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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-04-21 · Heft 16 (21.4.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 16 (21.4.1844)
Date
1844-04-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ISS erwiesen ist, und finde ich hierin gerade die Bedeutung des vom Mosaismus selbst (5. Mos. 17. 11) gelehrten mündlichen Gesetzes (Maimon. von den Widerspenstigen §. 1. H, 1. 4.), woraus aber auch allerdings hervorgeht, daß diese Einwirkung nur den religiösen Behörden, keineswegs aber den Laien und Einzelnen gestakst jst. *) — Ich bekenne mich ferner zu der Annahme, daß auch im Mosaismus die rein religiösen von den an die Nationalität und die staatlichen Verhältnisse gebundenen Anordnungen getrennt werden müssen, und während erstere ihrer Natur nach unter Beobachtung des ersten, oben ausgesprochenen, Grundsatzes in Bezug auf die äußere Form ewig sind, letztere dagegen bei unseren heutigen Verhältnissen auszuscheiden seien — ein Grundsatz, der schon in dem lalmudischen Ausspruche: nßfö pta rum: n:-N pta-'^nn (Kidduschin fol. 36. 37. vergl. Dr. Holdheim, Autonomie der Rabbinen, S. 25 ff.) anerkannt wird — welche Scheidung aber wieder, dem ersten Grundsätze gemäß, und damit die Religion, da natürlich über das, was an die staatlichen Verhältnisse gebunden sei oder nicht, vielfache Meinungsverschiedenheit herrschen kann, der schrankenlosen Willkür jedes Einzelnen nicht übergeben und in tausendfache Nuancen nicht zersplittert werde, nur den religiösen Behörden, nicht aber dem Einzelnen und Laien überlassen werden darf. Ich bekenne mich ferner zu der Annahme, daß nicht alle Behauptungen der Lalmudlehren, nämlich solche, die nicht auf Tradition sich gründen, sondern in persönlicher Exegese des heiligen Schriftwortes, die meistens noch den verschiedensten Streitigkeiten unterliegt, ihren Grund haben, wenig bindende Kraft für uns besitzen. Noch vielweniger aber endlich können die dem mittelalterlichen Drucke und kabbalistischer Geistesverwirrung ihr Dasein verdankenden Satzungen und Einrichtungen auf den einzig dem Göttlichen zukommenden Vorzug ewig fortdauernder Verbindlichkeit irgend einen Anspruch haben. — Aus der Annahme dieser Grundsätze, welche näher zu entwickeln hier der Ort nicht ist, folgt natürlich, daß wir eine Refokm des Judenthums in seiner jetzigen Gestaltung, welche großentheils mit jenen Grundsätzen in *) Dieses wird auch von den Neformfreunden nicht geleugnet. Was sie zu erklären sich gedrungen fühlten, bildet nur den Inhalt ihrer Uebcrzeugung, sowie der von tausenden anderer Israeliten, und hat schon im Voraus in den rabbinischcn Gutachten über den Hamburger Tempel und die Breslauer Angelegenheit seine Autorisation und Begründung gefunden. Red. contradictorischem Widerspruch steht, für nothwendig anerkennen, und das Streben darnach auf jede religiös und gesetzlich erlaubte Weise zu unterstützen bereit sind. Und wie? Fordert das Leben nicht dringend zu einer Reform auf? — Wohl wird das göttliche Wort durch alle menschliche Mißachtung nicht untergehen. Wie herabfällt der Regen und der Schnee vom Himmel und dahin nicht zurückkehrt, sondern er tränkt die Erde und befruchtet sie und befprießet sie und gibt Saamen dem Säenden und Brod dem Essenden, so ist das Wort Gottes, das da geht aus Seinem Munde, nicht kehrt es leer wieder, sondern es thut, was Er gewollt, und führt glücklich aus, wozu Er es gesendet. Aber das Leben wird inzwischen entheiligt und leichtsinniger Abfall greift täglich mehr um sich. Wahrlich! diejenigen, welche durch solche Erscheinungen aus ihrem lethargischen Schlummer nicht geweckt werden, oder in halsstarrigem Trotze kein Haarbreit von den bestehenden Werkvorschristen nachgeben wollen, die haben am wenigsten Ursache, über den Abfall der Jugend von der Religion sich zu beschweren. Es ist bekannt, daß Ew. Hochwürden nickt zu dieser fanatischen Klasse gehören, vielmehr sich selbst mit ächter, ungeschminkter Religiosität für die Reform schon ausgesprochen haben, und meine freimüthigen Aeußerungen werden nicht mißdeutet werden wollen. Wollte Gott, daß Ihr Ruf noch durchdringe und etwas Tüchtiges geschähe, ehe dann es zu spät wird und der Abfall zu weit gediehen ist. Wenn man aber noch immer auch nur den Wein und die Milch bei Christen, oder den Haarscheitel der Frauen und so vieles Andere nicht erlauben will, trotz dem daß sie zum Theil nie verboten waren, zum Theil in unfern heutigen Verhältnissen und Ländern ihren Sinn verloren haben, wird die Jugend, die einmal aus Gewohnheit sie nicht beachtet, ohne daß sie weiß, daß sie religiös erlaubt sind, oder vielmehr, trotzdem daß sie dieselben für religiös verboten hält, sich nicht bald auch gewöhnen, das wirklich Verbotene zu rhun und das wirklich Gebotene nicht zu achten? Wird nicht dadurch gar manche Kluft im Leben sich bilden? Wenn man noch immer eine durchgreifende Verbesserung des Gottesdienstes nicht vornimmt, d. h. nicht bloß die sich langst verlebt habenden Piutim u. si w. aus der Liturgie entfernt, sondern selbst die alten Gebete abkürzt, und dasjenige, was mit unferm ®lauben$bewuf;tfein in grellem Widerspruch steht, daraus scheidet, an die Stelle der

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