Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1844)
- Date
- 1844-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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§5 gerchor, schaffte eine Orgel an, und scheute keine Kosten, um Alles ans das Anständigste auszuschmücken. Die Mittel waren untadelhaft; aber welcher Zweck wurde dadurch erreicht? Die Gebete blieben nach wie vor in unverstandner Sprache dieselben, mit Ausnahme einiger gar zu verwerflichen Piutim an hohen Festtagen. Die Orgel verstummte gleichfalls, und wird nur noch bei Copulationen und dem nn ni6 am Freitag Abend vernommen. Wir fragen aber: Hat das gebildete Publikum nicht das Recht, und hat umgekehrt der Tempelvorstand nicht die Pflicht, die Motive bikannt zu machen, welche ihn veranlaßten, den zur Verherrlichung des Gottesdienstes und zur Erhebung des Gemüthes so wesentlich beitragenden Gebrauch der Instrumente zur Begleitung des Gesangs ganz zu verwerfen? Die Predigt, deren Zweck es ist, die Weisheit der göttlichen Gebote, die nur das Wohl der Gesellschaft wie das des Einzelnen beabsichtigt, dem Verstand des gemeinen Mannes begreiflich zu machen, darf sich nur einer gemeinfaßlichen, einfachen Sprache bedienen. Sie hat nicht die Einbildungskraft zu beschäftigen, deren Bilder so schnell verschwinden, als sie entstanden; ihre Aufgabe ist vielmehr, durch Vernunftgründe zu überzeugen, und ächte Religiosität in dem Herzen der Zuhörer hervvrzurufen. Beschränkt sie sich aber, wie dies leider hier der Fall ist, auf strenge Anempfehlung der äußeren, für die Zeit unmöglich gewordenen Zeremonien-Gewohnheiten, und unterscheidet sie sich von der vormaligen Derasche nur durch glänzenden Vortrag, durch elegante dialektische Formen, die zwar ansprechen, aber keine Folge haben; so erreicht sie ihren erhabenen Zweck nimmer. Es kann demnach auch nicht befremden, so manchen, der entzückt von einer glänzenden Rede über die sortbestehende Verbindlichkeit der rabbinischen Speisegesetze den Tempel verläßt, denselben Tag an einer christlichen Gasttafel soupirend zu finden, oder denselben äußerst gerührt von dem Trauergottesdienst am 10. deö Ab in einem gemischten Verein anzutreffen, um sich durch ein Gabelfrühstück zu trösten und zu restauriren. Rußland und Polen. Die Allg. Zeit, meldet: Wiederholte aus Polen uns zugekommene Briese versichern, die gewaltsame Versetzung der polnischen Juden von der Gränze in das Innere sei eingestellt. Unsere heutige Frankfurter Correspondenz will von der Frist eines Jahres wissen, welche eingeräumt worden ist. Bestätigt sich dieß, so ergibt sich, mit welchem Leichtsinn manche Berliner Correspondenten zu Werke gingen, indem sie die detaillirtesten Schauergemälde von Ereignissen entwarfen, die. noch gar nicht eingegetreten zu sein scheinen. Indessen ward die Theilnahme in allen Ländern geweckt, und sprach sich in der gesammten europäischen Presse aus. Der Breslauer Zeitung wird hierüber aus Petersburg geschrieben: Man erfährt, daß Se. Mas. der Kaiser die Bestimmung des vielbesprochenen Ukases wegen Translocirung der russisch-polnischen Gränzjudcn sehr wesentlich gemildert hat und weitere Milderungen in Aussicht stellt. Ter kaiserl. Erlaß enthält die nachstehenden sechs Bestimmungen: 1) Diejenigen Gränzjuden, welche gemauerte Häuser besitzen, verbleiben nicht zwei Jahre, wie der UkaS bestimmte, sondern noch vier Jahre in ihrem Wohnorte; 2) die Besitzer hölzerner Häuser verbleiben statt eines Jahres noch drei Jahre; 3) alle zu tranSlocirende Juden erhalten an ihrem neuen Wohnorte Holz von der Regierung zum Aufbau von Häusern; 4) dieselben erhalten zugleich Abgabefreiheit aus fünf Jahre; 5) in Betreff dar Besitzer großer Fabriken wird vom Finanz-Ministerium Bericht erfordert, ob dieselben nicht an ihrem bisherigen Wohnsitze zu belassen seien; endlich, und dieses ist offenbar die wichtigste Bestimmung, 6) die Minister der Finanzen und des Innern sind beauftragt, Vorschläge zur weiteren Milderung des kaiserlichen Ukases zu machen. Einen ausführlichen Bericht hierüber enthält die D. A. Z. in folgender Correspondenz aus Jurburg: TaS Exil der russischen Grenzjuden, welches in den harten Bestimmungen des bekannten Ukases das Migefühl des civilisirten Theiles von Europa geweckt und angeregt, hat endlich von Petersburg aus einige mildernde Zusätze erhalten, die wenigstens insofern für die Unglücklichen eine tröstende Macht üben, als durch sie anerkannt wird, daß die russische Regierung die mannigfachen Vorstellungen der jüd. Gemeinden Deutschlands, namentlich die laute Stimme der Oeffentlichkeit in Deutschland, Frankreich und England, nicht unbeachtet gelassen. Von der niedrigen Beamtenklasse bis hinauf zum Ministerium herrscht, wie ich in meinem ersten Berichte (Nr. 254 v. I.) mitgetheilt, eine gewisse Abneigung gegen die Ausführung jenes Ukases, ob aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung oder ans reiner Humanität, das weiß ich nicht, aber so viel ist gewiß, daß Viele Alles aufboten, um eine Aenderung deS Ukases herbeizusühren, und wenn sie nichts als die folgenden Milderungen erlangen konnten, so ist es nicht ihre Schuld, und die Juden wissen auch dieses geringe Resultat mit Dank aufzunehmen. Ich muß aber gleich von vorn herein bemerken, daß diese Zusätze bis auf gegenwärtigen Augenblick den betheiligten Israeliten noch nicht mitgetheilt worden sind, sondern daß vielmehr die Pächter aus dem platten Lande, die Besitzer von Schenken tind Arckrrn daselbst ihre Besitzungen großentheils geräumt