Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-02-04 · Heft 5 (4.2.1844) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 5 (4.2.1844)
Date
1844-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566917--0833-2568546
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

35 rungen und beständigen Lockungen des Lebens und der Geselligkeit weichen; selbst dem schlichten Verstände des Laien wollte es nicht länger einleuchten, daß dem Israeliten zur Sünde angerechnct werden könne, was allen andern Menschen erlaubt sei, daß er Verbote zu beobachten habe, die in den Augen der vorzüglichsten und edelsten Menschen nur lächerlich erscheinen. Ebensowenig konnten mit der Verbreitung regelmäßiger Gewerbsthätigkeit, mit der Zunahme des Reisens die bis zum Aberwitz ausgedehnten rabbinischen Sabbatvorschriften sich behaupten und selbst die Enthaltung von Geschäften ohne großen Nachtheil nicht beobachtet werden. Indem nun dazu die totale Umgestaltung des Jugcndunterrichts sich gesellte und der Talmud aus demselben verbannt wurde, mußte das talmudisch-rabbinische Judcnthum nothwendig in schnellen Verfall geralhen. Da aber den rabbinischen Juden jeder, der einige talmudische Satzungen übertrat, als ein Sünder und Verbrecher galt, die Rabbinen, blind für Alles, was sich um sie her begab, fortfuhren, gegen jede Neuerung zu eifern und das Judenrhum in seiner herkömmlichen Gestalt erhalten wollten, so mußre nothwendig erfolgen, was wir jetzt beklagen: ein großer Theil der Heranwachsenden Generation entfremdete sich einer Glaubensform, der sie thatfächlich nicht mehr angehörten und wurde indifferent. Hatten die Rabbinen damals ihre Stellung begriffen und zu einer so dringend gewordenen Reform die Hand geboren, so wäre cs möglich gewesen, die Gebildeten für die väterliche Religion in einer zeitgemäßeren Gestalt zu begeistern und derselben in ihnen eifrige Anhänger zu gewinnen. Als sie aber sahen, daß Lehre und Cultus starr und unbeweglich in der todten Form sich fortschleppten, da mußte der Gedanke immer mehr Raum gewinnen, es sei von dem Iudcnthume nichts zu hoffen und man müsse cs seinem Schicksale überlassen. (Schluß folgt.) Geschichte -es Dages. Stadt-Lengöfeld. Die Nedaction dieser Blätter sieht ^ich veranlaßt, über ihre Stellung zu dem Vereine der jüdischen Mform-Freunde in Frankfurt a. M. folgende Erklärung abzugeben: Wenn es in dem zweiten Rundschreiben des gedachten Vereins (abgcdruckt in Nr. 2 dieser Blätter) heißt, daß man sich bewogen gesunden, aus ein Organ bedacht zu sein, welches nicht nur von dem Fortgange des Unternehmens regelmäßige Kunde geben, sondern sich auch dessen freimüthige und gründliche Besprechung, wie die Entwickelung der Couscquenzen angelegen sein lassen werde,, und daß wir uns bereit erklärt haben, hiezu diese Wochenschrift zu bestimmen, und wenn hierauf öffentlich dieselbe als das Organ des Reform-Vereins bezeichnet worden ist, so darf damit keineswegs der Sinn vrrbundcn werden, als ob wir uns verpflichtet, AAes und Aedes, was der Verein bisher gethan, oder noch thun werde, gut zu heißen. Zu einer solchen Verpflichtung würden wir uns nimmermehr verstanden haben, zu einem solchen blinden Organ würden wir unser Blatt um keinen Preis der Welt hergegebcn haben, eine solche unselbstständige, willenslose Vertretung hat aber auch der Verein selbst nicht im Entferntesten von uns verlangt, wie er gleich weit entfernt ist, sich das Prädikat der Jnsallibilität beizulegen; daher er auch in Verbindung mit uns trat, obgleich wir schon in Nr. 48 des vorigen Jahrgangs erklärt, daß Manches, was da von ihm geschehen, unsre Billigung nicht habe. Letzteres konnte und durste aber uns wiederum nicht abhalten'"), für das wahre Wesen des Vereins für seinen innersten Kern, für seinen eigentlichen Brenn- und Lebenspunkt in die Schranke zu treten. Dieser ist aber, wie wir bereits gezeigt, nichts Anderes, als das hohe und heilige Bcdürfniß, welches alle diejenigen, die sich durch ihr Leben längst von den Glaubensmeinungen und Satzungen des starren Rabbinismuö loSgesagt, haben müssen, sich darüber förmlich und öffentlich aussprechen, damit sie endlich aus ihrer schwankenden, zweideutigen Stellung, in welcher sie sich deßhalb ihren streng hyperorthodoxcn Glaubensbrüdcrn, wie ihren christlichen Mitbürgern gegenüber befanden, heraustretcn, damit dem, was bisher scheinbar nur ein zufälliges, empirisches Dasein hatte, ein rechtlicher ideeller Boden zugegeben werde, damit, mit einem Worte, das vor Allem Noth that, sich bilde: eine wirkliche, wahrhafte Glaubensgcmeinde, welcher alle Gleichgesinnten sich anschließen könnten, ohne deßhalb auszuhören Glieder der gesammten ReligionSgemeinde Israels zu sein, ja dieser noch im höher» Sinne angehören. So angesehen und gewürdigt, — und anders kann er von einem gesunden sittlichen Sinn nicht betrachtet werden — muß der Rcformverein nach und nach die stillen und öffentlichen Sympathien Aller derer erlangen, die mit einer Hellen Glaubensansicht auch den Murh einer solchen, den Ernst einer wahren, einer ächtrcligiöscn Uebcrzeugnng verbinden; und hievon anSgegangen haben wir freudig dem Zwecke desselben, seiner sittlich-hohen Bedeutung, >;) Wo Härte sich auch dem was von Menschen anSgegangen, und wäre eö auch dem Wesen nach noch so groß, noch so erhaben, noch so erfolg- und segensreich gewesen, nicht Zufälliges, SubjectiveS, JndivikuelleS überhaupt Menschliches beigcmifcht? Wir erinnern nur au die größte» Ereignisse der neuern Zeit, an die Reformation und die französische Revoluiion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.