Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1844)
- Date
- 1844-03-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 fettigen Auffassung der Judenftage liefern wird. Wir glauben daher ein recht dankbares Geschäft zu unternehmen, wenn wir die Salomonische Schrift in der Kürze ganz durchgehen und diejenigen Stellen, welche ein besonderes Interesse ansprechen, ausführlich unseren Lesern zugangig machen. Vor Allem aber müssen wir dem Versager Unrecht geben, wenn er im Eingänge so entschieden mit der Behauptung hervortritt: „Ein christlicher Schriftsteller, wie er über Juden und Judenthum schreibt und spricht, die wenigen Doms, Gregories, Mirabeau's, Krug's ausgenommen, ist befangen, verblendet". Ich dachte, hierüber gebe die Gegenwart ein ganz anderes Zeugniß. Allerdings musten die Deutschen ihrer ganzen Natur nach (in welcher der organische Prozeß so vorherrschend ist, die nicht auf dem Wege momentaner Begeisteruug und Gesühlsaufregung, sondern nur ganz allmählig auf dem der Abstraction und wissenschaftlichen Forschung sich von geschichtlichen Vorurtheilen loszumachen vermag) auch in der rechten Lösung und freien Auffassung der Judenfrage vor andern Völkern Zurückbleiben, und konnten nicht sobald die Bedenken überwinden, welche das noch befangene Urtheil in rechtlicher, politischer, religiöser, nationeller und staatsöconomischer Rücksicht dagegen vorbrachte. Aber nachdem der Deutsche sich einmal aus diesen Schranken herausgearbeitet, wird keiner weniger befangen, weniger verblendet, mit mehr Wahrheit und Rechtsgefühl die Ansprüche der Juden vertreten, als er. Davon überzeugt uns ebensowol ein Blick auf die Aeußerungen der deutschen Presse, als auf die Verhandlungen der deutschen Kammern und Volksvertreter über diese Angelegenheit, in welchen die Anzahl derer, welche für unser Recht in die Schranke treten, auf die überraschendste Weise sich vermehrt, und der Hoffnung Raum gibt, daß die Zeit, wo auch in Deutschland die Judensache, befreit von allen Vorurtheilen der Religion und der Erziehung, eine rein-rechtliche, humane, und echt nationale geworden sein wird, nicht mehr fern sei. (Fortsetzung folgt.) Geschichte des Lager. Freie Städte. Frankfurt a. M. im März. (Correfp.) Die Rabbinatsfrage ist definitiv erledigt, nnd Herr Leopold Stein wird im Laufe bet kommenden Woche dahier erwartet.*) Herr Rabbine Trier, bei welchem sich der neue Rabbine, einer Bestimmung des Gemeinderegulativs zufolge, hätte prüfen lassen sollen, hatte bekanntlich gegen dessen Wahl offiziell protestiert und war mit seiner Protestation vom Senat zurückgewiesen worden. Die so von Seiten des Hrn. Trier von vorn herein kundgegebene Abneigung gegen Hrn. Stein veranlaßte diesen, nunmehr seinerseits dagegen zu protcstiren, daß er sich dem Examen seines entschiedenen Gegners unterwerfen solle, eine Perhorrescenzerklärung, welche Hr. Stein indessen mit dem Erbieten begleitete, etwaige Fragen, die ihm Hr. Trier schriftlich vorlege, auch schriftlich beantworten zu wollen. Darauf wurde, in Folge desfallsiger Verfügung des Senats, Hr. T. aufgefordert, seine Prüfungsthemata an die hiesige Stadtkanzlei zur amtlichen Uebermachung an den Hrn. Examinanden zu übergeben. Hr. T. weigerte sich jedoch in einer weitern Eingabe ein für allemal, Hrn. St. zur Prüfung zuzulassen, indem er sich auf die deshalb in seiner Protestativn gegen Hrn. Steins Wahl entwickelten Gründe berief, denen zufolge Hr. St. durch früher in öffentlichen Druckschriften an den Tag gelegte Ansichten und Grundsätze jeden Anspruch auf das hiesige Nabbinat verwirkt habe. (!) Der Senat beschloß hierauf, daß Hrn. L. Stein unter diesen Umständen das Specialexamen beim hiesigen Nabbinen zu erraffen und derselbe somit in dem ihm zugetheilten Amte an zu erkennen sei. Das ultraorthodoxe Protest- und Prozeßpulver ist mit dieser letzten Patrone endlich verschossen; es hat wol noch ein wenig gepufft, allein es konnte unmöglich irgend von Wirkung sein, indem der Schuß ein — blinder war. „-Caecique in nubibus ignes Terrificant animos, et inania murmura miscent.*‘ Großherzogthum Darmstadt. Darmstadt. (Corresp.) In unsern synagogischen Verhältnissen und Zuständen herrscht jetzt eine Stille, wie sie in unserer Zeit nicht leicht in einem Land wicdergetroffen wird. Hier ist weder ein Fortnoch ein Rückschritt äusscrlich bemerkbar, und wenn es eine Zeit lang so fortgeht und dem tobten Körper nicht neues Leben von oben oder von unten her eingehaucht wird, so kann eine verderbliche Stagnation, deren Spuren schon jetzt zu bemerken sind, nicht ausblciben. — Auf dem platten Lande herrscht noch die alte Stumpfheit und Gedankenlosigkeit, sowol in. der Synagoge als im Haufe bei religiösen Verrichtungen. Wird hie und da eine neue Synagoge eingeweiht, so wird eine Zeit lang *) Hiernach hätien sich die Differenzen zwischen Stein und dem Gemeindevorstand (S. Nr. 8) erledigt. Red.