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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-31 · Heft 13 (31.3.1844) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 13 (31.3.1844)
Date
1844-03-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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104 Aber Sic werden sage«, was kümmert uns die Lebensweise des deutschen Liberalismus? O sehr viel! Denn auf wen sollten wir denn unsere Hoffnungen setzen, als aus ihn? Und wie oft hat er uns in unseren besten Hoffnungen betrogen! Der hohe Kammer-Liberalismus hatte bekanntlich vor 10 Jahren, als der selige Herr v. Notteck an seiner Spitze stand, für unsere Sache keine Zeit, und hat sie bis jetzt noch nicht gesunden. ^Kcine Zeit! keine andre Luge für uns? welchen lästigen Bettler weist man nicht mit dieser Lüge ab > könnten wir mit LessingS Gräfin Orsina sagen. — Und nicht viel besser als dieser Kammer-Liberalismus ist ein anderer, der bei uns so häufig anzutreffcn ist, und von dem ich gerade heute etwas erzählen will, nämlich: der deutsche Stuben-Liberalismus. Ich nenne so jenen Liberalismus, der sich zwar theoretisch selbst klar geworden ist und sich begreift, der cs aber nie zu einer realen Existenz bringen kann; jener Liberalismus, der in seinen vier Pfählen, oder in der gcmükhlichcn Convcrsaticn entre oons, alle Tagksftagen bespricht, alle Probleme löst, aber wie er in die freie Lust hinaustritt und einen Loden für seine eigene Ideen erobern soll, erschrickt und umkchrt und sich selbst abtrünnig wird. Er möchte sich gern bethätigen, wenn er nur aus seiner philiströsen Haut heraus könnte, wenn er nur die Scheu vor der Oeffentlichkeit, die Rücksicht auf die kleinen vetterschaftlichcn Jnterreffen erst überwunden hätte. Er sicht cs ein, er ist überzeugt: dieser Mißbrauch muß untcrgehcn, diese Institution muß ins Leben treten; aber wenn man dies Alles nur durch geheime Federn ins Werk setzen könnte, wenn nur keine Namen dabei genannt werden dürsten, — bei Leibe keine Namen! waS wird der Vetter Michel dazu sagen, und die gute Muhme Polizei, wie wird sic sich grämen! — So spielt dieser Liberalismus mit Aufgaben der Zeit wie mit Rcchcnerempcln, ist immer auf dem Sprung mit einer Idee, aber läßt sich nie die praktische Ausführung cinkommcn; ja wenn ein Andrer sic übernimmt, und wie man meinen sollte, ihm einen guten Dienst erweist, so wird er roch vor Schaam und Zorn, läßt sich ins Jntclligcnzblatt setzen, und schreit vor ganz Deutschland: Ich dcSavouire den, ich kenn: den nicht, der mißbraucht meinen guten, nnbeflecklen Namen! So ist der gute deutsche Stuben-Liberalismus! Neulich hat er sich in dieser kleinen lichtscheuen Aengstlichkeit in einer Sache bloßgcstellt, die uns sehr nahe angeht. Sie werden gehör: haben, daß in Leipzig mehrere Männer zusamincngelrrl.nl find, um einen Nationalvercin für Emancipation der Juden zu gründen. Dr. Freund, der mit dem rastlosesten Eifer bemüht ist, der E.nancipationösrage in Deutschland einen reellen Boden im Bewußtsein der Nation zu geben, und der, durch statistische Auf. flärungen, die er sich über den socialen und politischen Zustand aller deutschen Juden zu verschaffen sucht, Vorbereitungen und Anstalten zur praktischen Lösung jener Frage trifft, an die man vor ihm wahrlich nicht gedacht hat; er gab durch seine Anwesenheit in Leipzig wahrscheinlich die Anregung zu jenem Verein. Die Idee ist eben so glücklich als zeitgemäß und praktisch: waS Wunder, daß, sobald nur etwas davon verlautete, die Zeitungen sich ihrer bemächtigten, und sie mit Freude begrüßten. Daß dabei einige kleine Entstellungen