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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-03 · Heft 9 (3.3.1844) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 9 (3.3.1844)
Date
1844-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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67 selbst und ihrer Indolenz zuzuschreiben, wenn sie erst zu spät zur wahren Erkenntniß gelangten, und die Prämissen, welche sie unbedachtsamerweise zugegeben, zu einer Zeit beklagten, wo die Folgen nicht mehr abzuwenden stehen. Geschichte beS Tages. Preußen. (Aus Preußen.) sCorresp.) Da ich heute keine Localnachrichten mitzutheilen habe, so werden Sie es schon nicht unangenehm finden, wenn ich Ihnen meine verschiedenen Reflexionen mit dieser allgemeinen Angabe des Landes zusende. Doch aus Preußen mußte ich sie datiren, damit Ihre Leser doch von vorn herein wissen, welchen Maßstab ich anlege, damit Sie wissen, daß ich ein Bekenner des preußischen Judenthums bin. Wie sragrn Sie vielleicht erstaunt, ein preußisches Judenthum? gibt es denn ein solches? theilt sich das Judenthum denn nun schon auch in unserm deutschen Gesammtvatcrlande nach den einzelnen 38 Staaten? Don einem deutschen Judenthum wird schon lange gesprochen, und nicht mit Unrecht, da die wissenschaftliche, theologische und religiöse Bewegung in Deutschland wirklich eine so scharf ausgeprägte und auch von solchem Einflüsse auf Gesinnungen wie Richtungen der Juden ist, daß eine solche Bezeichnung ihren Grund hat; aber ein preußisches? Lesen Sie nur den Aussatz in Freund'S neuer Monatsschrift *) (1. Heft ©. 26 —41) von Hrn. Dr. Stern in Berlin: Die Ausgabe der jüdischen Gemeinde zu Berlin für die Gegenwart, und Sie werden finden, daß das Preußenthum, das man in neuerer Zeit verschollen und in engster Mischung mit dem ganzen Deutschland begriffen glaubte, unter den Juden erwacht ist. Wäre ich ein Berliner, ich würde dann allerdings genothigt sein, meine Ortsangabe bestimmter zu machen; denn es gibt auch, wie Sie in demselben Aufsatze lesen können, ein Berlinisches Judenthum. Ich kann dies freilich nicht in dem Sinne auffasscn, als sei in Berlin die jüdische Bewegung so mächtig gewesen, daß daraus eine cigenthümliche Gestalt sich herausgebildet; leider wissen wir nur zu gut, daß in den letzten zwanzig Jahren Berlin für die Juden weiter Nichts als — ein Hemmschuh gewesen ist. Auch der tüchtige Zunz, der doch nur gewissermaßen zufällig und daher isvlirt in Berlin lebt, hat seine Wissenschaft über daS Leben erhoben, und wenn er in dasselbe *) Ueber die Gediegenheit dieser Monatsschrift haben wir unS bereits anerkennend ausgesprochen; daS darf jedoch nicht die Bekämpfung einzelner Aufsätze Seitens unserer Correspondenten ausschließen. Redaktion. sich herabläßt, so sehen wir in seinem jüdisch, religiösen Standpunkte ein seltsames Ragout von Nationalerinnerungen, Bestrebungen das Nationalband zu erhalten, Haß gegen Judenbedrükkung und gegen Aufgehn in äußere Flachheit, und Mucht in ein Alles, das dennoch für ihn selbst keinen Lebensgehalt mehr hat. Daß Berlin, als Residenzstadt und den höchsten Behörden nahestehend, als der Sitz einer bedeutenden Gemeinde, welche über großartige materielle wie geistige Mittel gebieten könnte, große Verpflichtungen für die Juden, namentlich Preußens, hat, ist wahr; allein da es diese Pflichten nicht erfüllt, so kann man auch deshalb nicht sagen, daß ein berlinisches Judenthum vorhanden sei. Und dennoch möchte ich in gereiztem Sinne den Ausdruck acceptiren. Denn die seltsame Richtung, welche in Berlin herrscht, die vornehme Auffassung praktischer Lebensfragen macht sich theoretisch und auch in der Bcurkheilung des gegenwärtigen jüdischen Lebens geltend. Lesen Sie nur den bereits genannten Aufsatz und den andern des Herrn Neben stein, überschrieben: /.Unsere Gegenwart", und Sie werden rclatante Beispiele dafür finden. Beide Männer sind höchst intelligent und, was in Berlin schon etwas sagen will, warm theilnchmend am Judenthum; sie gehören eigentlich, ihrer Geburtsstätte nach, derjenigen Faction des preußischen Judenthums an, welche nach Hin. Stern die Aufgabe hat, immer nur das Positive in die Bildung der Zeit hineinzubringeu und frische Gährung zu erzeuge»; allein sie selbst sind durch und durch berolinifirt, sie sind ächte „Berliner Kinder". Herr St. gehört eigentlich nach der Staatsphilosophie der vorigen Regierung an, worunter ich nicht die althegel'sche meine, die zwar! damals begünstigt, aber doch nicht den Geist des Mechanismus ausmachte; es ist vielmehr die Richtung, welche zu Geduld ermahnt, bis Alles in ein ordentliches System gebracht sei, und man dann schnurstracks am Leitseile dieses Systems gehen könne. Seid ruhig, liebe Kinder, rief man uns zu, wir dürfen doch noch nicht vorangehen, bis alle Grundsätze mit ihren Konsequenzen und möglichen Eventualitäten wolerwogen sind; wir könnten sonst einen falschen Schritt machen, und dann gar umkehren müssen. Wir andern glaubten freilich, cS wäre immer gut, wenn nur! einmal gegangen werde, es thue doch immer besser als das ewige selbst wenn wir hie und da auch einmal umkehren müß-! ten, so seien doch jedenfalls die Säfte erfrischt. Herr Sr. will davon nichts wissen; zuerst muß ein Judenthum, bündig und nett, ausgearbeitet in allen seinen Details, mit der Zeit im Einklänge, mit der Geschichte eng verknüpft, in dem Staat ausgehend, seine Besonderheit treu bewahrend, aufgestellt werden, daun werde sichs ganz sicher demonstriren lassen. Früher könne der Staat Nichrs thun, früher dürfe Berlin Nicht» thun, das ja viel zu weife und

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