Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1844)
- Date
- 1844-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566917--0837-2568550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3» Verordnung bestimmt sogar, daß jüdische Deserteurs unter 20 Jahren entweder ausgeliefert oder — Verbrechern gleich — in ein Correctionshaus geschickt werden. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" war das einzige Blatt, welches bis jetzt die Unbilligkeit, um gelinde zu sprechen, dieser Maßregel gerügt hat. Professor Dr. Skessermann üver den jüdischen Reformverein in Frankfurt. (Fortsetzung von Nr. 4.) Aber auch eine Gefahr, welche in jener Vermischung des Göttlichen und Menschlichen, des Ewigen und Temporären, des Höchsten und Geringfügigen begründet liegt, ist nicht ohne Nealistrung geblieben. Gewöhnt, alle gesetzlichen, bürgerliche wie religiöse, Bestimmungen als aus einer Quelle herrührend zu betrachten, Alles, waS aus Thun und Lassen sich bezieht, in demselben heiligen Buche neben einander stehen zu sehen, verlor der Israelit frühzeitig die Fähigkeit, wenigstens die Geläufigkeit, das Ewiggültige von dem Wandelbaren, das wahrhaft Göttliche von dem Menschlichen, das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu trennen. Der Israelit verlor den Tact, zu unterscheiden, welche gesetzliche Bestimmungen ewig geltend, welche dagegen zugleich mit den verschiedenen Gestaltungen der äußern Verhältnisse des Volks einer nothwendigen Veränderung unterworfen seien. Und was in einer solchen Lage dann nie fehlt, eS ward nur zu häufig das wahrhaft Ewige, das Wesentliche dem Unwesentlichen untergeordnet. Man glaubte durch eine strenge Beobachtung der Cercmonieen die Verabsäumung der Moralgesetze, durch den äußern Schein den Mangel an innerem Gehalt ersetzen zu können. So erscheint uns die Mehrzahl des jüdischen Volkes zur Zeit der Geschichte dcö neuen Testaments. Die lebendige Verehrung des einigen Gottes war zu einem gedankenlosen Tempeldienste, der von dem Gesetze geforderte moralische Lebenswandel zu einer heuchlerischen Wcrkheiligkeit herabgesunken, eine Richtung, von der wir aber schon viel frühere Spuren finden, wenn wir die Strafpredigten des Jesajah und einige Psalmen, z. B. den fünfzigsten, als vollgültige unverwerfliche Zeugen hören. Ganz besonders aber bildete sich diese schiefe Richtung, dieses Hervorheben des Unbedeutenden auf Kosten des Bedeutenden, heraus nach der Zerstörung des Staats und der Zerstreuung der Israeliten unter die übrigen Völker. Religiöser Hochmuth, genährt durch den tief eingewurzelten Glauben, daß der Herrgott im Himmel eigentlich nur für sie da sei, und daneben eine feige Kriecherei gegen die Mächtigem auf Seiten der Juden, der Uebermuth des Siegers und wol auch die höhere Bildung auf der andern Seite hinderten von vorn herein »ine Annäherung zwischen Siegern und Besiegten und es bildete sich eine Kluft, welche durch den starren Religionseifer und die Intoleranz des christlichen Mittelalters immer großer wurde. An eine Amalgamirung der beiden feindlichen Elemente, an eine förmliche Ausnahme der Juden in den innern Staatsverband war unter den erwähnten Umständen nicht zu denken. Indem dadurch den Juden jede Theilnahme an dem Staatsleben, au der Geschichte der Gegenwart, kurz jedes höhere lebendige Interesse abgeschnitten ward, verlor sich der große Haufe in jenes verderbliche unthätige Hinbrüten und Harren auf die Ankunft des Messias, dessen Hauptgeschäft nun freilich eine derbe Züchtigung der Völker sein sollte, unter denen die Juden sich gedrückt fühlten. Erleuchtetere Kopfe unter ihnen, denen die Natur das ewige Gesetz der Thätigkeit tiefer eingcprägt hatte, konnten aber mit der Erwartung der Zukunft allein sich nicht befriedigen, sie suchten einen NahrungSstoff für ihre Thätigkeit, und verfielen da aus Mangel an einem höher» Interesse auf eine detaillirte Verarbeitung jener unwesentlichen Ritualgesetze der mosaischen Lehre. Diese Gesetze, auf deren Erfüllung nun ein unverhältnißmäßig hohes Gewicht gelegt wurde, wurden theilS bis ins Kleinliche hin fixirt, theils durch sophistische Auslegungen vieler Schriftstellen bedeutend vermehrt, rubricirt und in einer Sammlung vereinigt, welche wir unter dem Namen der Misch nah kennen. Aber damit noch nicht zufrieden, ging man in diesen kleinlichen Bestrebungen immer weiter; in den Schulen wurde die Mischnah erläutert, motivirt, durch vorgckommene Rechtsfälle ergänzt, durch Autoritäten belegt u. s. w. Diese Ergänzungen wurden allmälig auch schriftlich ausgezeichnet und gesammelt, und so entstand jenes Ungeheuer, die Gemara genannt, unter allen Auswüchsen des menschlichen Geistes, welche die Culturgeschichte uns vorführt, unstreitig der großartigste. Beide Werke wurden in einander geschoben, so daß zu jedem Abschnitt der Mischnah gleich die zugehörige Gemara gestellt ward, und diese Vereinigung bildet das berühmte Werk, welches den Namen Talmud, d. h. die Lehre, erhielt. ES ist verwunderungswürdig, welcher Aufwand von Scharfsinn in diesem voluminösen Werke verschwendet wird, um die geringfügigsten Zwecke zu erreichen, und man kann kaum eine Seite in diesem Buche lesen, ohne das lebhafteste Bedauern zu empfinden, daß diese zum Theil hochbegabten Geister keinen würdiger» Gegenstand für ihre Thätigkeit gefunden haben. Der Talmud ward nun fast einziger Gegenstand des Unterrichts für die Juden, auf welche natürlich die durchaus verrenkte Philosophie, die darin herrscht, einen nicht minder nachtheiligen