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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-02-11 · Heft 6 (11.2.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 6 (11.2.1844)
Date
1844-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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43 rer Confessionen verwandter, als ihren Glaubensgenossen fühlend Was sie beim Judenthum erhält, es ist fürwahr keineswegs, wie Herr Stein glaubt, der Gedanke einer großen Gemeinde anzugehören, mit welcher er duldete und litt, noch weniger der Glaube, was sie ihren allzustreng scheinenden Geboten an Gehorsam entzogen, durch möglichst innige Hingebung wieder gut machen zu müssen! es ist das Gefühl der Pietät, der Anhänglichkeit an die, mit denen man groß geworden, und — bei dem Manne von Charakter und Selbstgefühl — die Abneigung, zu einer Religion überzutreten, deren Genossen so feindselige Gesinnungen gegen den Israeliten, gegen den Gebildeten und Achtungswerthen nicht minder als gegen den Gemeinen, in bürgerlichen und socialen Verhältnissen an den Tag legt, so daß der religiöse Uebertritt zugleich eine Trennung von Freunden und Bekannten und ein Uebergang zu Feinden und Gegnern ist. Werden aber diese Motive nicht ihre Kraft verlieren, wenn der innere, religiöse Verband immer lockerer wird, während von der andern Seite bürgerliche Vortheile winkend Werden sie stark genug sein, auch die Heranwachsende Generation beim Judenthum zu erhaltend Was haben nun die neuen Rabbinen bis jetzt zur Ausgleichung und Versöhnung von Lehre, Cultus und Leben, zur Reform der erstem nach den unabweisbaren Forderungen der Zeit, gethand Haben sie die Gebete um die Rückkehr nach Palästina und Herstellung des Tempels mit Opfer- und Priestercultus — was der größere Thcil nicht glaubt und die Gläubigen nicht wünschen — aus dem Gebetbuche entfernt? Haben sie die von den Talmudisten, im Widerspruche mit der Bibel, aus geringfügigen Gründen willkürlich eingesührten, heut zu Tage durch nichts mehr begründeten zweiten Feiertage abgeschafft % Haben sie die von den Rabbinen ohne irgend eine Begründung durch die Schrift, ja gegen den klar ausgesprochenen Sinn derselben ersonnenen Schlachtgefttze und unsinnigen Vorschriften über und hDTlO - Satzungen, die das Leben so sehr erschweren und den Israeliten von andern Confessionen im Leben isoliren, aufgehobend Haben sie das von den Talmudisten so widersinnig bis auf jede Vermischung von Fleisch, Milch und Butter ausgedehnte Verbot: „du sollst nicht kochen ein Zicklein in der Milch seiner Mutter^ beseitigt d Glaubt Hr. Stein daß eine deutsche Predigt mit Chorgesang genüge, um dem weitern Verfall des Judenthums Einhalt zu thund Wir sind weit entfernt, die neuen Rabbinen anzuklagen; wir kennen ihre Stellung, die selbst einem Manne, wie Geiger Fesseln anlegt, ihm alle praktische Reformen unmöglich macht und selbst in seinen theoretischen reformatorischen Bestrebungen nur die halbe Wahrheit zu sagen erlaubt; wir sind über« zeugt, daß viele Rabbinen gleiche Gesinnungen mit uns hegen und es schmerzlich beklagen, dieselben nicht unumwunden aussprechen und ins Leben einführen zu können. Herr Stein meint, man müsse in langsamen Schritten, ohne durchgreifende Veränderungen, vorwärts gehen; aber wird auch die jüngere Generation diesen, höchst problematischen Erfolg geduldig abwarten, und würden Zersplitterung und Indifferenz, oder gar Abfall, nicht immer weiter um sich greifend Aber auch dieses behutsame Fortschreitcn, ja jede, mit dem Rabbinismus nicht im Einklänge stehende Abänderung wird, wie die Erfahrung zur Genüge lehrt, an der talmudischen Partei in der Gemeinde die heftigsten Widersacher finden und von ihnen als ein unberechtigter Eingriff in die positive Lehre, als eine nach gänzlichem Umsturz hinzielende Neuerung dargestcllt werden. Das beweisen die Vorgänge zu Fürth, Breslau, die bei dem Gebetbuche des Hamburger Tempelvereins. Ist der wackere Geiger nicht dadurch, daß man ihn als zweiten Rabbinen anstellte, gänzlich gelähmt, und würde man nicht mehr erzielt haben, wenn derjenige Theil der Gemeinde, der für eine Reform reif ist, sich ohne Rückhalt ausgesprochen und Geiger'n, außer aller Verbindung mit dem Rabbinen Tictin, die Leitung derselben übertragen Hatted Würde der Hamburger Tempelverein nicht Größeres für die Reform des Judenthums gewirkt haben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich von der Autorität des Talmuds loszusagen und Lehre und Cultus in diesem Geiste umzugestaltend Würden die Mitglieder dieses Vereins nicht dadurch ein engeres Band um sich geschlungen, ein lebendigeres religiöses Interesse erregt habend Haben die talmudgläubigen Rabbinen deshalb, daß er aus Rücksicht auf die Altgläubigen, sogar die Messiasgebete zum Theil bcibehielt, weniger geeifert und verketzert, und sah man sich nicht genöthigt, mit ihnen zu polemisiren, während die Lossagung von der Talmudautorität alle Discussion abgeschnitten hatte? Es gibt nur einen Weg, die dringende Reform zu realisiren: die Bildung von Vereinen, welche das, wozu man sich durch sein Leben bereits bekannt, offen und ungescheut aussprechen und mit Hülfe sachkundiger Männer, der Lehre und dem Cultus eine mit ihrer Ueberzeugung übereinstimmende Verfassung geben — und eben

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