Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1844)
- Date
- 1844-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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besonnen ist, um mit in die ringende Bewegung rinzugehen, daS erst am Ziele die Hegenomie übernahm und dann Alles ordnet und ruhig herrscht. Als solcher Zuschauer hat Herr St. wenigstens viel Geduld und eine gute Verdauungskraft; er bekommt keine Unbehaglichkeit von diesem sitzenden Spintisiren, er ist ganz froh und guter Zuversicht. Anders Hr. R. Dem ist die frohe Laune bei solchen Worten verloren gegangen, und nun sieht er sich um, ob denn das Ziel noch nicht erreicht ist, und da äußert er seine Verdrießlichkeit über Alles und Jedes. Er geht hinaus, da ist ihm die Lust zu scharf, ein Steinchcn liegt ihm im Wege, er steigt etwas hinauf, er ist noch nicht oben, da verhüllt ihm eine Krümmung die Aussicht, und nun klagt er, sein Ausgangspunkt sei ihm entschwunden, sein Zielpunkt ganz unbekannt, und wo er da stehe, da sei eben gar Nichts, kurz er ist ein malkontanter Romantiker. Das Alte, wer kann sich daran halten? das Neue, wo ist es? die Halbheiten, in denen wir uns jetzt bewegen, sind eben Halbheiten, die Frankfurter Neformbcstrebungen sind ehrlich, und sie sind doch Nichts; wir werden unsere Kinder beschneiden lassen, wir denken dabei an unser Märtyrerthum, aber diese Kinder? Sie haben keine Vergangenheit und keine Zukunft, sie schweben zwischen Himmel und Erde, nein, zwischen Lust und Luft. Ist das Alles nicht ganz und gar berlinisch? Lauter Theorie und gar kein Leben, kein frisches Stürzen in den Proceß, nein, ihn von der Höhe herab sich ansehn, sich außerhalb desselben stellen und da jede Stufe bekritteln! Geißelt die Halbheiten, fordert mit, denn selbst in dem Halben müßt ihr doch ein Drängen erkennen; arbeitet mit an der Entwickelung, sagt's immerhin, sic sei noch nicht weit genug, aber weist das Errungene darum nicht mit aller Prätention von euch! So ist der kritische Bauer, so der romantische Nebenstcin, so der ruhig zuwartende Stern, Alle berlinisch, wenn auch jeder in anderer Weise. — Die andern Aufsätze dieser Monatsschrift sind gesund, wenn auch nüchtern. Ich habe das Vertrauen zu Herrn vr. Freund, daß er nicht auch zu einem solchen Berliner werden wird, er wird sich vor der Ansteckung zu bewahren wissen; aber ob er auch die dortige Lust zu reinigen vermag? Die Zukunft wird's lehren. Ta wir nun von dem Berliner Judenthum gesprochen, und wie es in einer dortigen Zcitschrist sich äußert, so erlauben Sie mir auch eiu Wort über das Magdeburger und das Leipziger Judcuthum; jenes beherrscht Pompejus, der mit seinem Fuße Heere aus dem Boden hervorstampsen — will, dieses Tersites, dem sein Odysseus auch nicht fehlen wird. Herr vr. Philipps-on meint es sicher gut und hat Berdietiste; aber was soll diese zappelnde Thätigkeit, die sich in Projekten erschöpft, die bald cine Facuität, bald eine Mr'ssionsgeseüschaft, bald einen geschlossenen Buchladen, bald ein Hospital etablirt und nun dazu unS mit dem neuen Jahre sammt und sonders zu Rittern des Schwanenordens machen will? Auch unser Tersites ist im neuen Jahre ganz der alte geblieben. Ihre Leser werden mir eine kleine satyrische Umschau nicht verargen; es kann ihnen ein Beweis sein, daß alle diese Seltsamkeiten doch den frohen Muth nicht zu rauben brauchen. Es ist dennoch Leben und Bewegung, Theilnahme und Wärme da; daß diese sich manchmal eigen genug äußern, braucht uns nicht zu verstl'mnien. Wo wäre ein freicä Seben ohne Dies? Es ist des Tüchtigen viel vorhanden, und vieles wird in diesem Jahre zeitigen. Wir leben im Processe, und unsere Kinder werden ihn auch noch durchzumachen haben; oder sollen wir sie, noch ehe sie erwacht sind, an das ersehnte Ziel hinstellen wollen, wie Herr Rebenstem verlangt, damit sie dort blos genießen und sich langweilen? Mögen sie immerhin kämpfen, mögen wir sie aber dazu ertüchtigen. Kampf mit frohem Muthe und frischer Kraft ist besser als träger Genuß nach einem Siege, den man nicht mikcrrungen. M. R. (Königsberg im Febr.) (Corresp.j Was kürzlich die Deutsche Allg. Ztg. meldete, daß der in diesen Blättern vortheilhast erwähnte Barry aus Mltau zur christlichen Religion übcrgctrcten und nach seiner Hcimath zurückkehre, scheint sich zu bestätigen. Nicht aber herrscht hier wirklich eine Besorgniß darüber, daß B. seinen etwaigen Einfluß auf die Gcstaliung der jüdischen Verhältnisse in Rußland zum Nachtheil seiner früheren Glaubensgenossen anwcndc werde. Dazu steht er doch bei allen seinen Fehlern und Extravaganzen dem Geiste und Herzen nach auf einem zu humanen Standpunkte. Zu beklagen bleibt aber immer der Austritt und Verlust so tüchtiger Kräfte, und zwar um so mehr, als derselbe gewiß nicht erfolgt sein würde, hätten unsere Aufgeklärten den Muth einer Ueberzeugung, würden sie, gleich der rationellen Partei unter den Christen, bereits einen Rechtsbodcn in der Synagoge sich errungen haben. Daß dieses noch nicht geschehen, ist der Grund von gar vielen Uebeln, und um so mehr muß man das Streben der Frankfurter Nesormfreundc loben, welche durch ihre offne Erklärung gegen die Autorilät des Talmuds hiezu den Weg gebahnt. (Berlin im Februar.) (Deutsche Allg. Ztg.j Die Vornehcr der hiesigen Juden schüft hatten zu Gunsten ihrer Glaubensgenossen, die aus den russisch-polnischen Grenzgegenden von der russischen Regierung vertrieben werden sollen, eine Denkschrift an den König von Preußen aufgesetzt. Dieser verwies aber die Bittsteller, wie die Bremer Ztg. schreibt, aus naheliegenden Gründen höherer Politik, an den Prinzen von Preu-