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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-24 · Heft 12 (24.3.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 12 (24.3.1844)
Date
1844-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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94 ffm aus dem Sumpfe emporgestiegenen, momentanen Irr- oder Wandelstern folgte die Minorität der Mindener evangelischen Kreis-Svnode, die den christlichen Glauben durch die Emancipation der Israeliten gefährdet hält. ES wäre interessant, zu erfahren, wie diese einzelnen frommen Männer die christliche Liebe definiren und den ihnen anvcrtrauten Gemeinden ans Herz legen. Wenn über kurz oder lang die Emancipationsftage sich siegreich für uns in Deutschland durchgekämpft haben wird, wenn die mittelalterlichen Ideen in unserm Vatcrlande zu Grabe getragen sein werden (was nicht auSbleibrn dürfte) — dann werden jene Träger der Religion die Sofras der verschwundenen Ansichten werden und über die neue Menschenverbrüdcrung ihre blutigen Thränen weinen. Was die religiösen Verhältnisse der israelitischen Gemeinden Westphalens betriffr, so gewahren wir überall reges Leben und Sinn für Verbesserung. Die Gemeinden zu Minden, Paderborn, Beverungen, Soest, Ncuenkirchen, Gütersloh, Bielefeld, Neheim. Lünen u. viele andere haben ihren Gottesdienst würdiger gestaltet und die Andacht durch Chorgesänge erhöht. In den vier ersten Städten sind sogar förmliche Synagogen-Gesangvereine errichtet, die mir der Zeit den unrhythmischen, monotonen Gesang (HÜTTl) gewiß ganz aus ihren Gotteshäusern verdrängen werden. Wenn aber noch Manches zu wünschen übrig bleibt, ja in einigen Orten dem heilsamen Fortschritte noch entgegengearbcitct wird: so liegt die Schuld nicht so sehr an den Gemeinden, als an dem über sie bestellten Oberrabbinen, dessen Wahlspruch lautet: 2N2O "T2 'jTYCN und der mit diesen, in seinen Augen gewichtigen, Worten jeder Verbesscnung Thür und Thor versperren zu dürfen glaubt. Da wir dafür halten, daß das Schlechte eben so gut öffentlich gerügt werden müsse, wie man das Gute gern vor aller Welt anerkennt: so können wir unser» Lesern ein sauberes Pröbchen der konservativen Umtriebe jenes Geistlichen nicht vorenthaltcn. Unlängst hat ncmlich der Syuagogcn-Vorstand zu Münster, der bekanntlich dem Fortschritte mit großer Aengstlichkeit huldigt, (um wenigstens auch Etwas zu thun) die Anordnung getroffen, daß die Namen der zur Thora Gerufenen nicht mehr gesprochen und statt derselben Karten mit der Bezeichnung u. s. w. ausgctheilt werden sollten. Darin aber erblickt der Herr Oberrabbine einen Umsturz des mosaischen Glaubens. Er erwirkt sich von der Polizei einen Gends'arm, und läßt in dessen Gegenwart während des Gottesdienstes durch seinen Adjunctus (einen jungen, unwissenden Altkäufer) jede, auch die kleinste, Veränderung des Herkömmlichen untersagen. Der Vorstand, in seinem Rechte, verbietet dem jungen Menschen das Publiciren von Verboten ohne dessen Bewilligung, erhält aber von dem Diener der Polizei die Weisung sich ruhig zu verhalten, widrigenfalls die Vorstands-Mitglieder seine Arrestanten seien. Darauf verläßt der Vorstand sofort die Synagoge, legt aber gegen den Oberrabbinen Klage ein. Ob nun die actio spolii der Vorstands - Mitglieder zu ihren Gunsten ausfallen wird, werden wir später berichten. Ungarn. (Preßburg iw Febr.) Mg. Z.) Seit 14 Tage» beschäftigte sich die Ständetafel nur mit dem Städteoperat, das mit geringen Abänderungen angenommen wurde. Nur zwei Punkte haben eine längere Debatte veranlaßt: das Stimmrecht der Städte und die Bürgerwerdung der Juden. Alle Bestrebungen richteten sich dahin mehr als 16 Stimmen zu erreichen und die Juden nicht Bürger werden zu lassen; gegen den ersten Punkt war fast das ganze Land, gegen den zweiten die wortmächtige Oppositon, die aber keine so tiefen Wunden schlug als die Tact, losigkeit und Unkenntniß der städtischen Ablegaten sich selbst. — L i t e r ä r i s ch e s. Breslau. (Corresp.) (Schluß.) Diese Mängel des Karaismus im Allgemeinen werden nun auch an einzelnen Ceremonialgebräuchen nachgewiesen, die, besonders aus einer zu weit getriebenen Consequenzmacherei hervorgegangen, dieser Sekte nicht sehr empfehlenswerth waren, und deren vergebliche Begründung ihre Kräfte erschöpften und zersplitterten. Jedoch leisteten die Karaiten in ihrer ersten Jugendblüthe Vorzügliches nach dem damaligen Standpunkte in der Philosophie und Exegese, ja in letzterer sind sie die Lehrer der stkabbaniten geworden. Diese aber so wie jene betrieben diese Studien meistens nicht um ihrer selbst willen, sondern vorzugsweise zu gegenseitiger Bekämpfung, und in diesem Kampfe würden die Rabbaniten den Kürzeren gezogen haben, wenn nicht ein Mann aufgestanden wäre, der mit kühnem Muth die vielfachen Schwierigkeiten wegzuräumen, mit rastloser Thätigkeit Angriffe abzuwehren, und schwache Seiten der Gegner rasch zu benutzen wußte. Dieser Mann war Saadias ben Joseph. Geboren zu Fajum (Pithom) in Aegypten 892, verfaßte er schon 927 eine arabisch geschriebene Streitschrift gegen die Karäer, das V'Drbü 2WO oder nach dem hebräischen Titel rrCITI 'D oder jrnnn;D und im Jahr 933, da er sein Emunot we-Deoth schrieb, hatte er schon seine wichtigsten Werke, seine Übersetzung und Erklärung des Pentateuch und des Hiob, *) seinen Commentar zum Buche Jezirah, seine Streitschrift gegen *) Bruchstücke aus diesem Buche hat Herr Prof. Ewald vor Kurzem (Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes V, 1) versprochen.

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