Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1844)
- Date
- 1844-02-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566920--0860-2568576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 deln sie unverantwortlich gegen den kurhefsischen Staat, der gerade die entgegengesetzte Gesinnung bei seinen israelitischen Bürgern voraussetzt und unter dieser Voraussetzung allein ihnen die bürgerliche Gleichstellung gewährt hat. Sie verletzen den Eid der Treue, den sie dem Staate geschworen, und erinnern an jene französischen Legitimisten, die die Wallfahrt nach Belgrave Square gemacht haben und deßhalb von der französischen Deputirtenkammer „fletrirt" wurden. Oder: 2) Jene Männer betrachten die fraglichen Gebete als leere, althergebrachte Formeln, die, wie sie voraussetzen, gedankenlos und ohne Andacht hergesagt werden. In diesem Falle aber entwürdigen sie ihren geistlichen Beruf, verletzen ihre geistliche Pflicht, indem sie das Gebet, jenen feierlichen Act, in welchem das tiefste Wesen der Religion sich offenbart, zu einer leeren, inhaltlosen Form herabsetzen. Es wäre in der That wünschenswerth, wenn diejenigen Männer, welche bei Abfassung jener Synagogenordnung mitgewirkt haben, sich darüber aussprechen wollten, in welcher Weise sie das gestellte Dilemma vermeiden mochten. Eine solche Erklärung dürften sie ihren Glaubensbrüdern gegenüber sich selbst und ihrer amtlichen Stellung, sowie der Heiligkeit des Gegenstandes schuldig sein, um den es sich hier handelt. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Freie Städte. ££ (Frankfurt a. M.) (CorrespZ Einem zuverlässigen Gerüchte zufolge, haben sich die Unterhandlungen mit Herrn L. Stein zerschlagen und Letzterer hat die Annahme des hiesigen Nabbinats abgelehnt. Hr. Stein soll sich nämlich geweigert haben, den Artikel der ihm von Seiten unseres Vorstandes zur Unterzeichnung vorgelegten „Instruction" anzunehmen, wornach der künftige Nabbine sich aller amtlichen Einwirkung auf das hiesige Schulwesen zu enthalten hätte. Da der Vorstand seiner Seitö auf unbedingte Annahme seiner Vorschläge bestand, so scheiterten die Unterhandlungen und es sollen bereits Schritte bei Hrn. vr. Holdheim geschehen sein, um dessen Ansichten über gewisse Hauptfragen im Voraus zu erfahren. Preußen. (Soest in Westphalen.) fCorresp.j Der um seine Gemeinden so hochverdiente Obervorsteher Hellwitz hat von Frankfurt a. M. folgendes anonyme Schreiben erhalte»; „Von den neuen und alten Juden ist folgendes bestimmt worden: Sie wollen Alles, was Sie gegen die alten Meinungen in der Religion abgebracht haben, wieder Herstellen, sonst kostet es Ihren Kops". Daß Herr Hellwitz sich durch diese Androhung in seinen Bestrebungen nicht irre machen lassen wird, bedarf keiner Versicherung. Was soll man aber zu der Parthei der starren Frankfurter Rabbaniten sagen, die sich nicht entblodet, solche Manifestationen von sich ausgehen zu lassen? (Berlin 6. Febr.) In Bezug auf die Stellung der Juden im preußischen Staate wird hier jetzt emsig an einem Gesetz gearbeitet, welches Vieles in den Verhältnissen der Juden zu ändern, und letztere manchem Schritte näher zu bringen bestimmt ist. Um aber keinen Fehlgriff zu machen, beabsichtigt man nun, den Entwurf, vor dessen Erhebung zum Gesetz, den drei bedeut tendsten Gemeinden in der Monarchie zur Begutachtung mitzutheilen. Viele sind auch der Meinung, daß die jüdischen Gemeinden überhaupt ausgesordert werden sollen, je zwei intelligente Männer aus ihrer Mitte zu wählen, welche neben der genauen Kenntniß der innern jüdischen Verhältnisse auch Bildung genug besitzen, um ihren Ansichten bei einem so wichtig ins Leben eingreifenden Gesetz Werth verschaffen zu können, da ihre Stimmen höhern Orts auch vernommen werden sollen. (Düsseld. Ztg.) B a i e r n. (Aus Unterfranken.) sCorresp.j Unsere Feinde müssen Zeugniß für uns geben! Werden sie es? Mit Willen nicht, aber ihr Zeugniß ist auch ganz eigner Art. Sie reden so, daß man ihnen recht deutlich anhört, sie möchten uns Böses Nachreden, suchen Alles auf und finden nichts als — Erdichtungen oder Kleinlichkeiten. Die Augsburger Postzeitung hält sich daüber aus, daß die Möldlinger Lotterieloose so stark verkauft werden. Das geht uns nun freilich nichts an, der Unternehmer ist kein Jude und wir Juden haben die Erlaubniß zum Verkaufen nicht eingeholt und nicht gegeben: allein die scharfsinnige Postzeitung, besorgt „für Gott, König und Vaterland", in der Meinung, „daß die Politik durch Rothschild bereits zu einer Art Lotterie wurde", findet darin ein Streben, ganz Europa zu einem jüdischen Geldkasten zu machen! Was wir Juden doch für mach, tige Leute sind! Aergerlicher noch ist dieser Zeitung ein Ereigniß, das in der That schauderhast ist. Erschrecken Sie nicht, obgleich es schreckhaft ist. „Eben jetzt kündigt sich ein Jakob Neustälier aus Baireuth mit Kirchenparamenten au, wovon er ein großes Lager hält, das loszuschlagen er in die Häuser der Geistlichen und