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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-03-03 · Heft 9 (3.3.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 9 (3.3.1844)
Date
1844-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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66 solchen Mann zu erhalten, ist gegenwärtig nicht mehr vorhanden. Es hat derselbe ganz kürzlich die vom hiesigen Vorsteberamt in Uebereinstimmung mit der größeren Mehrheit der Gemeinde auf ihn gefallene Wahl, und zwar bevor noch seine zu erwartende Bestätigung von Seiten der hiesigen Regierung erfolgt war, abgelehnt, und zwar aus Gründen, die die Tüchtigkeit des Mannes aufs unzweideutigste bewähren und es .um so mehr bedauern lassen, daß er nicht an die Spitze einer Gemeinde gekommen ist, wo noch so viel zu thun übrig bleibt. Der bei weitem größte Theil, mindestens neun Zehntheile der hiesigen Gemeindeglieder wünschen einen Geistlichen, der den Zusammenhang zwischen dem inner» religiösen Leben und dem bürgerlichen und politischen Verhältnisse der Israeliten zu würdigen weiß, und einem Uebel zu steuern im Stande ist, das, wenn es weiter um sich greift, von den bedenklichsten Folgen sein könnte für die bürgerliche Stellung sammtlicher Israeliten Deutschlands. Daneben exiftirte dahier eine kleine winzige Partei, welche kein Mittel scheut und alles aufbietet, um ihre obscuren Zwecke durchzusetzen. Diese Partei besteht aber nicht etwa aus jenen altehrwürdigen Orthodoxen, die, erzogen und gebildet in der Schule der rabbinischtalmudischen Gelehrsamkeit, begeistert kämpfen für die Erhaltung ihres Glaubens und derjenigen Grundsätze, die ihnen durch langjährige Gewohnheit und die Erinnerung ihrer Iugendjahre lieb und theuer geworden sind; es sind nicht jene im Studium i>es Talmuds ergrauten Männer, die an die Göttlichkeit der Tradition glauben, ihre einzige Hoffnung auf Palästina richten, und durch den Ernst und die Heiligkeit der Consequenz Achtung selbst da gebieten, wo sie mit der Richtung der Zeit und der Anforderung des Lebens in eine notwendige Opposition treten: nein, es sind dieses Leute, die in religiöser Deziehung meistens kaum wissen, was sie wollen, noch weniger aber irgend verstehen, um was es sich handelt. Die Religion ist ihnen nicht die ewig und einzig angetraute Geliebte ihrer Jugend, sie möchten daneben auch auf die Vortheile des Bürgerthums nicht verzichten, und betrachten cs nicht als einen Treubruch, mit diesem eine, wenn auch nur morganatische Verbindung einzugehn. Nur engherzige Rücksichten bestimmen meistens ihre reactionären Bestrebungen. Die Wenigen welchen es um die Religion wahrhaft zu thun ist, haben weder religiöse, noch sonstige Bildung, um ein Wort in die Wagschale der Entscheidung legen zu können. Diese kleine Partei war es gleichwol, die alle nur möglichen Jntriguen ins Werk fetzte, um die Anstellung des Herrn Dr. Holdheim, sowie die des Rabbknen Herrn Leopold Stein zu hintertrelben. Der Erfolg hat die Jämmerlichkeit ihrer Jntriguen zu Tage gefördert- Ganz neuerdings ist durch ein höchst ehrenvolles Schreiben des großherzoglich Mecklenburg-Schwerinschen Ministeriums dem Herrn Dr. Holdheim eine Gehaltszulage aus der Staatskasse bewilligt worden, und zwar aus höchst freier Entschließung und in ausdrücklicher Anerkennung seiner Verdienste um die religiösen und sittlichen Fortschritte seiner Glaubensgenossen, und diese, sowie die von Seiten seiner Gemeinde ihm gewordene Anerkennung hat ihn veranlaßt, seinen bisherigen Wirkungskreis beizubehalten und aus die hiesige Stelle zu resigniren. Herr Stein von der andern Seite ist in einer der bedeutendsten Gemeinden Deutschlands einstimmig zum Rabbinen erwählt worden. Jene reactionäre Partei entfaltet, trotz ihrer Winzigkeit eine Rührigkeit, die den Fernstehenden, der die Verhältnisse nicht kennt, leicht glauben lassen könnte, als werde die Mehrheit durch sie repräsentirt. Dem ist aber keineswegs so. Der bei weitem größte Theil der Gemeinde suhlt die Mangel der bestehenden Zustande und das Bedürfniß einer Verbesserung, und sehnt sich nach einem Geistlichen, der die fortschreitenden Bedürfnisse mit den Anforderungen des religiösen Lebens zu vereinigen weiß. Sollte gleichwohl die kleinen Partei einen ihrer Candidaten durchsetzen — was bei den eigenthümlichen Verhältnissen, auf die wir nicht näher cingehn wollen, immerhin möglich ist —: er dürfte eine schwierige Stellung hier erhalten, denn er würde den größer» und gebildetsten Theil der Gemeinde von vornherein gegen sich haben, und früher oder spater könnte es zu bedaueruswerthcn Spaltungen führen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Die Aufgabe der Mehrzahl ist es daher, solchen Uebelstanden durch energische Kundgebung ihres Willens und durch entschiedenes Auftreten abzuwenden. Die Staatsbehörde muß in dem jüdischen Geistlichen den Repräsentanten seiner Glaubensbrüder sehen, die starre rabbinisch - talmudische Doctrin aber ist, was man auch zu deren Gunsten ansühren mag, unverträglich mit den Anforderungen des bürgerlichen Lebens. Dieser Umstand darf vor allen Dingen nicht übersehn werden. Die Besetzung des hiesigen Rabbinats im Sinne der reactionären Parthei kann früher oder spater nicht ohne Rückwirkung bleiben auf die bürgerliche Stellung der Kurhessischen Israeliten, und diese Letztern hätten es sich

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