Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-02-11 · Heft 6 (11.2.1844) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 6 (11.2.1844)
Date
1844-02-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566918--0847-2568561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

48 Meinungen, eine Opposition aus religiösen Grundsätzen ist ein ganz anderer und würdevollerer als der gemeine schmutzige Egoismus, der sich nicht belehren und nichts befehlen lassen will von einem Juden. Dieses Vorurtheil wirkt um so schädlicher, als 2) die Nabbinen dem Staate gegenüber eine Stellung haben, die ihrem Ansehen und ihrer Autorität sehr nachtheilig ist. Sie sind als die Geistlichen einer Privatkirchengesellschaft auch nur Privatleute, und werden zwar in ihrer geistlichen Wirksamkeit geschützt, aber doch so vielfältig dem Bolke gegenüber als vom Staate nicht besonders gewürdigt, in ihren Bestrebungen gehemmt und eines größeren Einflusses beraubt. Ich werde dieses durch einen Aufsatz über die Stellung dr-2 jüdischen Geistlichen näher beleuchten und füge für heute nur die Bemerkung noch bei, daß in bürgerlicher Hinsicht uns ein Stern leuchtet und einige günstige Aussichten sich eröffnet haben; besonders ist mehr als wahrscheinlich, daß mit dem neuen Steuersystem viele besondere Abgaben aufhörcn werden. Nachschrift. Unsere Kreisrcgierung hat durch hohe Entschließung die jüdischen Linder, welche die christlichen Elementarschulen besuchen von der Theiluahme an dem Unterrichte in der biblischen Geschichte diöpcnsirt. Die Kollekte für die durch Brand verunglückten Juden in Smyrna lieferte in unserem Kreise einen Betrag von fast sechshundert Gulden, die bereits dahin versendet worden sind. Professor 9r. Nefselmann üver den jüdischen Reformverein in Frankfurt. (Schluß von Nr. 5.) Eine cigenthümliche Erscheinung bei den Juden Rußlands, die ich hier nicht ganz unberührt lassen kann, weil sie eben auch in der Talmudgclchrsamkcit ihren Grund hat, ist die Menge von Autodidakten, die dort ausiaucht. Indem begabtere Geister in der bloß formellen, jeder überzeugenden Kraft entbehrenden, todten und gcisttödrcndcn Lalmudlchre keine Befriedigung finden, sucheu sie diese in irgend einem Thcilc der profanen Wissenschaft. Daß sie dann ihren Glaubensgenossen für Ketzer gelten und oft harten Verfolgungen ausgcsctzt sind, ist nach dem oben Gesagten in der Ordnung. Aber woher nehmen sie die Wissenschaft, zu denen kein Lehrer ihnen den Weg zeigt, keine Vorbildung sie vorbereitet hat? Sie werfen sich mit der ganzen Kraft ihres Geistes und mit der durch die Talmudschule geübten Ausdauer auf irgend ein Buch, welches ihnen zufällig in die Hände geräth. Aller übrigen Cultur entbehrend arbeiten sie sich so in eine totale Einseitigkeit hinein, daß sie für nichts Anderes mehr Sinn behalten. Wer die hier in Königsberg zuweilen anwesenden Autodidakten zu beobachten und näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat, wird meine Aussagen nicht übertrieben finden. Ich erinnere z. B. an Jakob Kaplan aus Minsk, der sich auf ein Wrrkchcn von einem gewigen blewisohn, die biblische Geographie für Schulen behandelnd, geworfen hatte. Er fand das Buch unvollständig, d. h. ihm waren aus der Bibellcctüre geographische Namen bekannt, die er hier nicht fand; er fieng an zu ergänzen, zu berichtigen und wurde darin am Ende so weit geführt, daß geographische Namen fein einziger Gedanke waren. Durch eine cigenthümliche einseitige CombinaticnSgabe war cs ihm gelungen, wehre hundert bisher unbeachtete Palästinensische Städtcnamen aus der Bibel, dem Talmud und andern Schriften zusammenzutragcn. Dabei hatte er aber weder von irgend einer andern Wissenschaft, noch selbst von der Geographie des übrigen Erdkreises auch nur den geringsten Begriff. Seine Bearbeitung des Lewisohnschen Werkes war 1639 in Wilna in hebräischer Sprache gedruckt worden, er halte aber seitdem wieder soviele neue Namen entdeckt, daß er in Königsberg im Jahre 1841 an eine neue und zwar deutsche Bearbeitung seines