wandel vor ihrem Angesichte, der sie zur Achtung unseres Glaubens zwingt. Wir ehren ihre Ueberzeugung, lassen ab von jeder Zudringlichkeit, und gestehen ein, daß es verhältnißmäßig eben so viel rechtliche Juden als Christen giebt. Kaum sollte man es meinen, auch das neunzehnte Jahrhundert bedarf der kräftigsten Ermahnung, tolerant zu sein gegen die Juden, und abzulassen von den lieblosen Vorurtheilcn unserer Väter!" Preußen. Berlin, April. sD. Allg Ztg.j In der hiesigen jüdischen Gmeinde sieht man mit lebhafter Spannung dem Erfolge der am 25. März stattgehabten Wahl eines RabbinatsbeisitzerS entgegen, übcrwelche in dieser Zeitung bereits berichtet worden ist. Die Erklärung der mit dieser Maßregel überhaupt nicht einverstandenen Gemeindemitglieder ist freilich unberücksichtigt geblieben; doch sollen sich dieselben, wie man hört, hierbei nicht beruhigen wollen und fernere Schritte beabsichtigen, von denen sie eine! größere Wirkung erwarten. Zur Berichtigung des obenerwähnten Artikels über diese Angelegenheit muß indessen bemerkt werden, daß die Wahl nicht durch geordnete Deputirte der Gemeinde, sondern durch den Vorstand und 32 durchs Loos berufene Mitglieder derselben bewirkt werden sollte. Von jenen 32 haben sich aber zur Vollziehung der Wahl nur 20 eingefundenr ein Umstand, der in der That nicht eben das vortheilhafteste Licht auf einen Wahlmodus wirft, dessen Anfrechthaltung der Vorstand un-