Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1844)
- Date
- 1844-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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4» geschätzten Blattes nicht ohne Interesse sein dürften. Ich beginne < mit dem Schulwesen, sicherlich dem wichtigsten Gegenstand unserer Zeit. Bei allen Bewegungen im Judenthum sollte diesem gemeinsame Aufmerksamkeit geschenkt werden. Mancher Gegenstand des Streites wird sich hoffentlich in wenigen Generationen gar friedlich lösen, wenn fortwährend für die Jugendbildung und wahrhaften, zweckmäßigen Religionsunterricht sachdienliche Fürsorge getragen wird, wenn besonders die beiden Klippen vermieden werden, daran das Streben, Religiosität zu befördern, meistens scheitert. In den jüdischen Schulen Alles bis aus das Hebräische vermissend, ging man zu dem Extreme über, alles unterrichtend, nur das Hebräische nicht, ja man ging so weit, selbst den eigentlichen Religionsunterricht als eine leidige Nebensache im Lektionsmanuale mit fortzuführen. Ein gewissenhafter, acht confessioneller und gründlicher Religionsunterricht, ist unstreitig das beste Mittel eine Generation heranzubilden, die religiös, aber nicht fanatisch, aufgeklärt aber nicht ungläubig zwischen dem Wesentlichen und Formellen zu unterscheiden versteht, nicht weniger aber auch zwischen nothwendigen und überflüssigen Formen. Wenn nur erst der Leichtsinn, die Oberflächlichkeit und der JndiffercntiSmuS dem frommen Ernste in den Religionsangelegenheiten Platz gemacht haben, wird auch der Kampf, zwar nicht aufhören, aber doch ein würdiger und heilbringender werden: kein leidenschaftlicher mit Verfolgung verbundener mehr sein. Wenn ich hierin nicht irre, so dürste wohl die Zukunft uns minder trübe erscheinen und manches dem Judenthume treu anhängende für daS Heiligthum der Religion in Wahrheit erglühende Herz weniger bekümmert alle Hoffnung ausgeben. Aber um so mehr liegt hierin eine dringende Anforderung zum eifrigen Pflichteifer und zur unermüdeten rastlosen Thätigkcit für alle, welchen die Jugendbildung obliegt. Das Meiste können und müssen die Lehrer thun. Dieser Stand hat die Anerkennung seines hohen Berufes noch nicht gefunden und leider gehören ihm Viele, die ihn selbst noch nicht genug zu würdigen wissen. Ein Rückblick auf die Vergangenheit erklärt dieses sattsam und berechtigt zugleich zu den schönsten Hoffnungen. Darum müssen die Rabbincn — denn jenen zunächst können diese viel für das Schulwesen thun— von einzelnen Beispielen sich nicht abschrecken lassen und dürfen wegen einiger unwürdigen Subjekte ihre Erwartungen nicht herabstimmen und in ihrem Eifer nicht erkalten. Doch meine Reflexionen führen mich zu weit ab. und da ich ohnehin später wieder darauf zurückkommen werde, will ich für jetzt nur Geschehenes mittheilen. Und gottlob! kann ich das erfreulich nennen. War auch bis jetzt das Schulwesen in unserem Kreise — wie in Baiern überhaupt — kein ungeordnetes zu nen* «en, so fehlte doch eine Basis im eigentlichen Sinne; ein Lehr« und Unterrichtsplan. Ein solcher ist nun unserer hohen Kreisregierung vorgelegt und zur Einführung genehmigt worden. Mag er immerhin noch an vielem Mangel leiden, mag es auch zu beklagen sein, daß die Nabbinen des Kreises sich nicht verständigen konnten und keinen ganz übereinstimmenden Lehrplan für alle Schulen entwarfen, so ist doch schon viel damit gewonnen. Nun wissen doch die Gemeinden was sie für ihre Kinder in den Neligionsschulen zu erwarten haben, die Lehrer, wie viel sie leisten müssen, und die Nabbinen, wie viel sie verlangen können. Mancher Zwiespalt wird hiedurch vermieden, und was den letzteren Punkt betrifft, so ist die Abweichung nicht sehr bedeutend und genau genommen, nur eine formelle. Tenn wenn einige Rabbincn Mischnajoth als einen Lehrgegenstand in den Religionsschulen mit aufführten; so müssen diese selbst wissen, daß es rein unmöglich ist, und ist nur die Geistesrichtung zu bedauern, die solche Anforderungen stellt. Was unsere kirchlichen Verhältnisse betrifft, dürfte wol mehr geschehen, und unsere Synagogen sind allerdings noch nicht alle wahre Gotteshäuser, wo Andacht und Ruhe herrscht. Aber auch hierin läßt sich schon von der nächsten Zukunft wirklich Vieles erwarten. Nicht auf einmal lassen sich üble Gewohnheiten beseitigen und nachsichtsvolle Zurechtweisung führt auch, wenn gleich langsamer, zum Ziele. Zwei Hindernisse stehen hier der Wirksamkeit unserer Geistlichen entgegen, die beide gleich beklagenswerth sind. Erstens der Mangel an selbstständiger Gesinnung bei noch sehr vielen Israeliten in unserem Kreise. Das alte: „Jud mach morrs!« steckt noch Manchem im Kopse, und sich und seine Führer oder Vorgesetzten geringschätzcnd, erniedrigt man sich dem Nichtisraeliten gegenüber und kriecht vor ihm im Staube. Wir sollen keinen Stolz haben und am wenigsten gegen unsere nichtisraelitischen Mitbürger unbescheiden uns benehmen, aber eine Selbstachtung thut jedem Menschen noch, und der Israelit bedarf ihrer um so mehr, als in unserem Kreise das Vorurtheil aus der alten Zeit, den Jude nur als ein Ding zu betrachten, zu nützen, zu gebrauchen und zu behandeln noch ein ziemlich starkes Publikum hat. Eben dieses will den geistigen Fortschritt im Judenthume nicht und gar Manchen gibt es, der den ungebildeten Finsterling, gegen den er jeden Spott sich erlauben darf, dem Aufgeklärten und Gebildeten deshalb vorzieht, weil dessen würdiges Benehmen auch nur ein solches gegen sich gefallen lassen will. Dadurch fehlt jener Antrieb von Außen, der anderwärts so wolthätig wirkt, bildet sich eine Opposition, die man anderwärts kaum kennt und treten Hindernisse in den Weg, die mit großer Vorsicht nur beseitigt werden können. Lin Kampf der