Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1844)
- Date
- 1844-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Referat in der Judensache ein werthvolles Kunstgeschenk, bestehend in den äußerst gelungenen zwölf Aposteln. Vor einiger Zeit hatte Herr Levi die Freude, ein Antwort- und Dankschreiben von jenem Referenten zu empfangen, das sich auf das herzlichste über die ihm gewordene Anerkennung ausspricht und zugleich meldet, wie der Referent zugleich der Hoffnung lebe, der Landtag von 1843 werde einem reichen Samen gleichen, der treffliche Früchte bringt. Was die Aufhebung des napolconkschen Ediktes von 1808 betrifft, so stellt der Landtagsabschied in Aussicht, die Erklärungen des rheinischen Landtages würden bei den obschwebcnden legislativen Berathnngen über die Juden in Erwägung gezogen werden. Hoffen wir, daß diese Erwägung zu dem freundlichen Ziele gelange, das die Rheinprovinz durch den Mund ihrer Vertreter so laut und bestimmt ausgesprochen hat. Leipzig. (Grenzbote.) Man kann nicht sagen, daß es unserer Zeitungspresse an Einigkeit und Einheit fehlt; in gewissen Punkten wenigstens, in gewissen Vorurthcilcn und Schwächen sind sie wunderbar einmüthig; zum Beispiel in der Parteilichkeit gegen die Juden. Es geht so weit, daß manche Blätter den Judenhaß für eine nationale Tugend zu halten scheinen; und daß nur solche Organe, die als Ketzer am wahren und reinen Deutschthum verrufen sind, wie die selige „Rheinische«, die „Mannheimer Abendzeitung", die „Königsberger Zeitung" hierin eine großmüthige Ausnahme machen. In der That ist der Judenhaß eine nationale Eigenschaft, das heißt, eine charakteristische nationale Schwäche, ein Zeichen des Mangels an National-Kraft und Bewußtsein. Eine große und innerlich starke Nation hält es unter ihrer Würde, eine Minorität im Volke, die weder als Stand, noch als Secte einen politischen oder socialen Einfluß übt, bei jeder Gelegenheit anzufeinden, zu verdächtigen und mit forciriem Witz zu bespötteln. Frankreich und England würden sich schämen, mit einer solchen Polemik hrrvorzutrrten, sei es, weil sie die Juden bürgerlich glcichstellcn, sei es, weil sie dieselben als eine gastlich aufgenommene Schaar von Fremdlingen ansehen; die französische wie die englische Presse hat sich überhaupt um wichtigere Angelegenheiten zu kümmern. In Deutschland ist dies anders. Ein feiger Pöbel, wenn er einmal cmeutirt, fängt damit an, daß er am Judenquartier sein Müthchen kühlt und seinen kleinen Muth übt; der große kuror teutonicus von 1619 hat auch seine Marsellaise hinterlassen, das berühmte „Hepp hepp", welches damals durch ganz Deutschland scholl. Ebenso — ohne sic etwa mit dem Pöbel vergleichen zu wollen — haben unsere großen Zeitungen, die mit so zarten, sammetpfotigen Rücksichten äußere und innere Feinde bestreicheln, nur gegen die Juben den Muth rücksichtslos zu sein. Die verhaltene Kraft will sich doch an etwas auslasscn, das überschüssige elektrische Nationalfeuer muß einen Ableiter haben. Dies ist keine leere Deklamation. Ich will aus der jüngsten Zeit ein paar Beispiele jener Parteilichkeit anführen. In London hatte die Negierung, das heißt, das jetzige Tvrpministerium, die Citywahl aus einen Sonnabend verlegt, in der Hoffnung, dadurch die zahlreichen jüdischen Wähler in der City in der Wahl auszuschließcn. Indessen war die Berechnung trügerisch gewesen, die Juden hatten doch ^gewählt. Hallo! ein gefundenes Fressen für alle deutsche Zeitungen und Zoitungsschreiber; die Juden haben etwas gethan, ob etwas Gutes, Schlechtes oder Gleichgültiges, gleichviel, sie haben sich gerührt, her darüber. Ob cs für Deutschland so wichtig war, oder nicht, um Riescnspaltcn voll darüber zu plaudern, gleichviel. Was für unglückliche Witze, was für ncrgcliche Anspielungen, was für orientalische Bilder über Jerusalem, Rothschild und das goldene Kalb tischten unsere großen und kleinen Journale auf. Was für weithergeholte Gründe, wurden dem Verfahren der Juden untergeschoben! Hätten sie nicht gewählt, so wäre über ihren engherzigen Cultus, ihre Unfähigkeit, politische Rechte zu genießen, raisonnirt werden; da sie wählten, so mußten Eigennutz und Jntriguensucht sogar die Macht ihrer Glaubenssätze übcrwiegen. Lächerlich, unglaublich, unsinnig. Nichts war einfacher, als der Hergang von beiden Seiten. Das Toryministerum suchte , die Juden von der Wahl auszuschließcn, nicht um ihnen als Juden ein politisches Recht zu verkümmern, sondern weil cs überzeugt war, daß sie eine Majorität zu Gunsten des Whigcandidaten bilden würden. Solche Manövers, bei denen jedes Mittel gut ist, werden gegen jede Corporation versucht. Und die Juden wählten, weil sie darin keine Verletzung ihres Cultus sahen; und sic wählten einen Whig aus dem einfachen Grunde, daß ihre Sympathien whiggistisch sind. — Ein anderes Beispiel. In Russisch-Polen sind die Juden durch einen kaiserlichen Ukas persönlich militärpflichtig geworden. In Folge davon desertirten Viele über die preußische Grenze, oder verstümmeln sich oder lassen sich taufen. Keine einzige Zeitung meldet diese Thatsache ohne kleine Seitenbemerkungen über die jüdische Waffcnscheu, über die jüdische Unlust zu körperlichen Anstrengungen. Ihr vergeht aber, daß eö sich hier spcciell um den russischen Waffendienst handelt, dessen Schrecken Ihr selbst oft genug ausgemalt habt; Ihr vergeht, daß die preußische Grenz. Provinz von polnischen, litthauischen und russischen Deserteurs wimmelt, welche Christen sind. Was diesen Unglücklichen unerträglich dünkte, muß dies den Juden bei der barbarischen Intoleranz der Russen, nicht doppelt schrecklich sein? Eine preußische