Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1844)
- Date
- 1844-04-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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12« Inquisition. Denn nicht genug, daß jeder einzelne Jude, nicht als Mensch, sondern als Jude, die Verpflichtung hat, den ihm als Juden gewordenen Beruf und deßhalb alle Ceremonien zu erfüllen, sondern auch «das Judenthum (d. h. wol nicht der jüdische Glaube, sondern die jüdische Gesammtheit) kann sich (nach Hrn. H.) nicht dabei beruhigen, daß seinen Mitgliedern der jüdische Neligionsgedanke abhanden gekommen ist. Es muß also immer darauf bedacht sein, seine irrenden Kinder vom Bessern zu überzeugen und^für dasselbe zu begeistern." Sehr gelinde ausgedrückt, aber auch mit vieler arriere - peosees. Vom Bessern überzeugen und für dasselbe begeistern wird ein jeder woldenkende Mensch für das, was seine Uebcrzcugung ist; aber eine Gesammtheit, der eine gemeinsame Pflicht obliegt, «das Judenthum, das", wie H. sagt, «dafür verantwortlich ist, daß jeder seiner Angehörigen von seinem Nationalbcrufc erfüllt und durchdrungen sei", das wird zu wirksamem Mitteln seine Zuflucht nehmen müssen. Es wird den Ucbertrctcr etwas gelinde geißeln, um ihn zur Einsicht zu bringen; man muß ihn auf jede Weise zwingen, seine Pflicht, die nicht seine private, sondern die ein Stück der Gcsammtpflicht ist, und deren Verletzung auch die Gesammthcit nicht zu ihrem Ziele gelangen läßt, wenigstens äußerlich zu erfüllen. Stehn wir aber bei solchen Grundsätzen noch auf dem Gebiete der Religion, der freien inneren Uebcrzcugung, sind wir nicht vielmehr an der salschvcrstandenen Theokratie mit allen ihren häßlichen und gefährlichen Auswüchsen, an der ganz nach den Formen des Staates eingerichteten und mit den Zwangsmitteln des Staats versehenen Kirche, an der übelbcrufcncn Hierarchie des mittelalterlichen Katholicismus angclangt? Sie kannte auch die sanstschmcichelnden, heuchlerischen Worte von Belehrung der Irrigen, aber sie zeigte auch die Consequenzen, wohin diese Theorie von der Verantwortlichkeit der Kirche für das Seelmhcil jedes einzelnen Mitglieds führt. Und diese Theorie wagt ein jüdischer Lehrer der Gegenwart, der mit der Philosophie cokettirt, aufzustcllen? Herrn Hirsch nützt auch seine subtile Unterscheidung zwischen denen, welche die Svcisegcbote und den Sabbat nicht beobachten, und denen, welche ihre Kinder nicht beschneiden lassen, gar Nichts. Er meint, jene, wenn sie auch irrten, könnten erstens noch immer behaupten, sie hielten am jüdischen Ncligionsgedanken fest, während diese nicht blos selbst irren, sondern auch «indem sie ihre Söhne der Beschneidung entziehen, ein Verbrechen gegen die Gewissensfreiheit ihrer noch unschuldigen Kinder begehn, ihnen erschweren selbst zu entscheiden, was wesentlich oder unwesentlich im Judenthum ist". Und wer nicht blos selbst an einer nichtkvscheren Tafel ißt, sondern auch eme n'cht koschere Haushaltung führt und dem Gaumen seiner Kinder den Reiz zu nichtkoschercn Speisen beibringt, oder wer nicht blos etwa in Collegien am Sabbat schreibt, sondern auch seine Kinder schreiben läßt, begeht dieser, nach jener schönen Theorie, nicht gleichfalls «ein Verbrechen gegen die Gewissens; sreiheit seiner noch unschuldigen Kinder"? Ja, ein größeres - denn das Beschneiden ist ein einmaliger Act, den man rasch nachholen kann, aber die andern Gebote müssen täglich, wöchentlich geübt werden, sind ebenso oft verletzt und zu einer Gewohnheit geworden, die sehr schwer abzulegen ist. Und welch einen Mißbrauch treibt unser rabbinischcr Philosoph mit dem Worte «Gewissensfreiheit", wahrlich ärger als der Vater, der die Beschneidung seines «unschuldigen Kindes" unterläßt; denn nun wäre jede Erziehung, die nämlich nicht nach dem Sinne unserer Zwangskirchlichen ist, — jede Einflößung von Grundsätzen ein «Verbrechen gegen die Gewissensfreiheit". Nein, so verblendet sind wir nicht, das dem Herrn Rabbinen aufs Wort zu glauben; wir find vielmehr der Meinung, er begehe ein Verbrechen gegen die gesunde Vernunft und gegen daS Judenthum, dem er solche Ansichten andichtet. Doch hören wir auch die zweite Unterscheidung zwischen dem, welcher die Speisegebote und Sabbat nicht beobachtet, und dem, welcher die Beschncidung seiner Söhne unterläßt. Dieser müßte, nach unserm rabbinischrn Lehrer, «um der Kategorie jener zugezählt werden zu können, vor Allem erklären, welche Ceremonien ihm noch für heilig gelten; da er sich aber mit der Beschncidung (soll wol heißen: mit Unterlassung der Beschneidung) all' und jeder Cercmonie, dem Princip der jüdischen Ceremonien überhaupt, entgegensetzt, erklärt er damit offenbar, daß ihm der speciell jüdische Neligionsgedanke nichts gelte, und steh talso dem Judenthum, als solchem, dadurch, daß er auch Andere dem jüdischen Neligionsgedanken zu entfremden versucht, feindselig gegenüber". Wenn Sie in neuster Zeit von einem sogenannten wissenschaftlichen Rabbinen etwas Lächerlicheres gelesen haben, so theilen Sie es mir ja mit, denn das müßte wirklich köstlich sein. Die Beschneidung ist auch Hrn. H. keine Aufnahme in den Religionsbund, sondern sie «symbolisirt" nach ihm «mehr als jede andere Cerrmvnie den ganzen jüdischen Neligionsgedanken"; also ein Symbol, das doch Manchem, der gerade nicht den Kopf des Hrn. H. aufhat, weit ungeeigneter erscheinen kann als viele andere, und gerade wer dieses Symbol unbeachtet läßt, muß ein Bekenntniß ablegen, daß er doch noch andere Symbole festhält, wenn er nicht als Feind des Judenthums betrachtet werben soll, während die Jgnorirung aller andern Symbole eine solche Pflicht nicht auferlegt! Ich muß gestehen, Hr. H. scheint mir selbst etwas unbeschnitten zu sein, wenn auch nicht gerade, an dem Theile, von dem hier die