Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1844)
- Date
- 1844-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 deshalb sind sie innig überzeugt, daß ohne Lossagung vom Talmud keine Reform möglich, und daß die Erhaltung des Judenthums an diese Bedingung geknüpft ist. Geschichte des Tages. Freie Städte. (Frankfurt a. M. Corrcsp.) Wieder einmal hat der hier wolbekanute Correfpondent der Deutschen Allg. Ztg. in Nr. 11 derselben sich über den Reform-Verein expectorirt, versteht sich ganz in seiner gewöhnlichen bornirten Weise. Er meint, der Reform-Verein bestehe noch »wie er vor drei Monaten bestanden hat, nicht zunehmend, nicht abnehmend". Wie doch der scharfsinnige Correfpondent dieses so genau wissen will. Man sollte glauben, er sei der erste mit im Vorstande und ließe sich täglich über die Anzahl der Mitglieder referiren; während er nur nach dem Hörensagen, nämlich nach dem was er aus seinem eignen Munde hört, oder hören will, urtheilt. Wir können ihm aber aus bester Quelle versichern, daß der Reform-Verein eines immer größer« Zuwachses von Theilnehmern sich zu erfreuen hat. Ob die Angriffe, welche derselbe erfahren, in seinem zweiten Rundschreiben zurückgewiesen worden, was der Correfpondent verneint, werden Ihre Leser aus dem in Nr. 2. wörtlich abgedruckten Rundschreiben am besten ermessen können. Seine geistige Beschränktheit, seine totale Unfähigkeit, irgend einen höheren Gedarcken auszufassen, verräth er aber, der Hr. Correfpondent, auf die eclatanteste Weise durch das, was er gegen das »Bezeugen" des Reform-Vereins vorbringt. Wäre er nur im Stande gewesen, dem, was in diesen Blättern (Jahrg. IV., Nr. 46 — 51), wie in dem Rundschreiben ausgeführt worden, mit einigem Nachdenken zu folgen, er würde wol sich nicht über die wahre Bedeutung jenes Wortes und den eigentlichen Zweck des Reform- Vereins getäuscht, er würde sich gesagt haben, daß dieser in der dringenden, heiligen unerläßlichen Forderung an die Tausende des heutigen Israels, die sich längst mit voller Ueberzeugung von dem rabbinischen Separatismus losgesagt, bestehe, diese ihre Ueberzeugung frei und förmlich auszusprechen, dadurch dem, was sie thun, einen ideellen Boden, ein wahrhaftes zu geben, und dadurch eine wirkliche höhere Glaubensgemeinde zu gründen, eine solche, die sich in ein fteies entschiedenes Bekenntniß >geei-- nigt und dadurch Allen, die ihre Ansichten theilen, die MöglichdeS Talmuds welche im »Israeliten des 19. Jahrhunderts" erscheinen wird, wird dem Laien einen Begriff von demselben geben. keit verschafft hat, einer Gemeinde mit Ueberzeugung und Wahr, heit anzugehören, ohne deshalb von der Judenheit oder dem Judenthume überhaupt, zu dem sie dann nur in einem hohem Sinne sich bekennen, sich trennen zu müssen. Da aber selbst diese ganz einfache, natürliche Auffassung für das Gehirn unseres Correspondenten zu hoch zu sein scheint, so kömmt er auch hier wieder auf seine alten Tiraden zurück, spricht, daß eine Regeneration nur durch Theologen bewirkt werden könne, daß die Religion kritisch bearbeitet werden müsse u. s. w., als wenn dieses von dem Reform-Verein verneint worden wäre, als wenn das, was seine Mitglieder frei und offen zu bekennen gewagt, nicht schon von allen erleuchteten Theologen der Vorzeit und Gegenwart ausgesprochen worden Ware. (Wir erinnern nur an die siebenzehn rabbinischen Gutachten in der Breslauer RabbinatSangelegenheit.) Eine pure Verläumdung ist es aber, wenn der Correfpondent behauptet, es sei in dem zweiten Circular offen ausgesprochen, durch Verwerfung alles Ceremoniells sich emancipationsfähig zu machen. Man lese nur und überzeuge sich vom Gegentheil. Wenn man übrigens bedenkt, daß der Vorwurf des Separatismus, des Bekenntnisses zum Talmud, schon so oft als Grund gegen unsere Emancipation geltend gemacht wurde, ja selbst eine so erleuchtete Kammer wie die Badische, ausdrücklich das Verwerfen der Autorität des Talmuds als Bedingung unserer bürgerlichen und politischen Gleichstellung aufstellte und sittliches Gefühl genug hat um einzusehen, daß das Streben nach Emancipation, nach der freien Entfaltung unserer Kräfte und der gemeinnützigsten Anwendung derselben, wesentlich Forderung der Religion selbst ist, die ja nichts Anderes will und wollen kann, als ein unbeschränktes humanes Streben und Wirken, so wird man gewiß Nichts dagegen erinnern, wenn diejenigen die sich zu einem Aussprechen ihrer innigsten Ueberzeugung vereinigen, sich daneben auch von jenem äußeren Motive leiten lassen, dafern sie sich nur dabei gegen die Annahme wahren, als ob sie die, welche orthodoxeren Ansichten huldigen, für weniger berechtigt in der bürgerlichen Gesellschaft halten; und daß dieses der Reform-Verein in seinen beiden Circularen nicht gethan, kann chm, wie erwähnt, nur böswillige Verläumdung nachsagen. Hamburg. (Corresp.) Ich kann nicht unterlassen, Ihre Leser mit dem Inhalt einer kleinen Schrift bekannt zu machen, die unter allen Wolgesinnten hier die freudigste Sensation hervorgebracht, indem sie auf's Neue von dem Fortschritt der Zeit, wie er selbst unser philiströses Hamburg ergriff, Zeugniß gibt. Wer hätte es nämlich gedacht, daß hier, wo das Vorurtheil gegen die Juden, überhaupt gegen jede noch so dringend gebotene