Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1844)
- Date
- 1844-01-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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16 halten und nicht hinweggeräumt, daß nicht mit der Schale auch der Kern weggeworfen werden dürfe, da eine Fortbildung, wenn auch noch so unbeschränkt, ohne Stütz- und Ausgangspunkt nicht denkbar ist. Auch bekundet die Geschichte diese Fortbildung, da Niemand behaupten wird, das heutige rabbinische Judenthum sei das des Moses oder der Propheten. Man hat uns auf die Folgen unsres Beginnens nach Außen aufmerksam gemacht, und angeführt, daß solches gegen die gerechten Ansprüche unserer Glaubensgenossen im allgemeinen auf bürgerliche Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern benutzt werden könnte. Dieses war uns selbst nicht entgangen. Allein war dies mit dem seitherigen Zustande des Judenthums weniger der Fall? sind aus demselben nicht ebenfalls Einwendungen gegen jene Ansprüche hergenommen worden? und soll die Sonne nicht leuchten, weil sie auch Giftpflanzen zeitigt? Wo immer übrigens solche Einwendungen bisher gemacht worden sind, ist es thcils redlich und im Ernste, thcils nur scheinbar und zur Selbsttäuschung geschehen. Es ist reicher Gewinn, wenn wir uns des Beifalls der Wolgesinnten zu erfreuen haben sollten; das anerzogene und eingewurzelt« Uebelwollcn aber glaubten wir nicht beachten zu dürfen. Wir glaubten vielmehr, es sei die Zeit gekommen, wo offenes Vertrauen eher zum Ziele führe, als mißtrauische Verschlossenheit; und wir haben uns, was zum wenigsten unsere nächste Umgebung betrifft, nicht getäuscht; unsere hiesigen christlichen Mitbürger haben unser Auftreten mit entschiedenem Wolwollcn ausgenommen. Ueberall in Deutschland meinen eS die Negierungen gut mit ihren jüdischen Unterthanen, und sie behandeln dieselben nur verschieden nach der Verschiedenheit ihrer Grundsätze im Allgemeinen, eigentlich nach den verschiedenen Ansichten ihrer Staatsmänner über Staat und Kirche, über Stabilität und Fortschritt; cs ist nur unglücklich und bcklagenswerth, daß das Schicksal so Vieler von solchen dem Wechsel unterliegenden Zufälligkeiten und wandelbaren Theorien abhängt. Es stand nicht zu befürchten, daß von irgend einer deutschen Regierung unser jedenfalls gutgemeintes und uneigennütziges Vorhaben unrichtig gedeutet oder gehindert werden würde und wirklich hat sich zu einer solchen Besorgniß kein Grund ergeben. Wvl aber trägt die bisherige absichtliche Verhüllung der inneren Zustände des Judenthums von Seiten seiner Bekenner große Schuld an dem vielen uuläugbaren Unrecht, an manchem herbem Urtheile, das sie erfahren. Mau hat uns vorgehalten, uns fehle der rechte Ernst, wir seien indifferent. Freilich von Fanatismus verspüren wir nicht den leisesten Anflug; wir haben zu unscrm Unternehmen nur die Begeisterung gebracht, welche eine klare Anschauung bei reinem Bewußtsein gibt, und sind weit entfernt, Andersdenkende oder Andersglaubende zu hassen und zu verfolgen; darum sind wir auch keine Sektirer. Daß wir aber in unscrm Streben ernst, daß wir nicht gleichgültig sind, dafür spricht die Thatsache, daß manche von uns ihrer Pietät, ihrem Beharren beim Judenthum, in politischer und materieller Beziehung Opfer gebracht haben, deren schwerlich sich einer unsrer Gegner rühmen kann. Der Eindruck endlich, welchen unser Unternehmen auf unsre Glaubensgenossen gemacht, entsprach ganz unfern Erwartungen. Die Widersacher eiferten, die Gleichgesinnten stimmten zwar bei, nahmen aber noch großcntheils Anstand die Erklärung zu unterzeichnen; hier wurden Rücksichten geltend gemacht, dort hegte man Besorgnisse; eigentlich aber war von der Abgabe einer schriftlichen Erklärung ein unmittelbarer persönlicher Vortheil nicht zu erlangen, eher ein Nachthcil zu besorgen. Nichtsdestoweniger haben wir uns des Beitritts vieler wackeren Männer von nah und fern zu erfreuen, und da unser Untcrnchmeu nicht auf Tage oder Wochen berechnet gewesen, so finden wir uns in unseren» Vertrauen auf keine Weise erschüttert, haben uns vielmehr bewogen gesunden auf ein Organ bedacht zu sein,^welches nicht nur von dem Fortgang des Unternehmens regelmäßige Kunde geben, sondern sich auch dessen freimüthige und gründliche Besprechung wie die Entwickelung der Consequenzcn angelegen sein lassen wird. Die Redaction der bei F. Schuster in Hersfeld erscheinenden Zeitschrift, — «der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts", herausgegcbrn von dem großhcrzogl. weimarscheu Landrabbinen, Herrn I)r. M. Heß in Stadtlengsfeld bei Eisenach hat sich bereit erklärt, zu dem Ende besondere Beilagen vom nächsten Monat an zu liefern, weshalb wir diese Zeitschrift allen, welche unsre Bestrebungen theilen und würdigen, sowol zur Lieferung von Beiträgen als zur möglichsten Verbreitung empfehlen. Frankfurt a. M., im Dccembcr 1843. Die jüdischen Reform freunde. Bekanntmachung. Man sucht einen fähigen jungen Mann mosaischen Glaubens, der, in einer größcrn deutschen Stadt, die Erziehung zweier Knaben von 11 und 7 Jahren und die Vorbildung derselben für das polytechnische Fach zu übernehmen im Stande ist. Das Nähere bei der Expedition dieses Blattes (F. Schuster in Hersfeld). Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.