mitunterliefen, ließ sich eben so wenig vermeiden, als es der Sache überhaupt zu schaden vermag; denn die Gerüchte tauchen eben so schnell unter als schnell sie ausgetaucht sind, und wenn das Licht der vollen Oeffentlichkeit erst hereinbricht, so schwinden alle kleinen Flecken, die eine noch so glänzende Lache annimmt, wenn sie durch viele Hände geht. Aber jene liberalen Leipziger Emancipationisten, die, wir zweifeln nicht einen Augenblick daran, der Sache der Juden aus vollem Herzen zugcthan, und mir der Lösung dieses Problems in theti längst ins Reine gekommen sind, können cs nicht ertragen, daß einige Blätter, mit der unserer Presse eigcnthümlichen Voreiligkeit, ihre Namen genannt, in einer Lache genannt, die sie aus voller Ueberzeugung zu der ihrigen machen; bei der genannt zu sein, sie selbst für ehrenvoll halten müsten. Und nun schreien sie Zeter darüber, protestiren, als hätte man sie für Demagogen und Communistcn ausgcschricen, und klagen I)r. Freund, der von der voreilichcn Veröffentlichung jenes Planes eben so unangenehm berührt war als sie selbst, des Mißbrauchs, der Jntrigue, des HvchverrathS an ihrem ehrlichen Renommee, und weiß Gott wessen sonst noch an, ja sie sagen stch nun gänzlich von dem Dereine los, dessen Seele sie zu sein strebten. De. F. hat nun in einer Erwiderung vorläufig ihre schnöden, seinen Charakter verdächtigenden Anklagen durch Thatsachen, durch Auszügen aus ihren eignen Briefen widerlegt, und sich von dem Borwurf gereinigt, als hättte er die Sache in die Oeffentlichkeit gebracht, od. einen ungebührlichen Gebrauch von den ehrcnwerlhcn Namen jener Herren gemacht. Aber knüpfen sich an diesen ganzen Handcl nicht die traurigsten Bemerkungen? Männer, die das gebildete politische Bewußtsein im constitutionellcn Deutschland repräsentiren, Männer, die hochherzig genug sind, in den Dienst einer der wichtigsten und fruchlbarstcn liberalen Ideen zu treten, haben eine solche mädchenhafte Scheu vor dein Licht des Tages, daß sic sich nicht einmal öffentlich in Lob und Ehren genannt wissen wollen? Oder ist es noch etwas Anderes als diese veraltete Tiplomatentaktik, die sich die Wahrheit nie anders als hinter dem Lchleier denken kann, und die selbst zu einer guten Thal mit scheuen Sohlen schleicht, als gälte es ein Verbrechen zu begehen, ist cs etwas Andres als das bloße zimperliche Wesen des deutschen Stubenirberalismus, ist es wirklich der Egoismus, die kleinliche Rücksicht ans partikulare, private Interessen, die man durch attzugroße Freisinnigkeit zu gefährden fürchtet; — dann mag er nur hingehen, dieser Liberalismus, und sich sein testimonium paupert;itis ausstcllen lassen, dann ist er noch ärmer alS der starre Verehrer des Ewiggestrigen, die nur für daS Feste, Historische schwärmen, aber doch nur sich selbst und keinen Andern betrügen. Lentcrum censeo, wir lassen uns auch dadurch nicht irre machen; die Freiheit, die so alt ist wie die Menschheit, wird auch diesen Schlag Liberalismus, der mit grauen Haaren zur Welt gekommen, überleben; ich wage cs zu prophezeien, daß nicht nur die Emancipation, sondern auch der Emancipations-Vcrein, ohne die jungfräulichen, ehrbaren Herren in Leipzig zu Stande kommen wird. Es gibt wohl noch Männer, die den Muth besitzen, für die Idee einzustchen, die sie anö der Fülle ihrer Ueberzeugung hervorgebracht haben, und die, weit entfernt, an ihre kleinen Interessen zu denken, wo cs eine Sache der Menschheit gilt, vielmehr mit offner Stirn und frohem Herzen jedes Opfer zu bringen bereit sind. — Druck undVerlag von F. Schuster in Hersscld.

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