stoffreichen, aber aus planloser Einseitigkeit hervorgegangenen Werkes dachte. Leider starb er während der Vorbereitungen, und so haben wir denn wol schwerlich mehr eine Ausgabe dieses Schatzes, auS welcher eine geregelte Kritik manches schöne Resultat hätte gewinnen können, zu erwarten. Ein zweiter Autodidakt der Art ist Goldberg aus Neustadt, der sich mit Glück auf die christliche und jüdische Chronologie geworfen hat. Seine mathematischen Kenntnisse hat er aus Wolffs Anfangsgründen geschöpft; Kästners Werke, die ich ihm in die Hände gab, waren ihm zu dunkel, Eulers Algebra rin unantastbares leuchtendes Meteor und der Schlußstein menschlicher Gelehrsamkeit. Ein dritter, weniger einseitig, wie cs schien, war Slo nimski aus Warschau, Erfinder einer Nechneumaschine, außerdem Verfasser mehrerer mathematischer und astronomischer populärer Schriften in hebräischer Sprache. Em vierter, den ich kürzlich hier gesprochen habe, als er bei einer Durchreise nach England wenige Stunden sich hier aufhielt, Philippowski aus Wirballen, hatte wieder die Chronologie gewählt und einen hundertjährigen Kalender verfertigt. U. s. w. Ganz anders steht cs mit den Juden in Deutschland. Hier finden wir weder die Unwissenheit noch den Fanatismus der Juden Rußlands. Die deutschen Juden haben, wenigstens die Wolhabendcren, sich dem christlichen Bildungsgänge angcschlosscn, ihre Söhne werden in ordentlichcn'Schulen gebildet und die Anzahl der Studirenden mosaischen Glaubens ist auf allen Universitäten nicht unbedeutend. Dabei behalten sie natürlich keine Zeit für das Talmudstudium und keine Lust und Gelegenheit für das verwickelte und jeden freien Schritt hemmende Ritual. Die Kenntniß des Talmuds ist in Deutschland durchaus El'gcnthum einiger Wenigen, fast nur der Nabbinen, und selbst diese Letzteren sollen, wie mir erzählt worden ist, nicht einmal überall eine hinlängliche Kenntniß desselben besitzen. Ta also der Talmud in Deutschland weder gekannt noch befolgt wird, also factisch bereits außer Kraft getreten ist, so kam es nur noch darauf an, durch eine ausdrückliche Erklärung von diesem geistigen und moralischen Hemmschuh sich für immer los zu machen. Anhänglichkeit an das Herkömmliche, Unwissenheit der Menge, die bei jeder Neuerung Alles aufzugeben fürchtet, und endlich jene im ganzen Mosaismus begründete und begünstigte Vermengung des Wesentlichen mit dem Unwesentlichen haben diesen Schritt bisher gehindert, bis endlich in diesem Jahre eine Anzahl gebildeter Israeliten in Frankfurt am Main die offene Erklärung von sich gegeben hat, alles nicht mehr Zeitgemäße aus dem Judenthum entfernen und den Geist des MosaismuS wieder Herstellen zu wollen. Die Frankfurter haben eingcsehen und ausgesprochen, was jeder Unbefangene längst gefühlt hatte, daß ein Gesetz nicht ewig unverändert gelten könne, wenn es Verhältnisse voraussctzr, die selbst nicht ewig geltend, sondern veränderlich sind. Durch diese Erklärung ist der Zwiespalt zwisclen der jüdischen Kirche und ihren Bekennern gehoben; dieser Zwiespalt bestand darin, daß die Lehre der Kirche das starre Talmudsystem war, während unter den zu der Kirche sich bekennenden Individuen säst kein einziges mehr an jene Kirchcnlehrc glaubte. Daß der verdienstliche nnd zeitgemäße Schritt der Frankfurter, für den sich jeder aufrichtige Mensch, gleichviel welcher Religion er angehört, interessiren muß, bekämpft worden ist und noch ferner bekämpft werden wird, liegt in der Natur der Sache. Gab es doch noch lange nach dem Jahre 1492 Viele, welche die Entdeckung Amcrika's für eine Chimäre hielten. Der Zweck dieser meiner Zeilen ist einzig und allein der, die christlichen Leser dieser Blätter, welche nicht Gelegenheit haben, die Sache selbst genauer zu untersuchen, auf den Standpunkt zu stellen, von welchem aus der Frankfurter Neformverein beurtheilt werden will und muß. Berichtigung. S. 13, Z. 12 muß es heißen: vielmehr er zertritt, statt ..vertritt". Druck und Verlag von F. Schuster in Hersseld»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.