Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1844)
- Date
- 1844-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ja, was noch betrübender, noch beschämender ist, eure christlichen Mitbrüder hiernach euch für unwürdig und unfähig halten müssen, überhaupt in den Verband civilisirter Menschen einzutreten, ihnen in Wahrheit und Wirklichkeit anzugehören? Bis jetzt konntet ihr euch darauf berufen, daß alle diese Ansichten der Rabbinen aus dem Bewußtsein der jüdischen Religionsgemeinde verschwunden seien, daß Keiner mehr daran glaube, die Meisten kaum etwas mehr von ihrem Dasein wissen; wiewol solches unsere Feinde noch nicht zum Schweigen bringt, wiewol diese uns immer mit dem Einwurf entgegengetreten könnten: wer bürgt uns dafür, daß ihr an jene Meinungen und Satzungen eures Talmuds nicht glaubt, während ihr so viele andere für wahr und heilig haltet, wahrend es noch von keiner Seite zu der Erklärung gekommen, daß man die Autorität des Talmuds verwerfe. Nun aber haben eure Rabbinen in Masse wieder die Unverletzlichkeit der talmudischen Satzungen verkündet, ja allem Ausschließenden, Separatistischen, Widerrechtlichen, Menschenfeindlichen, was dieselben enthalten, dadurch wieder Sanction gegeben, daß sie zu dem ärgsten Grundsätze derselben zur politischen Verfolgung derer, die über Religion anders denken als sie, sich bekannten, sie guthießen und anempfahlen. Womit könnet ihr demnach euch rechtfertigen, wenn ihr zu einer solchen Kundgebung schweiget? Muß dann nicht euer Schweigen auch denen, die gar kein Vorurtheil gegen uns im Herzen tragen, als eine Zustimmung zu jenem Bekenntniß der 41, als eine Zustimmung zu all' dem Unfreien, Unwürdigen, Unsittlichen, was der Talmud enthalt, erscheinen? Könnet ihr euch dann noch auf eure bessere Bildung, auf euren gerechteren Sinn, auf euer humaneres und patriotisches Streben, welche langst über jene verachtungswerthen Grundsätze hinaus seien, berufen? Nein! fürwahr ihr Frommen und Strenggläubigen! wenn ihr das Auge nicht absichtlich verschließet, müsset ihr die Gefahren, welche aus jenem Verketzerungsurtheile der 41 euch selbst, euch und irren Kindern drohen, sehen, müsset ihr zu der Einsicht kommen, daß in jenen drei Artikeln des Reformvereins dtrchaus nichts Verfängliches enthalten ist, daß sie vielmhr nichts Anderes wollen, als dem starren Rabbinsmus. diesem, wie ihr gesehen, ärgsten Feind unsere Freiheit, der die Inquisition predigt und das Vevrechen heiligt, entgegentreten, daß sie diesem sein« Heiligenschein nehmen, diesem vor den Augen Eurvas den Gehorsam aufkündigen, daß sie aber sonst völlig mit dem übereinstimmen, was die ganze Entwickelungsgeschichte des Zudenthums lehret, wozu eure eigne Ueberzeugung euch nöthigt. Denn daß in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung liege, daß sie mit keiner neuen Wahrheit des menschlichen Geistes collidire, keinem seiner Fortschritte widerspreche, keine seiner Anforderungen — oder was dasselbe ist — die der Zeit und einer höheren Gesittung von sich weise, beweiset ja der Talmud selbst, der dem Dedürfniß der Zeit nachgebend, gar manches im mosaischen Gesetze erweitert, beschränkt, verändert oder auch aufgehoben hat; daß ferner der Talmud keine Autorität habe, d. h. daß nur sein Prinzip der Flüssigkeit und Fortbildung des Gesetzes festzuhalten, nicht aber allen feinen unter dem Einfluß der damaligen Zeit entstandenen Lehren und Satzungen eine für alle Zeiten bindende Kraft beigelegt werden dürfe, habt ihr aus obigen Beispielen gesehen, und wird auch durch das Verfahren der frömmsten Synagogenlehrer bestätigt, welche keine Bedenken trugen, gar manche talmudische Institution außer Wirksamkeit zu setzen*); und daß endlich ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführt, auch von euch, weder erwartet, noch gewünscht wird,**) saget euch euer eignes Herz, in welchem auch nicht die leiseste Sehnsucht nach dem gelobten Lande vorhanden ist, das nichts dabei empfindet, wenn euer Mund noch die betreffenden Stellen aus den alten Gebeten herspricht, das vielmehr sich laut dagegen auflehnen würde, wenn Gott jenen Lippengebeten wirklich Gewährung schenken wollte. Warum lasset ihr euch demnach gegen ein Bekenntniß einnehmen, das nichts anderes bezwecket, als uns zu einer wahrhaft religiösen Freiheit zu führen, als unsere Ehre, als Israeliten und Mitglieder civilisirter Staaten, vor uns selbst und den Augen dieser zu retten? Doch — und dieses ist mein letztes Wort an euch — saget euch jenes Bekenntniß, saget euch vielleicht der Wortlaut und die Fassung desselben nicht zu, nun so säumet wenigstens nicht länger, eines öffentlich zu bekennen, eines, worauf auch euer Leben, eure Freiheit und euer Ehre vor den Augen der civilisirten Welt beruht, eines womit wir allesammt *) Wie wäre auch denkbar, daß die Thalmudisten den folgenden Rabbinen ein Recht sollten streitig machen, dessen sie sich selbst dem mosaischen Gesetze gegenüber bedienten? **) Wonlaut des dritten Artikels.