Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1844)
- Date
- 1844-01-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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15 gramm und Erklärung. Wir glaubten einige Zeit hingehen lassen und die Wirkung abwarten zu müssen, welche unser Auftreten haben würde, und sind nun im Stande hierüber zu berichten. Zuvörderst konnte eS uns nicht befremden, uns angegriffen und verdächtigt zu sehn, und eben so wenig konnte es auffallen, daß man sich dazu unwürdiger Mittel und Werkzeuge bediente. Wir hatten gewagt, der Schlange auf den Kopf zu treten, und mußten erwarten, daß sie Gift spritzen werde. Auch die Glaubens-Einfalt und der Glaubens-Eiser fühlten sich herausgesordert, und verketzerten zum Ruhme Gottes und zum Heile der Seelen. Seltsam genug berichteten öffentliche Blätter von hier aus fast täglich, das Unternehmen sei in der Geburt erstickt, aus Mangel an Theilnahme verschieden und dergleichen mehr, während es seinen ruhigen Fortgang hatte, und allgemeines Interesse erregte. „Wer da bauet an den Gassen, muß die Leute reden lassen," sagt ein altes Sprichwort; das von uns begonnene Werk lag frei vor Mer Augen, wir hatten es der öffentlichen Beurtheilung unterstellt, und mußten uns diese gefallen lassen, mit der Einschränkung jedoch, aus der einen wolgemeinten Nutzen zu ziehen, und unö um die andere nicht zu kümmern. Die vielen Ausfälle, Schmähungen, Aufforderungen re., welche manche Zeitungen unausgesetzt brachten, haben wir unerwidert und unbeachtet gelassen, und den persönlich Angegriffenen die Selbstvertheidigung anheimgestellt; diesem Vorsätze werden wir auch in der Folge treu bleiben, und „die Leute reden lassen". Dagegen sind uns von wohlmeinenden, unbefangnen und stimmberechtigten Männern Bedenken geäußert und Einwürse gemacht worden, welchen zu begegnen wir als Pflicht betrachten, und die wir hier in Kürze zusammen fassen wollen. Ter erste Einwurf ist gegen unsre Persönlichkeit und Stellung im Leben gerichtet; man fragt nämlich, woher uns Nichttheologen der Beruf zur Reform des Iudenthums komme? Damit steht der Vorwurf im Zusammenhänge, daß wir negirten, ohne zu affirmiren, daß wir einreißen wollten, ohne aufzubauen, daß wir erschütterten, ohne wieder zu befestigen. Dieser Einwand beruht jedoch auf einer irrigen Auffassung der Ausgabe, welche wir uns stellten. Uns ist es allein darum zu thun, die unläugbare Thatsache zur Offenkundigkeit zu bringen, daß ein großer, um nicht zu sagen, der größere Theil unsrer Glaubensgenossen, zum wenigsten in Deutschland, unsre Ansichten über Talmud und MessiaS theilen und ihre Lebensweise demgemäß einrichten. Deßhalb ist unsre Aufforderung zum Beitritte nur an Gleichgesinnte gerichtet gewesen, deshalb erklärten wir von vorn herein, keine Proselyten machen, keine neue Sekte im Judenthum bilden zu wollen. Man braucht aber nicht Theologe zu sein, um Zeugniß zu geben über eine Thatsache, und um andere aufzufordern ein Gleiches zu thun; mau braucht nicht Theologe zu sein, um einzusehn, daß es immer gut ist, wenn die Wahrheit an den Tag kommt, und daß man seinem Vaterlande die Wahrheit schuldig ist. Wir werben nicht, wir protestiren nicht, wir bezeugen, und wünschen, daß Alle diejenigen sich uns anschließen, welche es in ihrem Gewissen können; wir geben und fordern kein Glaubensbekenntniß, nur eine Erklärung. Auch über die Folgen dieses Zeugnisses konnten wir uns nicht täuschen, am wenigsten über die nach Junen, und gerade deshalb glaubten wir unS zu einem Anderen und Weiteren nicht berufen. Die Lücke nämlich, welche durch das Hinwegfallen des Talmuds in der äußeren Erscheinung des Judcnihums als einer kirchlichen Gemeinheit entstanden ist, eine Lücke, die wir nicht veranlaßt, sondern nur bezeugt haben, müssen wir andern auszugleichen überlassen, welche durch Studien und Beruf sich dazu besser als wir eignen. Und glücklicherweise fehlt es in Deutschland nicht an jüdischen Theologen, die klar im Denken, ernst im Forschen, tüchtig im Handle«, mit sorgsamer Hand neues Leben auf den Ruinen erblühen zu machen im Stande sein werden, wie sie auch schon theilweise mit Erfolg versucht haben. Ist erst unsre Aufgabe gelost, haben sich die Gleichgesinnten in allen deutschen Landen geschaart, dann werden größere Kräfte als die sind, über welche wir verfügen, das begonnene Werk fort und zu Ende führen. Davon durchdringe sich jeder, der denkt wie wir, daß, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen, es nur Eines bedarf: die Wahrheit erkennen zu machen, — uno daß wir jenen wesentlich fördern, wenn wir von dieser Zeugniß geben. Wer den thcilweisen inneren Verfall eines alten Gebäudes durch äußere Uebertünchung zu verdecken sucht, führt solches dem gänzlichen Verfalle entgegen, während das Aufdccken und Ausbessern der schadhaften Theilc dessen Fortbestand sichert. Wir begegnen nun zweien sich kreuzenden Einwürfen: daß nemlich unsre Erklärung zu weit, und anderseits daß sie nicht weit genug gehe. In so fern dieselben mit den schon besprochenen zusammen fallen, können wir sie unberührt lassen, und haben sie nur aus den ihnen eigenen Gesichispunkren zu betrachten. Wie im Aeußern sind auch im Innern nicht zwei Menschen einander gleich; nicht zwei Menschen denken, fühlen und glauben ganz dasselbe. Die Erklärung mußte so gefaßt sein, daß sich da> rüber, worauf eö zunächst ankam, jeder aussprechen konnte, ohne dadurch der Wahrheit und seinem Gewissen Zwang anzuthun. War aus diesem Grunde die Möglichkeit einer nicht beschränkten Fortbildung in der mosaischen Religion voranzustellen, so ergiebt doch schon der Wortlaut, daß die eigentliche Grundlage beide.