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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-04-14 · Heft 15 (14.4.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 15 (14.4.1844)
Date
1844-04-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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114 ihr gewiß bereits eiaen großen Dienst geleistet hat. In zweiter Beziehung ist es bekanntlich Rießer, der sich um uns verdient gemacht hat. Die tiefe sittliche Begeisterung, die humane, acht religiöse Weihe, welche er der Sache zu geben wußte, hat gewiß schon so manche unserer Gegner bekehrt, sie das ganze Unwürdige unserer Zurücksetzung, der Verkümmerung unserer heiligen Rechte empfinden lassen. Doch ist nicht zu laugnen, daß auch Rießer nicht frei von einer zu großen Empfindlichkeit ist, und namentlich hat sie ihn zu einem Urlheile über Gutzkow verleitet, das, wenn man die Entschiedenheit bedenkt, mit welcher dieser humane Schriftsteller von jeher und bis auf die neueste Zeit für die Rechtsansprüche der Juden aufgetreten, nicht überall in ren Schrankrn des Rechtes und der Billigkeit geblieben ist. Ebenso ist nicht zu verkennen, daß ein zu großer, wir möchten sagen, sittlicher Idealismus, ganz in der edlen Natur Rießers begründet, ihn hie und da zu Consequenzen aus Äeußerungen und Ansichten der Gegner verleitet, die in Wirklichkeit nicht vorhanden, wenigstens bei diesen selbst nicht zum Bewußtsein gekommen sein dürften. Den streng, ja theilweise positiv-rechtlichen, vorzüglich aber deutsch-nationalen Standpunkt hat Wilhelm Freund betreten, und es ist kein Zweifel, daß er damit jetzt, wo das wahre Nationalgefühl auch unter dem deutschen Volke ein immer lebendigeres wird, zur glücklichen Lösung der obschwebenden Zeitsrage in nicht geringem Grade beitragen wird. Bei einer solchen Höhe, welche jene Frage heut zu Tage bei denen erhalten, die sich vorzüglich mit ihr beschäftigen, (Anderer die schon früher mit sehr geübten Waffen zu ihrer Lösung beigetragen, wie Jost, Weil, Zunz, und mehrerer gar nicht zu gedenken) müssen freilich die Ansprüche an den, der mit auf den Kampfplatz treten will, sich sehr steigern, und hätte ihnen Herr vr. S. nicht in einer sehr wichtigen Beziehung in der, wie schon gesagt, Widerlegung der gegnerischen Dialektik und Kategorien, durch die ihm fast bei jedem Punkte vor Augen gehaltene, seinem Idealismus schnurstracks widersprechende Wirklichkeit genügt, wir könnten das Verdienst dieser seiner neuesten Schrift nicht höher als das, was er ftüher in diesem Fache gethan, schätzen. — Worin aber Hr. vr. S. sich sehr geirrt, worin er in hohem Grade gegen jenen höchst achtbaren, tiefsinnigen und durchaus humanen Kritiker sich versündigt hat, das ist in der durchaus falschen Vorstellung, die er von dem Geiste, dem sittlichen Charakter und der Gesinnung über Juden, welche er von seinem Gegner sich gebildet, und die ihn dazu vermocht, ihn so wegwerfend und geringschätzend zu behandeln, und ihm fast auf jeder Seite seines Buches Oberflächlichkeit, absichtliche Verdrehung und Entstellung, ja sogar Jesuitismus und ganz besonders boshafte, judenfeindliche Gesinnung vorzuwerfen. Das muß jedem der den hohen geistigen Standpunkt von Bruno Bauer, sein ächt humanes Streben, feinen Charakter und vor Allem seine unbegrenzte Liebe zur Wahrheit, in Folge deren er lieber auf jede amtliche Wirksamkeit verzichtete, als seine Ueberzeugung verleugnete und feine Gesinnnung preisgab, in hohem Grade auffallen. Bauer irrt zwar, irrt sowol in seiner Ansicht über Judenthum, als über Christcnthum, aber sein Jrrthum, so groß er auch ist, weil zu so schweren, ungeheuren Consequenzen führend, so verzeihlich, ja — wir möchten sagen — so achtungswerth ist er, weil er aus der scharfen, Unnachsichtlichen, ernsten, strengconsequenten Entwickelung eines Princips, einer metaphysischen und geschichtlichen Grundansichl hervorging, die freilich einseitig und der Wirklichkeit widersprechend ist, aber selbst in dieser Einseitigkeit die Tiefe des Geistes verrat!), aus dem sie hervorgegangen. Dazu kömmt nun noch das Leben, das tragische Geschick unseres Kritikers, welches, wie das den besten und edelsten Menschen begegnet, von sehr wesentlichem Einfluß auf seine Grundsätze gewesen sein mag. Ware Bauer in amtlicher Wirksamkeit geblieben, er wäre vielleicht von der Ansicht, die er bereits in seiner Schrift über die Synoptiker, über das Prinzip des Christenthums vorgetragen, zurückgekommen, oder hatte sie bedeutend modisi'cirt. Aber feine Verdrängung vom theologischen Lehrstuhl, den er mit so vieler Auszeichnung einnahm, seine auf Betrieb der Kirchenlehrer vom Staate vollzogene Excommunicatkon hatte ihn unwillkürlich mit bitterem Unmuth gegen Kirche und Staat erfüllt, hatte ihn dazu gebracht, daß er den Jrrthum noch schärfer entwickelte, daß er dem in seinem Geiste aufgegangenen trüben Gemälde vom Christcnthum und Judenthum noch stärkere Farben lieh, bei welchen der Zorn und die Entrüstung des Gemüthes den Pinsel führte, daß er mit einem Worte von seinen Feinden, der Kirche und dem Staate kein Heil für die Erlösung der Menschheit erwartete, vielmehr in beiden nur Ausschließung Unfreiheit, Priviligium, Herrschaft, Inhumanität, Druck und Fanatismus sah. Wir Israeliten sollten aber in dem Urtheile über einen Mann, den doch nur eine beschränkte Ansicht aus dem Kreise des öffentlichen Wirkens gestoßen, (denn man mag dem religiösen Stand-

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