Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-01-21 · Heft 3 (21.1.1844) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 3 (21.1.1844)
Date
1844-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566915--0819-2568530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

23 gegen zu kommen, gethan worden. Leider gingen diese Schritte von einzelnen Partheien und nicht von der Gesammtheit aus, und haben Daher noch keinen erfreulichen Erfolg gehabt. Zuerst hielt am Sabbat Cahare Mot der vr. Hirschfeld, Rabbine zu Wöllstein, Schwiegersohn des hiesigen Nabbinen, einen deutschen Vortrag in der großen Synagoge. Da dies der erste deutsche Vortrag in Posen war, so mußte der Zulauf ungeheuer sein, und Gewaltmittel angewcndet werden, um den Redner selbst vor dem Andrange zu schützen. Derselbe Rabbine hielt den folgenden Sabbat noch einen Vortrag, ohne daß sich besondere Folgen gezeigt hätten. Dagegen erregten die Vorträge Salomo Pleßners, der bald darauf Posen besuchte, einen nie geahnten Enthusiasmus, und bald war eine Gesellschaft zusammengetreten, welche Pleßner'n bewog, Berlin zu verlassen und feinen Aufenthalt in Posen zu nehmen. Pleßner, der keine feste Stellung in Berlin hatte, nahm den Vorschlag an, und zog kurz vor Rosch Haschana mit seiner Familie hier ein. Nun traten aber besondere Hindernisse der gehofften Wirksamkeit Pleßners entgegen. Der damalige Vorsteher, Herr Nosenthal, glaubte im Sinne der Bessergesinnten zu handeln, wenn er sich des ihm zustehenden Rechtes bediente, und Pleßner zu predigen untersagte, bis er von der Gemeinde angestellt sei, und es konnten keine Reclamationen bei dem Oberpräsidium den Beschluß des Vorstandes rückgängig machen. Daß eine solche Enttäuschung auf Pleßner'n den schmerzlichsten Eindruck machen mußte, ist wol denkbar, und es konnte kaum die Hoffnung auf den bald neu zu wählenden Vorstand ihn zum Verweilen in Posen bewegen. Nachdem aber der jetzt gewählte, obgleich erst mit dem andern Jahre in Funktion tretende Vorstand, bestehend aus den Herren I. Veil, Jacobi und Wefchelssohn, auch zweideutige Gesinnungen in Beziehung auf eine feste Anstellung Pleßners äußert, steht es wohl nahe zu erwarten, daß derselbe mit Nächstem wieder nach Berlin zurückkehren werde. Bei aller Achtung, die man vor Pleßners persönlichem Charakter haben muß, kann man doch nicht umhin, es auszusprechen, daß dem in so freudigem Fortschritte begriffenen Herzogthum Posen die Wirksamkeit Pleßners höchst nachtheilig gewesen wäre. Man kennt die Richtung Pleßners aus seinen Predigten; noch extravagantere, zuweilen bis an das Unsinnige streifende Ansichten werden in den mündlichen Vorträgen, und in seinen Privatunterhaltungen geäußert. In Berlin, dem Centralpunkte der Bildung und der Wissenschaft mußte er sich fast unwillkürlich in gewisser Weise mäßigen, und sein Einfluß überhaupt paralysirt werden; in Posen aber, wo die Ungeheuer des alten Fanatismus, des traumhaften Aberglaubens, der finstern Orthodoxie nur tn leisen Schlummer gewiegt sind, war, wenn es Pleßner'n gelang, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen, ein höchst gefährlicher Rückfall zu befürchten. Noch ist nicht entschieden, waö er beginnen wird; wie es heißt, sollen schon in Berlin Anstalten zu seiner Wiederaufnahme getroffen werden. Frankfurt a. M. Der neue Rabbine, L. Stein, ist trotz allen Bemühungen und Umtrieben unserer Ultraorthodoxen (denn auch unsere Orthodoxen haben ihre Moderato'S, welche sogar die bei weitem größere Majorität unter ihnen bilden und mit der von dem Gemeindevorstand getroffenen Wahl einverstanden sind) vom Senate bestätigt worden. Man hatte die wunderlichsten und, wie es sich fast von selbst versteht, lächerlichsten und kindischsten Mittel nicht unversucht gelassen, um dem neuen Nabbinen allerlei Hindernisse in den Weg zu legen, ihn als Ketzer zu verschreien, als Neologen zu verdächtigen re. Unter den mancherlei spaßhaften Originalanecdoten, die sich bei dieser Veranlassung zutrugen, will ich Ihnen ex raultis una nur folgende mittheilen: Tie HH. W., X. und I. lassen sich bei dem Senator Z. melden, um ihn dringendst zu bitten, er möchte doch ja im Senate feinen ganzen Einfluß geltend machen, um die Bestätigung Steins zu hintertreiben. Ter für den besten Redner unter den comparirenden Herren geltende W. führt das Wort, wird aber nach einiger Zeit vom Senator mit der relevanten Frage unterbrochen, welche Gründe denn die Herrn für ihr Gesuch vorzubringen hätten, um solche durch seine, des Senators, Vermittelung im Senate geltend zu machen. „Gründe?" wiederholt Hr. W. verlegen lächelnd, „ja nun, diesen Punkt stellen wir Ihrer weisen Ansicht anheim!" — „Dann," versetzte der Senator, „geht meine Ansicht dahin, daß Sie, meine Herren, nicht geeignet sind, Ihre Ansichten bei dieser Frage geltend zu machen." Damit erhielten die Herren die verhängnißvotte Verbeugung und waren — entlassen. Uebrigens werden aus die Person des Angestellten allerlei schlechte Witze gemacht. So nennen ihn seine Gegner „ein Stein des Anstoßes" (rpj pky> — dagegen wird er von den Andern: nT!&* pjs* , ^*£77 px, der „Grundstein" (zur neuen Synagoge), der „Stein der Hülfe" genannt. Wir aber wollen, weil denn doch einmal der Witz auf diesen Namen im Zuge ist, mit dem Psalmisten auSrufen: nrvn , C':cn ffiwa P" "der Stein, den die Bauherrn*) verschmähten, er ist zum Eckstein worden! Vielleicht interessirt es Ihre Leser über den mystischen Entstehungsgrund des Reform-Vereins (rfrüpn 2J? *TC) etwas zu erfahren. Wer sollte aber diesen besser anzugeben ver- *) Die Rabbinen legen sich bekanntlich den Namen „Bauherren" zu; 732 *npn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.