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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-02-18 · Heft 7 (18.2.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 7 (18.2.1844)
Date
1844-02-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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53 Preußen. Berlin. Corresp. Das kalte Wetter, das uns Alle unsere Schäfchen ins Trockene hat bringen lassen, lockt Tausende auf Spaziergänge. Ich »ar einer dieser Tausenden und schritt allein mit meinen Gedanken die von Mänteln und Hüten geschwärzten Linden hinunter. Da macht mich ein fortwährendes Stillestehen der an mir vorbei Passtrenden aufmerksam, und ich sah, daß mein Vorgänger, d. h. derjenige, der vor mir herging, ein in türkische Tracht gekleideter Jude war. Ein bunter Turban bedeckte sein greises Haupt, den farbigen Shawl hatte er mehremal um den Hals gewunden, so daß der Zipfel beinah malerisch auf der linken Schulter lag. Sein weißer Bart war von dem starken Froste fast erstarrt, seine Füße mit leichten Sandalen bekleidet und mit dünnen Strümpfen, die sein wärmender Mantel nicht mehr bedeckte. So schritt er vor mir her, frierend und zitternd; sehnsüchtig gewiß nach dem Land seiner Väter, wo die Luft ewig heiß glüht und die Menschen nach dem Schatten und nicht nach der Sonne treibt, sehnsüchtig gewiß nach seinen Lieben, für die er im nordischen Klima friert und duldet. Und die Tausende von Wanderern die bei mir vorbeischreiten, alle wenden den Kopf voll Neugier; alle gucken sie aus ihren Mänteln hervor, nach dem irrenden Juden der ein buntes Gewand trägt; alle, bleiben sie stehen und schauen nach ihm, der einsam dahin geht, unglücklich oder schlecht, und gewiß schlecht, da alle Unglücklichen schlecht sind in den Augen der Welt, die auS ihren vor Sturm und Kälte verhüllten Gesichtern nur herausblicken, um einen Unglücklichen zu sehen, einen Unglücklichen im farbigen Gewand. Es hatte einen traurigen Reiz, alle die Gesichter zu stndiren, die den Stchcnbleibenden gehörten, keines sah ich voll Mitleid, voll Theilnahme an dem fröstelnden Juden; der Eine sich wundernd, der Andere höhnend, der Dritte einfältig lächelnd, der Vierte erklärte seiner Dame, daß es ein Jude wäre, eine Merkwürdigkeit, auf die der Fünfte erst aufmerksam machte. Alle sahen sie auf den bunten Turban, den farbigen Shawl, keiner auf die dünnen Strümpfe, die entblößten Beine; keinem fror das Herz, als er im warmen Mantel und Schuhen, den erstarrenden Sohn Asiens erkannte, keiner! Und das Unglück ist nur darum Unglück, weil eS die Menschen für kein solches halten und jeder sich für den Mittelpunkt der Welt hält, in dem sich diese Sorgen der Welt basiren. Kalt sieht der Mensch das nackte Unglück bei sich vorüber gehen, er dreht sich um und schweigt, und geht vorüber; er zittert nicht, er ruft seine Phantasie nicht zu Hülfe, diese Buhlerin, die nur im Glücke schwelgt und sich in Purpur kleidet und mit Lüsten und mit Sünden nährt. Was wir hören, was wir lesen, es ist wahr, gewißlich wahr, und daß wir das Buch wegkegen, augenblicklich von Verwunderung bewegt, und dann darüber reflectiren, eben so falsch wie unser Glück ist und unsere Hoffnungen, das ist eben das gräßliche; wir lesen und schweigen und gehen vorüber. Jedermann ein Jude, ich ein Jude, nichts ist ähnlich als jener orientalische Zug, der uns bleibt wie unser Stolz und der nur erblaßt ist in meinem Gesichte vor dem blassen Klima und dem ausdruckslosen stockenden Leben. Ich habe mich nur gegrämt, wenn der Straßenjungen-Chor nur an der Nase mein Blut erkannt und spotteten und höhnten; ich freute mich, daß das was ich eigen habe, noch nicht untergegangen war in den Einflüssen der Außenwelt, die eben nur von der Außenwelt kommt und deshalb drückender sind als Ketten und schneidender als Hohn. Jener Mann ein Jude; ich ein Jude. Jener vielleicht fliehend vor dem Schergen des persischen Schahs; ich meine ganzen Gedanken verbergend vor dem ArguSauge des PolizeispionS; er verfolgt, weil er Geld vielleicht oder anderes Gut besaß; ich unglücklich, weil ich nichts besitze, nicht einmal Hoffnungen, «eil nicht mein Geld, sondern meine Kräfte der Staat tödtel in dem ich lebe. Er durchläuft Europa, ein moderner Benjamin, mit seinem Stabe; er studirt die Herzen seiner Glaubensgenossen mit dem Maßstab seines Unglücks und die Blicke seiner Freunde mit seiner Gemüthsstalistik, die er mit seinem Schweiße und dem Froste, der ihn durchschüttelt, erkauft. Er quält sich in Deutschland aus deutsche Weise und d. h. soviel, er quält sich und alle Nationalitätspulse Europas flammen in seinem südlichen Feuer zusammen und geben ein seltsameres Schauspiel, das nur der Chemiker der Seele mit Herz zu zersetzen, nur der Mann mit dem schauenden Verstände des Mitleids zu verstehen vermag. Will den kein Buchhändler mir Tausende geben, daß ich Europa durchreise mit warmen Handschuhen, gefüttertem Pelze, und von einer warmen Stube aus die nationalen Interessen Europa's schildern und durch die Pracht, mit der meine Phantasie überall hin zu wandern vermag, das Lesepublikum und seinen Beutel ergötze und mein orientalisches Gesicht in den schönen Blättern seiner Neisebilder abdrucke? Das Gcmüth ist die wahre Heimath der Juden und in diesem, das allein hoch ausathmet, seufzend oder jubelnd bei Anderer Leid, blühen und wachsen die prächtigen der Tropen. Wandernd durch alle Länder euroväischer Scheingluth klopfe er auf sein Her; mit dem Gefühle des ungeschwächten Menschen, mit ungeschwächter Kraft der Phantaste und der Resignation. Er darbt in Spanien, in Deutschland, in Italien, die Sehnsucht seines Herzens geht nach dem Herzen zurück, von wo sie ausgegangen; er liebt die Seinen, welcher Boden sie trage, und liebt die wirkliche Liebe, die nicht gebannt ist an Klima und Wetter und kein banges Gefühl kennt, nach dem

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