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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-31 · Heft 13 (31.3.1844) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 13 (31.3.1844)
Date
1844-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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103 ner finden einen schönen Wirkungskreis. Wenn man erwägt, daß dem deutschen Israeliten jeder Weg zu einem öffentlichen Amte gesperrt ist; daß er, wenn er auch mit den gründlichsten Kenntnissen ausgestatlet ist, an keiner christlichen öffentlichen, ja selbst Privarlehranstalt die kleinste Anstellung erlangen kann, so sollten israelitische Gemeinden es als eine heilige Obliegenheit betrachten, das bedeutende Kapital, das auf die Erziehung verwendet wird, nicht ebenfalls den Glaubensgenossen entziehen, und diejenigen, die sich den allgemeinen Wissenschaften widmen, nicht in die Nothwendigkeit zu versetzen, zu der herrschenden Religion überzutreten, ja selbst (wie wir leider an manchen Beispielen erfahren) Gegner ihrer Confcssionsgenossen zu werden. Wer mit dem Zustande mancher Gemeinden im Norden bekannt ist, wird die traurigen Folgen, die der Verfall der jüdischen Schulen nach sich gezogen hat, nnr mit Betrübniß bemerkt haben. Die hiesige Gemeinde kann eö daher mit als einen großen Vorzug betrachten, daß sie durch ihre wolorganisirte Schulanstalt im Stande ist, mehreren tüchtigen Männern einen Wirkungskreis zu eröffnen und ihre Talente dem Judenthum zu erhalten. Aus der Schule ist die Andachtsstunde hervorgegangen, eine Institution, die besonders auf die religiöse Bildung der Frauen und Mädchen wolthätig einwirkt. Von den Männern wird sie leider weniger besucht, was jedoch zum Theil davon herruhrt, daß der Samstag ein Geschäststag geworden ist. Es bedarf diese Anstalt nur weniger Verbesserungen, um dem Zwecke einer gottesdienstlichen Anstalt nach den Forderungen der Zeit zu genügen. Diese Betrachtungen führen uns auf die Bcschaffcnheii der religiösen Zustände. Es ist eine bekannte Thatsache, daß in der hiesigen Gemeinde die Gegner des talmudisch-rabbinischen Judenthums die Mehrzahl bilden. Mau macht sich jedoch eine falsche Vorstellung, wenn man sich die Parteien als einander feindlich Gegenüberstehende denkt. Es gibt nnr wenige Fanatiker; die Söhne der Bigotten gehören meistens den Neuen an, und selbst die Hauptsührer derselben sind nicht sowol blinde Fanatiker, als solche, die ihre skeptischen Regungen gewaltsam zu unterdrücken oder zu verbergen suchen. Einer der Eifrigsten unter denselben ist — wie seine nähern Bekannten wissen — der Uebcrzeugung nach sogar ein Hcterodoxe, obgleich seine Function in der Besorgung eines talmudischen Gebrauches besteht. Das Motiv, was diese Männer antreibt, ist nicht sowol Religion, als verletzter Ehrgeiz, der einen größern Einfluß auf die Leitung der Gemeinde ausüben möchte, und der auch erst seitdem die Wahlen des Vorstandes und des Ausschusses zu Gunsten der Neuen entschieden, mit Heftigkeit hervortritt. Erst seit dieser Epoche haben einige ihre Kinder der Schule entzogen, und der bezeichnete Eiferer sucht die Anstalt in öffentlichen Blättern zu verunglimpfen. *) Bis dahin nahmen selbst die Bigotten keinen Anstand ihre Kinder in die Schule zu schicken, da sie wußten, daß im Religionsunterricht alles vermieden wurde, was die Gefühle der Pietät und Verehrung der Eltern in den Kindern schwächen, oder Zwiespalt zwischen denselben erregen könnte. '£1 Berlin. (Corresp.) Ich wollte ich wäre ein politischer Cüvier, dann würde ich den deutschen Liberalismus, der, rroy seiner Jugend, doch schon eine so reiche Mannichsalligkeit von Gattungen und Arten entwickelt hat, in ein System bringen und seine Naturgeschichte schreiben. Ta ich aber keiner bin, muß ich mich begnügen in das Feuilleton Ihres Blattes nur einen kleinen Beitrag zur Physiologie desselben niederzulegen, von dem vielleicht der kräftige Cüvier irgend einen Gebrauch machen kann. Also was ist der deutsche Liberalismus für ein Vogel? Die heiße Julisonne hat ihn ausgebrütet; damals, als sich der frische Lebensdrang in ihm zu regen anfing, und das Bewußtsein eines freien, weitaussehenden Daseins in ihm aufdämmerte, zerbrach er die morsche Schale drückender Negierungsverhältnisse, kroch aus dem engen Ei hervor, und klatschte lustig mit den kleinen Flügeln, als wollte er einen gar hohen Aufschwung nehmen. Nun ist er groß geworden und hat Jungen zur Welt gebracht; aber sie sind nicht alle Zugvögel geworden. Manch einer hat sich wol ein Nest gebaut, hoch in den Wipfeln der Bäume, hoch über dem Treiben und Kriechen der kleinen Wünncrwelt; und es drängt und treibt ihn wol, wenn es daheim wieder trübe und ungastlich wird, mit brausendem Flügelschlag hinzueilen in das schönere freie Land, woher er stammt; manch Andrer ist eine Lerche geworden, die den kommenden Völkersrühling verkündet; oder ein Schwan, der sterbend für die sterbende Freiheit den traurigen Grabgesang aushaucht. — Aber die Meisten sind zahme Hansvögel geblieben; sie stehen friedlich im Hühnerstcig beieinander, sie essen auch dem Herrn aus der Hand; sie singen nicht, aber sie schnattern viel; sie können nicht fliegen, aber mit den gerupften Federn ihrer Flederwische schreiben sie desto mehr, und aus dem weichen Flaum ihrer Leiber machen sie sich einen warmen, schwellenden Pfühl zur süßen häuslichen Ruhe! — *) Tie hierauf bezüglichen Artikel finden sich im Orient und in der allgemeinen Judenzeitung. Derselbe ist auch der Urheber und Verbreiter jenes perfiden Circulars, in welchem einzelne Aeußerungen aus einem vertraulichen Schreiben des trefflichen I)r. Stern an seinen Frrund vr. Rkeßer über die Reformsache — wie er zu der Abschrift derselben gekommen ist den Eingeweihten nunmehr bekannt — auf eine Weise mir den drei Artikeln des Reformvereins zusammengcstcllt find, als seien sie ein Connnentar derselben.

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