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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-31 · Heft 13 (31.3.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 13 (31.3.1844)
Date
1844-03-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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102 für eine beträchtliche Anzahl von Familien eine sichere und ergiebige NahrungSquelle, aus welcher den Israeliten kein Tröpfchen zufließt. Auch der HandwerkSstaud hat bis jetzt nur geringe Fortschritte unter denselben gemacht. Der jüdische Handwerker hat mit zu vielen Schwierigkeiten zu kämpscn; das Gesetz legt ihm die harte Beschränkung auf, nur mit jüdischen Gesellen zu arbeiten, und wenn auch die Negierung hierin Nachsicht übt, so muß sie doch, ^er Zünfte wegen, sehr behutsam zu Werke gehen; auf christliche Kundschaft kann er, bei dem hier herrschenden Geiste, nicht zählen und von den Juden, besonders von den Reichen, hat er auch wenig Unterstützung zu erwarten; sie wenden sich an diejenigen, welche für die vornehmen christlichen Häuser arbeiten; hierzu gesellen sich noch die Hindernisse, welche der Sabbat und die Spcisegcsetze dem Handwerker — der auf alle Parteien Rücksicht nehmen muß — in den Weg legen. Kein Wunder, daß die meisten Eltern sich nicht entschließen können, einen Sohn diesem Stande zu bestimmen. Da nun die Concurrenz im Handel übermäßig zunimmt und der steigende Luxus zugleich die Bedürfnisse immer vergrößert, so hat der Wolstand in der Mittelklasse merklich abgcnommen; doch ist die Zahl der Armen verhältnißmäßig nur gering. Ein, dem Wolstand der Gemeinde sehr nachtheiliges Verhältniß ist das inhumane Gesetz, welches die Zahl der Ehen, wo der eine Theil ein Fremder ist, auf zwei jährlich beschränkt. Ta nun die Zahl der hiesigen jungen Männer, welche in den Ehestand treten wollen und können, immer geringer wird, so sehen sich die meisten Eltern in die Nothwcndigkcit versetzt, ihre Töchter nach der Fremde zu verheirathcn, und so gehen alljährlich große Kapitalien von hier weg, deren Summe seit zwanzig Jahren sich auf Millionen beläuft. Auch numerisch hat die Gcmeinde abgcnommen. Eine Tugend, welche die hiesigen Israeliten in einem-hohen Grade besitzen, ist die Wolthätigkeit. Nicht nur die einheimischen Armen werden auf's Ncichlkchste unterstützt; nicht nur den zahlreichen Armen der Umgegend werden täglich Wolthaten der mannigfachsten Art zu Theil, aus den fernsten Gegenden führt der Ruf der Gemeinde unzählige Arme und Hülfesuchende hierher; keiner geht leer aus, und manche haben sich einer großmüthigen Freigebigkeit zu erfreuen. Tie Neuen zeichnen sich darin vor den Alten vortheilhaft ans, daß sie, bei der Ausübung der Wolthätigkeit nicht nach der religiösen Gesinnung und Handlungsweise fragen und den Altgläubigen eben so gut wie den Gleichgesinnten unterstützen. Der intellektuelle Zustand ist ein sehr erfreulicher; allgemeine Bildung und praktische Geschicklichkeit ist das Eigenthum aller Klassen; die Zahl der wissenschaftlich Gebildeten ist bedeutend, und mehrere Aerztc, Juristen und Lehrer sind allgemein als hervorragende Männer in ihren Fächern anerkannt. Unwissenheit und Bigotterie finden sich fast nur bei denen, die in den ehemaligen Schulen unterrichtet wurden, und diese wissen meistens auch vom Talmud und Hebräischen sehr wenig. Ihre jetzige Bildung verdankt die Gemeinde dem Umstand, daß fast die sämmtliche Jugend gute Schulen besucht, entweder, wie der größte Theil, die Realschule, oder ein israelitisches Privatinstitut. (Gegenwärtig das des Herrn vr. Weil.) Dieser jüdischen Bildungsanstalt haben wir es zu verdanken, daß die im Norden herrschende Sucht, nach christlicher Gesellschaft zu jagen und sich derselben aufzudringen, hier nur wenige Familien ergriffen hat, und ein gesundes.Selbstgefühl die Israeliten zurückhält, sich mit Selbsterniedrigung den Eintritt in die christliche Societät zu erkaufen, eine Societät, die ihre judcnfcindliche Gesinnung nicht bloß in der bürgerlichen Verfassung, sondern auch im ganzen geselligen Leben auf die grellste Weise und ohne irgend einen Unterschied zwischen dem Gebildetsten und dem Gemeinsten zu machen, an den Tag legt. *) Die israelitischen Schulen bestreben sich, die Anhänglichkeit an die Glaubensgenossen, die Gefühle der Pietät für die, unter denen man geboren und herangrwachscn ist, und unter welchen allein man wahre Freundschaft und Theilnahme findet, zu erhalten und zu verstärken. Wenn unter dem jüngern weiblichen Geschlechte diese Anhänglichkeit geringer ist, so darf man dieß eben dem Umstande zuschreiben, daß eine größere Anzahl christliche Anstalten besucht, und ungeachtet mancher empfindlichen Znrücksetznng, die sie ersahren, dennoch Verachtung ihrer Glaubensgenossen einsaugen. Traurig sicht es mit der religiösen Bildung dieser Mädchen aus. Sie wohnen entweder dem christlichen Religionsunterricht bei, oder sic erhalten gar keinen in der Schule und man begnügt sich, ihnen in ihrem dreizehnten oder vierzehnten Jahre einigen Privatunterricht ertheilen zu lassen. Unwissenheit in der jüdischen Religion ist daher leider unter denselben allgemein — ein wahrhaft beklagcnswerther Zustand! Noch aus einem andern Gesichtspunkte hat die Schule eine wolthätige Wirkung. Eine Anzahl wissenschaftlich-gebildeter Män- *) Tie hier bestehende Lesegescllschaft, wo nur Journale und Zeitschriften gelesen werden und keine Art geselliger Unterhaltung statt findet, schließt in ihren Statuten die Juden aus. Ja selbst die Maurerlogcn haben zwar kürzlich anerkannt, daß die Maurerei kein christliches, sondern ein rein humanes Institut sei, aber dennoch beschlossen, den jüdischen Maurern keinen Zugang zu gestatten.

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