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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-01-21 · Heft 3 (21.1.1844) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 3 (21.1.1844)
Date
1844-01-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SS für ein Rabbürat überhaupt, und für bas hiesige insbesonbere, noch nicht bewährt hat; und daß die hiesige Gemeinde es ihrer Vergangenheit nicht weniger als ihrer Zukunft schuldig ist, nur einen der Coryphäen der heutigen Rabbinenwelt an ihrer Spitze zu sehen. Dagegen zum Nabbinatsassessor und bloßen Collegen der sehr chrenwerthcn Hrn. Oettinger und Nosenstein, durch die bas hiesige Rabbinat bis jetzt „verwest" wurde, dünkt uns Herr vr. Sachs, »der gebildete Kenner des klassischen Alterthums, der Freund Varnhagens", wie es neulich in einem Blatte von ihm hieß, wahrlich noch zu gut, zumal er in diesem Collegium nur die untergeordnetere Stellung, sowol nach der Anciennetät, als nach den Prätensionen jener Herrn cinuehmen müßte. Nicht zu erwähnen, daß das hiesige Obcr-Nabbinat nach wie vor unbesetzt bliebe, daß wir ein Collegium von lauter „Beisitzern" hätten, und baß die Cultusrrsormen, die Herr vr. S. möglicherweise cinführen möchte, im Fall eines Widerstandes jener College», keine Unterstützung von Seiten der Behörde zu erwarten hätten, da diese gesetzlich einen Rabbinatsaffessor nicht einmal zu bestätigen befugt ist. *) Wir sind überzeugt, daß schon diese Gründe hinreichend gewesen sein werden, um den Vorstand von seinem Vorhaben abzubringen, und wir wollen nur mit einem Worte an- Leutcn, wie außerdem von einem höheren Standpunkte aus noch manches andere Bedenken aus der theologischen Richtung, der Herr vr. S. zugcthan ist, gegen seine Anstellung hierher ge-- nvmmen werden dürste. Herr vr. S. hat weniger durch Schriften, als durchseine praktische Wirksamkeit sich zu derjenigen Richtung bekannt, deren Tendenz nicht sowol auf eine innerliche geistige Regeneration des Judenthums als vielmehr auf eine äußerliche formelle Restauration der unwirksam gewordnen ceremoniellen Institute ausgrht. Es ist dies eine Richtung, die insofern auch eure moderne genannt zu werden verdient, als sie aus dem Bewußtsein des Widerspruchs zwischen der veralteten, abgestorbenen, religiösen Form und dem Geiste der Gegenwart hervorgegangen ist, die aber aus Mangel an Energie und freier Kritik ihre indolente Pietät gegen das Todte dadurch zu beschönigen sucht, daß sie demselben einen cigenthümlichcn, willkürlichen Gedanken, eine Scheinseele einhaucht, und dann die schwachen erzwungenen Zuckungen ihreeigenen Gebildes für ein uraltes, kräftiges LrbenSprincip ausschreit. Diesen Bestrebungen fehlt der höhere Gesichtspunkt ganz und gar; sie klammern sich an die Erscheinung und *) Ein anderes Schreiben aus Berlin hält die Aufnahme eines Predigers ohne die Eigenschaft eines Rabbinatsassessors für das Angemessenste und will die Cultusreformen vom Vorstande. zu welchem die Assessoren als Sachverständige zu ziehen, ausgeführt wissen. Red. gehen in ihr unter. Man mag das Ceremoniell vergeistigen und philosophisch auffassen so viel man will; es wird nie von einem wahrhaft frischen, erhebenden Lebensathem durchweht sein, wenn man apologetisch von der bestehenden wenn auch zerfallenen Form ausgeht, und den Gedanken in einzelnen Splittern hineinkünstelt, und nicht vielmehr mit der einigen allgemeinen Idee beginnt und diese frei und schöpferisch ihre Formen bilden läßt. Man thut dann im Grunde nichts mehr als das Morsche und Alte aufputzen, und ihm eine schimmernde, dem Geschmack des Tages huldigende Aprctur geben, um die Brüche und Schäden noch eine Zeit lang zu verdecken. Hier wäre aber diese Richtung gefährlicher als irgend anderswo; man weiß, wie sehr der größte Theil der Gemeinde sich allen religiösen Aeußcrlichkeiten entfremdet, wie sehr er im häuslichen und öffentlichen Leben den fremden Ueberzug der Observanz abgcstreist hat; träte diesen Leuten nun daS Ceremoniell in seinem polirten Glanz entgegen, so würden sie es sicherlich für etwas grundneurs und treffliches ansehcn, und sich ihm ohne Ueberzcugung und ohne Bewußtsein in die Arme werfen. Der gute Ton dürfte sich dieser Sympathien für die Form und die Förmlichkeit nur freundlich annehmen, und es wäre der erste Schritt zu einem jüdischen Pietismus, zu einer Werkhciligkeit und frömmelnden Augcndreherei gcthan, die das Judcnthum gottlob bis jetzt nicht kannte. Darum keinen Apostel der Restauration, keine Philosophen der Erscheinung! Jcmehr rednerische Kraft, jemehr Salbung und jcmehr persönlicher Einfluß diesen zu Gebote steht, desto gefährlicher drohen sie zu sein; und sind sie es nicht für die Männer, so sind sie cs für die Frauen, für die Jugend, deren Gemüthsanlagen den Eindrücken einer energielosen, weichlichen und ascctischcn, den Kern des Geistes zernagenden Werksrömmigkeit so leicht ausgesetzt sind. Es ist übrigens ein seltsames Zusammentreffen, und vielleicht eine unbewußte Concession an den Geschmack des Tages, daß, während man die Repräsentanten der Reaktion in allen Zweigen der Wissenschaft und Literatur zum Zusammenwirken hier beruft, während Schclling, Stahl, Huber u. a. die politische und philosophische Apostasie von den Kathedern zu verkünden berufen sind, gleichzeitig auch der jüdische Vorstand ein reaktionäres Gelüste bekommt und einem Vertreter der modernen Orthodoxie scheinbar eine unbedeutende Würde, im Grunde aber daö Heft der geistlichen Herrschaft einräumen will. Ucbcr den weitern Gang dieser Angelegenheit wollen wir zur Zeit ausführlich berichten. Posen, December. Die allgemeine Sehnsucht nach dem belehrenden Worte in der Synagoge hat sich auch in der hiesigen Gemeinde immer stärker geäußert, und es sind in der letzten Zeit verschiedenartige Schritte, um diesem so gerechten Wunsche ent-

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