Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1844)
- Date
- 1844-02-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566917--0838-2568551- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 Einfluß auSüben mußte, als die feindselige Stimmung gegen alle andern Volker, iu welcher er abgefaßt ist, und durch welche er als höchste anerkannte Autorität den Völkerhaß sanctionirt. Um von beiden Vorwürfen, die ich dem Talmud hier gemacht habe, eine Probe zu geben, führe ich statt hundert Stellen eine an. Nachdem vorher die Rede davon gewesen, daß die Nähe einer menschlichen Leiche so wie die Berührung eines Grabes den Juden verunreinige, fährt (Baba Mezia 114, 2) die Gemara so fort: »Rabbi Simeon bcn Jochi sagt: die.Gräber der Nicht- Juden (Gojim) verunreinigen nicht; denn es steht geschrieben: ihr seid meine Heerde, die Heerde, die ich weide; ihr seid Menschen.- Wer bis hieher gelesen hat, weiß in der That nicht, wie der angeführte Bibilvers (Ezech. 34, 31) den erwähnten Ausspruch beweisen solle. Damit er das aber thue, wird er nun gleich hinterher in talmudischer Weise interpretirt; demgemäß ist sein Sinn, wie die im Texte folgenden Worte sagen, dieser: »Ihr werdet Menschen genannt, aber die Völker der Welt werden nicht Menschen genannt, sondern Vieh.« Wenn nun jene Worte bei Ezechiel diesen Sinn haben, so folgt daraus,, daß die Leichen der Nicht-Juden keine menschliche Leichen seien, ihre Berührung also den Juden auch nicht verunreinige. In voller Activität, d. h. im Bewußtsein des ganzen Volkes lebt der Talmud heut zu Tage nur noch bei den Juden Rußlands und Polens. Von zartester Jugend an wird der Knabe in die Talmudschule gegeben, in welcher dieses abstruse Werk in einseitiger Weise cxplicirt wird. Jede andere Wissenschaft, jede höhere Kenntniß wird als Besißthum der Christen verachtet und als unheilig verdammt. Bei diesem Studium, verbunden mit der strengsten Beobachtung der Ritualgesetze und mit bedeutenden körperlichen Entbehrungen, indem z. B.7der Jude ein Verdienst darin sucht, sich behufs der Talmudlectüre den nöthigen Schlaf zu versagen, geht begreiflicherweise die Mehrzahl der Schüler geistig und körperlich "zu Grunde, und die Demoralisirung wie die physische Entnervtheit der Juden Rußlands hat wvt zum größten Theil in dieser ganz verkehrten Erziehung ihren Grund. Bleibt nun der so gebildete Israelit in seiner Heimath, so bleibt er in der Regel seinem Talmudglauben treu. Anders aber ist es, wenn, wie es oft geschieht, diese jungen Israeliten nach Deutschland wandern, sich hier längere Zeit aufhalten und mit der europäischen Cultur bekannt werden. Hier sehen sie bald an ihren gebildeteren Glaubensgenossen, daß der Werth des Menschen und das Wesen der Religion nicht davon abhängt, ob man bei dem Gebete die Thephillin so oder so umlegt, ob man den linken oder den rechten Schuh zuerst anzieht, ob man vier oder fünf Ellen weit sich morgens von dem Bette entfernt, bevor man sich gewaschen hat u. s. w. Alle diese Ritualien nach dem Beispiele vieler seiner Glaubensbrüder zu verwerfen wird der Jüngling dann um so geneigter, je beschwerlicher und zeitraubender die strenge Beobachtung derselben ist. Aber dabei bleibt er in der Regel nicht stehen. Ist dieses, denkt er, was mein Lehrer mich gelehrt hat, unnütz, so wirb alles Andere es wol ebenso sein. Und da ihm nie ein Unterschied zwischen den verschiedenen Vorschristen des Gesetzes gemacht worben ist, so wirft er mit dem Aeußerlichen, dem Formellen, auch den Inhalt von sich und wird religiöser Jndifferentist. Sein einziges Princip war die Auctorität des Lehrers: hört diese in vielen Punkten auf, so hört sie in allen auf, und er verliert mit dem Glauben an die Göttlichkeit der Ritualien den Glauben an Göttlichkeit überhaupt. (Schluß folgt.) Die Märtyrer. In Worms, der alten Kaiserstadt, Kannst du noch jetzt erfahren. Was sich dort zugetragen hat Vor vielen, vielen Jahren. Von Israel ein kleiner Theil Lebt' dort in grauen Zeiten, Dem wollten Unglück und Unheil, Die Christen gern bereiten. Vielleicht ein Christ hat er wohl gar Die Hostie durchstochen; »Der Jude that'S, gewiß ist's wahr!« Hat er darauf gesprochen. Auf Israel wälzt man die Schuld, Die nie es hat begangen; Der Tod harrt schon mit Ungeduld Die Armen zu umfangen. Den Sündern schenkt man eine Frist, Den Thäter anzugeben, Und wenn er nicht ermittelt ist, Kost't's allen dann das Leben. »O Gott, o Gott, erhör uns doch, »Zeig uns doch dein Erbarmen; »Man schenket einen Tag uns noch, »Und gibt den Tod uns Armen!« So flehen sie verzweiflungsvoll, Bis zu des Tages Ende; Damit der Herr erretten soll, Und ihnen Beistand sende. Als hätt' der Himmel sie gesand't. Sieh' da! zwei Männer kommen; Bescheiden gingen Hand in Hand, Das Aug' gesenkt, die Frommen. »Die Hostie durchstachen wir,« Hört man darauf sie sprechen, »Man weihe uns dem Tode hier, »Wir übten das Verbrechen". Kaum ist es Tag, kaum graut daS Licht, Da ist der Plebs zufrieden; Das Auge sich im Tode bricht, Der Frommen, die verschieden. Im BethauS in der Kaiserstadt, Da brennen stets zwei Kerzen, Die man dort angezündet hat, Aus dankbar inn'gem Herzen. Da lodern sie, da brennen sie, Seit vielen, vielen Jahren; Doch weiß man nicht, erfährt man nie, Wer jene Frommen waren. Soest. L. H. Lehmann. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.