Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1844)
- Date
- 1844-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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51 die Leiden, die ihnen von der Rohheit angethan wurden. Jetzt aber, wo sie aus dem innersten Marke ihres Glückes entfernt, sich gewöhnt haben, höhere Ansprüche zu machen, wo sie nicht mehr den Muth und die Kraft in sich fühlen, Hohn und Spott zu ertragen, wo sie unglücklich sind, wenn ihnen nicht Alles gegeben wird, unglücklich, weil sie nichts mehr im Gemüthe haben und ihr Verstand keine Belohnung hat, unglücklich, weil sie zerfallen mit sich und ihrer Geschichte keinen Anhaltspunkt mehr haben, an dem sie sich haltend, die verweigerten Gaben belächeln können; jetzt zwingt sie der Staat immer naher und naher zu rücken, und von den erhobenen Ansprüchen, von den mit Recht erhobenen Ansprüchen verlaßen, von ihren Hoffnungen verrathen, von ihrem Ehrgeiz überwältigt, gehn sie endlich in das Garn und sind — Christen. Wozu aber nun die Missionare? Ich will es Dir sagen, lieber Leser! Damit der Staat, indem er auf der einen Seite Leute bezahlt, daß sie auf rechtmäßige Weise die Juden bekehren sollen, d. h. daß sie ihnen Geld geben sollen, um sie zu bitten, auch das Wasser zu nehmen, auf der andern verbirgt, wie er selbst durch halbe Maßregeln mehr und bedeutendere Proselyten macht. Hat demnach Thomas Campanella * **)) so ganz Unrecht, wenn er behauptet, daß die Fürsten nicht Macchiavellistische Politiker sein sollten, die die Religion als Kunst zu herrschen gebrauchen? *) In feinem Atheismus Triumphatus Ludwig XIII. gewidmet, bei Struve act. literar. Fascicul. sec. (Jena, 1705) p. 58, 59. Geschichte des Tages. Ungarn. (Preßburg im Jan. D. A. Z.) Die Israeliten des gesammten Landes haben eine Petition zum Behuse ihrer Emaneipation kingereicht. Griechenland. (Athen im Jan.) Der neue Versassungsentwurf enthält folgende für die Bekenner der mosaischen Religion höchst wichtige Bestimmungen: Cap. I. Von der Religion. Art. 1. Die herrschende Religion in Griechenland ist die der morgenländischen orthodoxen Kirche Christi. Jedoch wird jede andere bekannte Religion geduldet, und die Ceremonien und heiligen Gebräuche derselben werden ungehindert ausgeüht. Der ProselytismuS ist verboten. Cap. H. Von dem Staatsrechte der Griechen. Art. 3. Die Griechen find vor dem Gesetze gleich. Mochte das, was diese Verheißungen enthalten, zur vollen Wirklichkeit gelangen! In der That! besser können die Griechen ihren wahrhaft constitutionellen Sinn nicht bewähren, als wenn sie derjenigen Religionsgemeinde, der keinerlei Macht, keinerlei Waffe zu Gebote steht, als die der Wahrheit und des unverjährten heiligen Rechtes des Menschen und Bürgers, dieses ohne alle Beschränkung gewähren. Böhmen. (Prag. Corresp.) Großes Aussehen macht auch hier die Schrift eines Polen, Namens Vary, über die Emancipation des Menschen (Königsberg 1843). Entschiedeneres, sreimüthigereS über Alles, waS Staat, Religion, Humanität im Judenthum und die äußeren und inneren Verhältnisse seiner Bekenner betrifft, iü in der deutsch - jüdischen Literatur lange nichts geschrieben worden. Der Verfasser ist ein ächter Pole, hart, unerbittlich, schonungslogegen Alles, was er jetzt *) als Ignoranz oder Heuchelei ansieht. Er will Wahrheit, die volle, ungeschmückte Wahrheit, und schont Niemanden, der sich an ihr vergreist. Sein Styl ist derb, nicht selten hart und unbeholfen, ja uncorrect, aber seine Gedanken, wenn auch hie und da extravagirend, grandios, seine Anschauung eine humane im reinsten Sinne des Wortes, und sein Muth wie seine Gesinnung in hohem Grade achtungswerth. Ich beschränke mich für heute daraus. Ihnen auszüglich das mitzntheilen, was er über den Frankfurter Reformverein sagt: „Kein vernünftiger Mensch kann das Lob, welches den Gliedern des Reformvereins gezollt werden muß, vorenthalten. Der Reformverein, wie es schon im Worte „Verein" liegt, will nicht die Judenheit resormiren, sondern eine Harmonie zwischen der Theorie und der Praxis bei sich selber zu Wege bringen. Daß er aber die gesammte Judenheit aus den Augen läßt, ist nicht nur nicht zu tadeln, schon deshalb, weil die gesammte Judenheit, wie oben angegeben, nicht zu retten (?) ist, indem sie keinen Centralisalionspunkl hat, sondern sogar zu loben, da er dadurch zu erkennen giebt, daß er nicht blos eine Sekte in der Judenheit, sondern in der Menschheit ausmache, d. h. er erklärt dadurch, daß er strebt, moralisch zu sein, eben so gut ohne Rücksicht aus die Synagogen, wie auf die Kirchen, Moscheen u. s. w. *), die *) Er sagt selbst von sich, daß er bis zu seinem achtzehnten Jahre einer der ächtesten Fanatiker gewesen, jetzt wolle er aber unerschrocken und unermüdlich dem verruchten Pharisäismus der Rabbinen entgegenarbeiten. **) Hier übertreibt der Verf. Der erste Artikel des Reformvereins lautet ja ausdrücklich: Wir erkennen in der mosaischen