Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1844)
- Date
- 1844-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566918--0842-2568556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43 das ist es, was die Freunde der Reform bezwecken und was sie auch klar und deutlich ausgesprochen haben. Sie sind weit davon entfernt, wie Herr Stein voraussetzt, Spaltung und Zwietracht Hervorrufen oder die Anhänger des Talmuds aus irgend eine Weise kränken zu wollen; es ist nicht einmal ihre Absicht besondere Gemeinden zu bilden; sie glauben vielmehr, daß gerade ein offenes Erklären dessen, was man als wahr erkennt, das Mittel sei, den Zwiespalt zu vermindern. Das bisherige passive Verhalten und Stillschweigen der Neuern mußte die Altgläubigen in der Meinung bestärken, sie allein seien die Legitimen, die Neuern aber nur unberechtigte oder gar leichtsinnige Uebertreter, gegen die man, sobald man die Macht dazu besäße, auch Zwangsmaßregeln anwenden dürfe; es sei daher jede Aenderung an der herkömmlichen Form, jede Neuerung ein anmaßlicher Eingriff in ihre Rechte, den man nicht zu dulden brauche; selbst bei der Wahl des Rabbinen dürfe man nur sie berücksichtigen und keinen anstellen, der sich gegen irgend eine rabbinische Satzung in That oder Wort vergangen habe. *) Eine offene Erklärung der Gleichgesinnten wird sie eines Bessern belehren; sie werden einsehen, daß ihre Gegner gleichberechtigt sind, eine ihrer Gesinnnng entsprechende Form des Cultus zu fordern, und daß die Gemeinde die Verpflichtung habe, auch für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse Sorge zu tragen. Herr Stein äußert die Besorgniß, es möchte die Erklärung der Reformfreunde von den Hyperorthodoxen und Finsterlingen zu Anschwärzungen und Verdächtigungen bei den Regierungen mißbraucht werden; sie werden die Urheber als Feinde aller positiven Religion, ja alles Bestehenden darstellen. Wir müssen ihm hierin um so mehr beistimmen, als ja bekanntlich ein solcher Versuch bereits in der berüchtigten, lithographirten, anonymen Zusammenstellung gemacht worden ist; hat man aber, selbst in den Machinationen gegen Geiger und in dem Prozeß gegen Dr. Levy sich nicht ebenfalls politischer Verdächtigungen bedient und müßten wir nicht auf jeden Fortschritt Verzicht leisten, wenn wir solche Besorgnisse berücksichtigen wollten? Unbegreiflich erscheint es uns, wie gerade die Bestrebungen der Reformfreunde zu einer zügellosen Willkür führen sollten. Kann die Willkür größer werden, als sie jetzt ist, wo in Hinsicht *) Dreß hat sich auch bei der, nach der gesetzlich vorgrschriebenen Form vorgcnommenen Wahl des Herrn Stein zum zweiten Rabbinen in Frankfurt gezeigt. auf das Ceremonialgesetz die mannigfaltigsten und seltsamsten Verhaltungsweisen stattsinden, wo dem Einen die Uebertretung eines rabbinischen Gebots für eine Todsünde gilt, dem andern manche talmudische Vorschriften wichtiger als biblische dünken, wahrend die Meisten ohne irgend ein leitendes Princip den socialen Forderungen und dem Beispiele folgen. Durch Aufstellung rationeller Principien in Erklärung der Schrift würde jedenfalls eine größere Einheit und eine consequentere Verhaltungsweise erzielt werden. Und durch welche Mittel glaubt denn Herr Stein der Willkür Grenzen setzen zu können? Doch wol nicht durch Beschränkung der individuellen Gewissensfreiheit vermittelst der christlichen Regierungsbehörden, wie solches der Rabbine in Frankfurt bei dem Vorfälle mit der Beschneidung versucht und ein anderer es auch in Beziehung auf den Sabbat insinuirt hat?*) Bewahre uns der Himmel vor solchen Mitteln zur Aufrechthaltung des Ceremonialgesetzes! Das hieße dem Iudcntbume einen Todesstoß versetzen und die Grundsätze der Gewissensfreiheit verläugnen, auf deren unbeschränkter Anerkennung unsere Hoffnung auf den redlichen Sieg unserer gerechten Sache beruht. Der Ausdruck des Programms: „Der Mofaismus war das Höchste, wozu der denkende Geist sich bei jenen Urvölkern emporfchwingen konnte", kann nur vom hyperorthodoxen Standpunkt aus anstößig erscheinen. Selbst offenbarte Wahrheiten müssen, wenn der menschliche Geist sich nicht zu ihnen zu erheben vermag, mißverstanden und entstellt werden, wie dieß die Geschichte aller Religionen beweist. Andere häretisirende Ausstellungen des Herrn Stein übergehen wir, können jedoch nicht zu bemerken unterlassen, daß es schwer zu beweisen sein möchte, ob Iesaias, wenn er in unfern Zeiten lebte und die jetzigen Zustände und Verhältnisse seiner Glaubensgenossen sähe, zur Erhaltung der Religion nicht für die religiöse Feier eines andern Tages als des Samstags stimmen würde. Es ist wahr, daß der grüßte Theil der jetzigen Generation den Talmud nicht rennt; wäre dies nicht der Fall, man würde es schon längst als eine Nothwendigkeit erkannt haben, sich öffentlich und förn.lich von demselben loszusagen. So ganz unbekannt mir dem Talmud und dem jüdischen Leben, wie Herr Stein glaubt, sind die Freunde der Reform nicht **), und eben *) Ein Herr R. K —m in der Frankfurter Chronik, Monat November 1843. **) Eine Reihe von Aufsätzen über Geist und Tendenz