Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1844)
- Date
- 1844-03-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566924--0898-2568618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
93 das Decorum beobachtet, man verhält sich äußerlich stiller; aber von Andacht und Erhebung zu Gott ist nach wie vor keine Spur. Sogenannte Synagogenordnungen haben ebenfalls keinen andern Erfolg. Der Religionsunterricht ist häufig noch den unfähigsten Subjekten anvertraut, die oft nicht die Bestandtheile unserer heiligen Schriften kennen und in ihrem Leben vielleicht keine einzige Prophetenstelle, weder in der Ursprache noch in der Uebersetzung gelesen haben. Daß es hierin Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst. Ich zähle aber die Letzteren deßhalb nicht namentlich auf, weil ich Keinem auf indirekte Weise Unrecht thun möchte, wenn mir der Eine oder der Andere entginge. Aus diese Weise wächst eine Generation auf, ohne Kenntniß der väterlichen Religion, und auf der einen Seite ohne Interesse für das Wol und Wehe unserer Glaubensbrüder, auf der andern Seite voller, schädlicher und unmoralischer Vorurtheile, wie sie Druck und Verfolgung früherer Zeiten dem unwissenden Theile unserer Glaubensbrüder eingeimpft haben. Kommen diese jungen Leute nachher in die Stadt, so lernen sie hier wol sich moderner kleiden, verbessern auch ihre Sprache; aber für die heiligsten Angelegenheiten des Menschen und des Israeliten bleiben sie kalt, verbinden höchstens mit ihrer Ignoranz Leichtsinn und Frivolität, und werfen mit dem Ballaste, der unserer Religion in frommer Absicht beigegeben wurde, auch den Gott über Bord, für dessen Offenbarung jener Ballast gehalten wurde. In den ^Städten ist es mit dem Religionsunterrichte hie und da besser bestellt, häufig gleicht er aber auch hier ganz dem auf dem Lande. In der Synagoge hat man freilich, selbst von der hyperorthodoxesten Seite, den Widerwillen gegen deutsche Predigt und Choralgesang überwunden, aber diese erscheinen von dem übrigen Cultus so isolirt und es wirkt der Letztere nur bei besonderen Festlichkeiten oder an den höchsten Feiertagen, daß man ihnen das Fremartige auf den ersten Augenblick ansieht. In unserer Residenzstadt wenigstens, die ich hier hauptsächlich im Auge habe, da mir die Verhältnisse anderer Städte in dieser Beziehung weniger bekannt sind, haben beide Einrichtungen noch keinen Einzigen in die Synagoge gelockt, der dieselbe nicht aus alter Gewohnheit zu besuchen pflegte. Und wenn irgend etwas mit blos menschlichem Verstände prophezeiht werde könnte, und eine göttliche Vorsehung nicht unsere sicherste Berechnungen so häufig zu Schanden machte, so wäre leicht heraus zu calculiren, wie lange es noch währen wird, bis unsere Synagoge an Sabbathen, um von Werktagen nicht zu reden, leer dasteht. Wohin soll dieses führen, wenn das religiöse Bedürfniß mit der Zeit doch erwacht und, als ein natürlich angebornes, erwachen muß, und im eignen Hause keine Befriedigung findet? Ob dieses Ziel nicht von gewisser Seite gewünscht, und absichtlich erstrebt wird, wollen wir nicht geradezu behaupten. Sollten .aber unsere mit Frömmigkeit sich brüstenden, Rabbinen diese Gefahr nicht einsehn? oder huldigen sie 'dem trägen Grundsätze ^'2 PTC pN* Gibt es unter solchen Verhältnissen nichts Nützlicheres zu thun, als Aktenstöße zu häufen über die Streitfragen: Ob man am Sonntag Abend predigeu dürfe, ob der Ravbine ein Recht habe auf die Hofthorah-Jonah, ob Diesem oder Jenem das Recht zugestanden werden könne, am Vorabend deö Versöhnungstages beim Einleitungsgebet dem Vorsänger und Rabbinen zu assistiren re. re.? Solche und ähnliche Lappalien ruft unser Rabbine nun seit bald zehn Jahren zur Verhandlung hervor, beschäftigt sich und den Vorstand und die großherzoglichen Behörden damit, daß der Schreibereien kein Ende wird und der kluge Pastor mcrkr nicht, daß er dem Gottesdienste die Theilnahme, seinem eigenen Worte die wirkende Kraft und unseren bürgerlichen und religiösen Verhältnissen das Interesse und die Achtung bei der Außen- Welt entzieht. R. Preußen. A Aus Westphalen. (Corresp.) Von allen Provinzen Preußens ist wol Westphalen eine der stabilsten, die s»n8 Avne ihren alten Schlendrian wandelt und die Stralen der Morgenrökhe dann erst begrüßen wird, wenn anderswo die Sonne schon im Zenith steht. Das hat unser Landtag bewiesen, der auch nicht eine von den wichtigen Fragen berührte, die in dieser bedeutungsvollen Epoche des politischen Erwachens die Gemüther der Volksfreunde erregen. Ein wahrer Phrikasmus aber überläuft unsere Landstände, wenn von Verbesserung der israelitischen Verhältnisse die Rede ist. Man hat zwar auf den letzten Landtage keine Vorschläge zur Beschränkung der Israeliten gemacht, jedoch dieses gänzliche Jgnorircn unseres Zustandes, dieses morne Schweigen, zeugt schon hinlänglich von den Gesinnungen unserer christlichen Provinzial-Vertreter gegen uns. Dahingegen tauchet hier und dort ein Judenfeind mit dem veralteten, modrigen, eisenmengerschen Hasse als Widersacher der Emancipation auf. S» hat jüngst (wie aus den Zeitungen hinlänglich bekannt ist) ein gewisser M. in Minden Allarm geschlagen und besonders die untere Volksklasse und den Bauernstand gegen uns aufzuwiegeln gesucht. Die ihm durch die kölnische Zeitung, den westphälischen Anzeiger und den leipziger Morgenstern versetzten Streiche, werden aber hoffentlich den modernen Eisenmenger zur Besinnung gebracht haben. Uebrigens ist diesem Judenfresser jetzt, durch die hohe Gerechtigkeitsliebe Sr. Excellenz des Herrn Kriegsministers v. Boyen, das Handwerk gelegt und jede feindselige und böswillige Demonstration gegen die Israeliten untersagt worden. Die-