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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-03 · Heft 9 (3.3.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 9 (3.3.1844)
Date
1844-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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70 Lkt-rat«r. (Fortsetzung von Nr. 8.) <4) Festpredigten zur 25jährigen Jubelfeier des neuen israelitischen Tempelvereins am 17. u. 18. Octbr. 1843 von Dr. N. Frankfurter und G. Salomo n. Zweite Auflage. Hamburg 1843. Verlag von Moritz Geber. Salomon hat sich aber in seiner Rede selbst übertroffen. Mit solcher Begeisterung ist ihm das Wort nie von den Lippen geströmt, als an jenem — für ihn freilich doppelt feierlichen — Tage, er spricht nicht, er malt Flammenrüge in Felsenwände, Herzenslaute, die auch diese erweichen und schmelzen müssen. — Als Text, das Psalmwcrt H* WyD 'J rflCK N‘7 „Ich sterbe nicht, ich lebe und erzähle was mein Gott gethan", wählend, hebt er an: -Ja, geliebte Brüder und Schwestern! an diesem festlichen und für uns alle merkwürdigen Tage will ich erzählen, was Gott für sein Haus, für Euch und für mich gethan, der ich nun ein viertel Jahrhundert in Eurer Milte, in dieser Gemeinde gelebt und gelehrt habe. — Fünf und zwanzig Jahre! Welch' ein Zeitraum für den sterblichen Menschen, dem seine Tage Gott mit Spannen zugemcssen; welch ein Zeitraum für den unsterblichen Menschen, der seine Tage zählt und die Aufgabe kennt, die Gott ihm gestellt und den Erfolg seines Lebens und Streben» kennen möchte. — Welch' ein bedeutender Theil unseres Lebens liegt nunmehr hinter uns! Zwei Tritttheile unseres Geschlechtes sterben dahin, ohne diese Zahl von Jahren erreicht zu haben. Und wir, meine Geliebten! wir sollten nicht nachsinncnd und nachdenkend mit dem Psalmistcn rufen: Ich lebe und erzähle, was mein Gott gethan!« -Ja, Sonne des 16. Octobcrs, du sollst uns nicht umsonst leuchten! Tag, den der Herr gemacht pir Freude und Wonne, du sollst uns zu einer höhcrn Weihe dienen! Mit unferm heiligen Schriftwerke im Geiste und im Herzen lasset uns am Ende der Laufbahn von einem viertel Jahrhundert die Betrachtung eines Wanderers anstellen, der zuvörderst auf die Umstände sieht, unter welchen er den Weg angetrcten; zweitens auf die Segnungen sieht, die ihm der Herr auf seinem Wege verliehen; dann aber auch endlich drittens auf die Gefährten sieht, die die Wanderschaft mit ihm angetreten, die ihn verlassen, die ihm geblieben und mit denen er dem heiligen Ziele entgegen pilgern will." Im ersten Theile behandelt nun der Redner die Frage: Wie stand es "vor einem Vicrteljahrhundert um Israels inneres und höheres Leben? und sagt in Erwiederung hierauf sehr sinnig und wahr: -Gleichgültig war man gegen das, was man nicht schauen und greifen konnte. Gleichgültigkeit herrschte gegen Gottesdienst und Gottesverehrung, gegen kirchliches und religiöses Wirken. und das ist wol in der übersinnlichen Welt der bedauernswerthestc, der unglückseligste Zustand — nicht warm und nicht kalt sein. So war es vor 25 Jahren in Israel! -- Bei der Mehrzahl derer, die man gewöhnlich die Rechtgläubigen nennt, dachte man mit keinem Gedanken daran, daß es Roth thuc, das ReligionSgebäude zu untersuchen und was die Zeit entweder angetastet oder entstellt — theils zu befestigen, theilS zu verbessern. Man konnte nicht daran denken! Wer feine Wohnung fest wähnt — zieht keinen Bauherrn zu Rathe. Wer sich gesund wähnt, sucht den Arzt nicht! — Denn trotz dem Buchstabendienste, trotz dem schweren Joche von unzähligen Formeln und Satzungen, trotz dessen, daß gar viele sinnvoll gewesene, sinnlos gewordene Religionsübungen zur Lächerlichkeit herabgcsunken waren; trotz dessen, daß das Gebet in einer fremd gewordenen Sprache ohne Andacht, ohne Würde, ohne Herz und Seele bleiben mußte — hielt man alle diese Auswüchse — alle diese Entartungen für gut, für löblich, für unverbesserlich — für Gottesdienst, für Reliligion — für Beseligung. Und was der Vater gethan — that ihm der Sohn nach, der Enkel nach, ohne zu denken, ohne zu bedenken, daß auch die Zeit eine Bibel sei, die Zeit aber laut predige, für Gott und seine Lehre auf eine andere Weise zu wirken' Und dort — ich «uinc in denjenigen Klassen, die wir nicht zu den Gläubigen zählen können, in den gebildeten und erleuchteten Ständen und Familien? Ach, da war Alles, was Religion heißt und mit Religion in Verbindung stand, der gleichgültigste Gegenstand von der Welt — was auf Gott und Gottesverehrung, aus Israel und Israels heilige und heiligste Angelegenheiten Bezug hat — daran wurde nicht gedacht, davon wurde nicht gesprochen, dafür wurde nichts gethan — sie lächelten, sie spöttelten, so die Rede davon kam. Darüber zu rachen, darüber zu spotten, nein, das hielten sie der Mühe nicht werth!"

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