Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1844)
- Date
- 1844-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566924--0895-2568615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
90 lehrten geltend gemacht ward, daß Judenthum und Christenthum auf denselben sittlich humanen Grundlagen gebaut seien, daß weder die mosaischen, noch lalmudischen Schriften irgend eine den Forderungen der reinsten Moral widersprechende Vorschrift enthalten, und daß die Juden durch die Zeremonialgesetze, welche sie noch üben, keineswegs von ihren christlichen Mitbrüdern sich absonderten, indem sie in jenen Vorschriften nur Mittel und Wege zur Förderung sittlicher Religiösitat, sowie eine Erinnerung an das, was die göttliche Welterziehung für und durch ihre Vater gethan, sehen. Eine wesentliche Umgestaltung mußte aber auch diese Frage erleiden, als Hegel mit seinem Idealismus, oder seiner pantheistischen Religionsanschauung auftrat. Er, sei es aus Üeberzeugung oder in Rücksicht auf die Lehre der Kirche, suchte zwar seine Philosophie dadurch den christlichen Dogmen anzupassen, daß er diese panteistisch allegorisirte; allein seine Schüler, gar bald den Widerspruch gewahrend, gestanden auch bald denselben ein, und verkündigten es unverhohlen, daß ein Friedensbund zwischen der Religion und der Philosophie nicht möglich, vielmehr beide ihrem Inhalte nach einander diametralisch entgegengesetzt seien. In der Wahl schwankten sie natürlich nicht, sondern sahen die Wahrheit unbedingt in der Philosophie, als der Offenbarung der Vernunft, des Begriffes, des Selbstbewußtseins, und den Jrrthum in der Religion, als das Produkt des Gemüthes, der Phantasie, der anthropomorphistischen Vorstellungsweise. Einmal aber den Widerspruch behauptend, ging die linke Seile der hegelschen Schule, vom philosophischen Ehrgeiz gestachelt und gespornt, noch weiter, und erblickte, im Widerspruche mit der bisherigen rationalistischen Auffassung, im Christenthum die Lehre von der Selbstentäußerung des Menschen, der Abtödtung alles Leiblichen und Sinnlichen, oder gar den strengsten Widerspruch gegen alle Humanität, politische Freiheit und Selbstständigkeit des Geistes. Wie Hegel nun die Wirklichkeit aus dem Geiste construirte, so mußte er das auch consequenterweise mit der Geschichte thun, und seine Kategorieen von „Subjecrives und Objectives, Subjectiv-Dbjectives u. Objectiv-Subjectives"rc. auf sie anwenden, insonders mußte, dem Prinzip zufolge, wonach das ganze Leben die Fortentwicklung des göttlichen Selbstbewußtseins ist, sowol in der Geschichte überhaupt, als in den sich aufeinander folgenden Religionen der Prozeß des steten Fortschreitens, der immer größeren Annährung zur wahren Religion, zur Herrschaft des Selbstbewußtseins aufgesucht und erkannt werden. Bei der Stellung des Judenthums zum Christenthum gesellte sich aber zu der Conftquenz des philosophischen Prinzips noch ein Element der Pietät, der Anhänglichkeit an die Religion, in welcher man geboren, eine Gewalt des Gemüthes, von welcher, dem Judenthum gegenüber, selbst die so begriffsstarken, kritischscharfen Junghegelianer sich nicht frei machen konnten, so daß sie, nicht daran denkend, oder sich unbewußt dagegen wehrend, daß ja vielleicht die Stellung eine ganz andere sei, daß das Christenthum, die Mission des Judenthums an das Heidenthum bildend, als der wahrhafte Sprößling des erstercn betrachtet und in diesem Sinne auch von ihm anerkannt werden könne, immer nur suchen, die höhere Selbstständigkeit, den Vorrang der späteren Religion vor der früheren zu beweisen, was denn Bruno Bauer auch thut, freilich wieder mit der ihm eigcnthümlichcn Auffassung der Geschichte, nach welcher die Wahrheit gerade durch den ihr schroff sich gegenüberstellenden Gegensatz, der sich dann in dieser Schroffheit selbst aufheben muß, vermittelt wird, das Christenthum also gerade durch seine bis auf die Spitze getriebene Selbstentäußerung des Menschen die neueste Weltanschauung erzeugt hat. — So steht denn die ganz eigenthümliche Behandlung der Judenfrage bei Bruno Bauer im innigsten Zusammenhänge mit dem Grundprinzip der Hegelschen Lehre, *) oder vielmehr der linken Seite dieser Schule, und um ihm daher beizukommen, ihn wahrhaft und wissenschaftlich gründlich zu widerlegen, gibt es nur folgende Wege: Erstens: Man sucht das oberste Prinzip der Hegelschen Philosophie zu widerlegen. Wie schwierig dieses jedoch bei allen philosophischen Systemen ist, weiß Jeder, da der oberste Grundsatz derselben nie eine mathematische Gewißheit gewahrt, sondern mehr auf Wahrscheinlichkeitsgründe, auf sogenannte unmittelbare Nöthigung dev Vernunft, (resp. der Phantasie und des Gefühls) basirt ist. **) Einen neuen Beleg hierzu geben die vielerlei Angriffe, welche vom Anfänge an die hezelsche Logik, *) Man vergleiche nur die Auffassung des Mosaismus von Seiten dieses Kritikers mit den Aussprüchen Hegels, in dessen Philosophie der Religion I, 214, 227-231, H, 78, .81, 86 bis 86, 92-95 und 128. **) Am Ende läßt sich die Behauptung rechtfertigen, daß zu dem Prinzip der verschiedenen philosophischen Systeme, sowol von Seiten des Gründers als der Anhänger derselben sich immer ein Element des Glaubens hinzugeselle.