Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1844)
- Date
- 1844-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 entsprechen. Besonders hoffen wir aufrichtige und sachkundige Religionslehrer durch diese Erklärung zu überzeugen, daß die Wahrheit in Israel eine Gemeinde habe. Möge denselben die Gelegenheit und die Unabhängigkeit nicht fehlen, dasjenige, was in der That den Kern ihrer Bestrebungen bezeichnet, immer offener herauszustellen und den religiösen Standpunkt wahrheitliebender Laien mit dem ganzen Gewicht ihrer Gründe, mit der ganzen Weihe ihrer Stellung zu unterstützen — eine Wirksamkeit, der dieselben sich bisher kaum annähernd hingebcn konnten;" (Programm) und ferner: „diejenigen Theologen aber, welche ernstlich geneigt sind, mit der fortgeschrittenen Bildung und Einsicht gleichen Schritt zu halten, haben noch nicht jene Stellung, die nur der ausgesprochene Wille einer großen Anzahl von Israeliten ihnen begründen kann." (Circular.) — Alles, was nun Hr. Stein gegen die Tendenz, bürgerliche Vortheile zu erlangen, gegen die angeblich bloß destructiven Zwecke des Vereins, gegen die Berechtigung von Laien zu religiösen Reformen einwendet, fällt somit weg und wir können nicht begreifen, wie Hr. Stein, nachdem er Programm und Circular gelesen, dem Verein Zwecke unterlegen konnte, die derselbe ausdrücklich von sich ablehnte. Der klar ausgesprochene Zweck des Vereins ist kein anderer, als: „die Stellung, welche viele Israeliten schon „längst innerhalb ihrer Religion angenommen haben, „auch nach außen hin in deutlicher Grenze zu bezeichnen." (Programm.) Und ferner: „Proselyten zu machen suchen „wir nicht, natürlich nicht bei andern Confessionen, aber „auch nicht bei unfern Glaubensgenossen; wir lassen ei- „nem Jeden ungestört seinen Standpunkt und seine Glau- „bensansicht. Nur die Gleichgesinnten mögen sich er- „kennen und zusammentreten, um durch ihre Gemeinschaft „eine Autorität zu begründen, welche nicht nur an sich „schon hinreicht, dem Talmudismus das vage Recht „eines allgemeinen Gebrauchs förmlich zu entziehen, „sondern welche die Wirkung haben muß, daß auch unsere „Glaubensansicht nicht länger verketzert und mit heterogenen „Elementen vermischt, die vielmehr nach innen und außen „in ihrer Wahrheit und vollen Reinheit vertreten werde." Aus dem ganzen Raisonnement des Herrn Stein geht hervor, daß er den thatsächlichen Zustand der religiösen Verhältnisse nicht richtig erfaßt hat oder sich und andern verhüllen will. Das Ceremonialgefttz hatte durch die Anwendung desselben auf Verhältnisse, für welche es nicht gegeben war und auch großentheils (wie das ganze Opfer- und Priesterwesen rc. rc.) aufhören mußte, und durch die unsinnige Deutung und Ausdehnung durch die Talmudisten und spätern Rabbinen eine Gestalt angenommen, die früher oder später seinen Verfall herbeiführen mußte. Nur bei einer gänzlichen Abwesenheit aller wissenschaftlichen Bildung und Erkenntniß konnte eine solche Verdrehung und Mißdeutung der heiligen Schrift, wie sie die Talmudisten übten, entstehen und sich Geltung verschaffen; nur bei einer gänzlichen Jsolirung von andern Völkern, die die mosaische Verfassung für das ein eignes Land bewohnende Volk und in Beziehung auf abgöttische Völkerschaften bezweckte, welche aber die Talmudisten unter den sich immer weiter unter andere Völker zerstreuenden Israeliten nicht nur erhalten, sondern noch erweitern wollten — wobei sie wol auch von der Hoffnung auf die Rückkehr nach Palästina geleitet wurden — nur unter solchen Zustanden war es möglich, allen jenen zahllosen Gebrauchen Eingang zu verschaffen, die der rabbinische Israelit täglich, von dem Moment seines Erwachens bis zu Ende des Tages zu beobachten hat; nur dadurch, daß der Talmud nicht bloß das ausschließliche Studium der Rabbinen wurde, sondern auch den ganzen Inhalt des Unterrichts, den man jedem Knaben vom frühesten Alter an ertheilte, und der sogar das Erlernen der hebräischen Sprache verdrängte, ausmachte, konnte er sein Ansehen und seinen Einfluß behaupten. Als nun durch den von Mendelsohn und einigen andern ausgezeichneten Männern gegebenen Anstoß der Trieb nach wissenschaftlicher Bildung in mehreren jungen Männern erwachte und sie anfingen, mit der Begeisterung der Neuheit sich auf linguistische und philosophische Studien zu werfen und die heiligen Schriften mit Sprachkcnntniß und kritischem Geiste zu studieren, da mußte nicht nur die wunderliche talmudische Exegese und Casuistik mit dem darauf gegründeten Gebäude von Satzungen, wie ein Dunstgebilde vor dem hellstrahlenden Sonnenlichte, verschwinden, sondern das ganze mosaische Ceremonialgefttz in einem andern Gesichtspunkte crscheinen. Gleichzeitig mit dieser Veränderung in der Lehre griff eine noch rascher und allgemeiner wirkende Umgestaltung des Lebens ein. Eine humanere Gesetzgebung öffnete den Israeliten den Eintritt in die ihm bisher verschlossene Kreise bürgerlicher Thätigkvt und menschlichen Strebens, und regelmäßiger Handel und Gewerbe erzeugten immer ausgedehntere Verbindungen mit den christlichen Confessionen. Da mußten dann die absonderndm Satzungen den gebieterischen Forde-